Uraltes Instrument Eiszeitflöte betört die Forscher
Wer auch immer diese Flöte aus dem Stoßzahn eines Mammuts geschnitten hat, musste seine Musik lieben. "Wie ein Rolls Royce neben einem Toyota" wirke das Elfenbein-Instrument, wenn man es mit einer einfachen Knochenflöte vergleiche. Nicholas Conard, 43, kann Superlative nur mit spürbarer Mühe vermeiden, wenn er von seinem neuesten Fund spricht.
Die Elfenbeinflöte, die der Archäologe der Uni Tübingen mit seinem Team in der Geißenklösterle-Höhle bei Blaubeuren gefunden hat, ist eines der drei ältesten bekannten Tonwerkzeuge der Welt. Alle drei wurden am Geißenklösterle gefunden, doch die Flöte aus dem Stoßzahn ist das mit Abstand luxuriöseste Instrument - und womöglich auch das älteste der Welt.
Die Forscher haben die Ablagerungen, in denen die Bruchstücke der Flöte steckten, mit Hilfe der Radiokarbon-Methode auf ein Alter von 30.000 bis 36.000 Jahren datiert. Damit wäre das Elfenbein-Instrument etwa 1000 Jahre jünger als eine am gleichen Ort 1995 entdeckte Knochenflöte. Ein zweites Verfahren, die Thermolumineszenz-Datierung, ergab dagegen ein Alter von 37.000 Jahren. "Der Radiokohlenstoff in organischem Material war in jener Zeit starken Schwankungen unterworfen", sagt Conard im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Deshalb ist die Thermolumineszenz mindestens genauso wichtig."
Hohes kulturelles Niveau
Welches Instrument das älteste ist, lasse sich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Der eigentliche Wert der Elfenbeinflöte liege auch nicht im Altersrekord, sondern in ihrer Bedeutung für die Diskussion um die Anfänge der Kultur. "Wir können jetzt erstmals klar sehen, dass die Geschichte der Musik 35.000 Jahre zurückreicht", betont Conard. In der damaligen Zeit hausten in Europa sowohl die letzten Neandertaler als auch die ersten modernen Menschen. Dank der Flöte sei nun eindeutig bewiesen, dass die Bewohner des eiszeitlichen Europas kulturell zu ähnlichen Dingen fähig waren wie heute lebende Menschen.
"Ein einzelnes Instrument aus der Eiszeit könnte noch als Kuriosität durchgehen", sagt Conard. "Aber seit diesem Fund kann von einem Zufall keine Rede mehr sein. Die Musik war offenbar schon damals ein wichtiger Bestandteil des Lebens." Darauf deute auch die Tatsache hin, dass in einer Höhle gleich drei Flöten gefunden wurden. Archäologische Funde aus der Eiszeit, erklärt Conard, stellen stets nur "winzige Stichproben" der Gesamtvorgänge dar. "Dass wir in einer dieser Stichproben gleich drei Musikinstrumente gefunden haben, spricht für sich."
Friedrich Seeberger, ein Spezialist für archäologische Musik, hat die zuvor entdeckten Uralt-Instrumente aus der Eiszeit rekonstruiert. Deren Notenbandbreite, so das Ergebnis der Experimente, dürfte es den prähistorischen Flötisten erlaubt haben, variantenreich und ästhetisch aufzuspielen.
Welche Bedeutung die Musik für die Eiszeitler offenbar besaß, lasse sich nicht zuletzt an der aufwändigen Verarbeitung der Elfenbeinflöte ablesen. "Ein Instrument aus einem massiven Stoßzahn statt aus einem hohlen Vogelknochen anzufertigen, ist vollkommen außergewöhnlich", schwärmt Conard.
Komplizierte Fertigung
Und schwierig. Da der Stoßzahn krumm und Bohrmaschinen Zukunftsmusik waren, kam eine einfache Bohrung nicht in Frage. Der eiszeitliche Künstler musste den Zahn vorsichtig aufspalten und die Hälften präzise aushöhlen. Anschließend, so die Analyse der Archäologen, wurden die Hälften des knapp 19 Zentimeter langen Instruments akribisch zusammengeklebt. Der Spalt musste so perfekt gearbeitet sein, dass er kein Lüftchen passieren ließ.
"Wer ein solches Prachtstück baut, hat nicht nur die Funktion im Sinn", meint Conard. Der Klang sei vielleicht "größer und tiefer" gewesen als der einer einfachen Knochenflöte, aber physikalisch habe die komplizierte Elfenbein-Konstruktion nichts an der Funktion der Flöte geändert. "Da wollte jemand unbedingt etwas Besonderes haben", glaubt der Archäologe.
Prunk in der Eiszeit
Die Luxusflöte untermauert die These, dass im eiszeitlichen Schwabenländle die Kreativität gleichsam explodiert ist. Denn die dortigen Höhlen haben nicht nur uralte Tonwerkzeuge, sondern auch die bisher ältesten bekannten plastischen Kunstwerke freigegeben.
Zwar bezweifelt mancher Forscher noch, ob der kreative Big Bang eine Leistung des modernen Menschen oder der untergehenden Neandertaler war. So oder so scheint nun aber festzustehen, dass in den Höhlen auf der Alb nicht nur geschnitzt, sondern auch geflötet wurde - letzteres gar mit prunkvollem Gerät.
Eine Kultur, die sich in einer materiell so schwierigen Zeit wie der Eiszeit solche Luxusinstrumente leiste, müsse der Musik einen hohen Wert zugemessen haben, glaubt Conard. "Es ist kaum vorstellbar", meint der Archäologe, "dass es damals kein Singen und Tanzen gab."