US-Umfrage: Ethikregeln vergrätzen Forscher - DER SPIEGEL
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US-Umfrage Ethikregeln vergrätzen Forscher

Eine betriebsinterne Umfrage der obersten US-Gesundheitsbehörde lässt tiefer blicken, als es dem Chef lieb sein kann: Wegen strengerer Ethik-Regeln will sich jeder fünfte Forscher einen neuen Job suchen. Der Grund: Neuerdings müssen Nebeneinkünfte offengelegt werden.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Exec Sec1", die Sekretärin des Chefs: Von dieser Absenderadresse erhalten die meisten Angestellten der National Institutes of Health (NIH) nur äußert selten eine E-Mail. Vergangene Woche jedoch, am 26. Oktober, war das Memorandum gleich an den Verteiler "All NIH Staff" adressiert - an alle rund 16.000 Angestellten der US-Gesundheitsbehörde. "Ergebnisse der Ethik-Befragung" lautete der Betreff der Nachricht. Unterzeichnet hatte sie niemand geringeres als Elias Zerhouni, der Direktor der NIH.

Der Inhalt der kurzen E-Mail war Öl ins Feuer einer internen Debatte, die den größten Finanzier für medizinische und biomedizinische Forschung in den USA derzeit erschüttert. Es geht um Geld, Ethik und Bestechlichkeit im Herzen der Forschungsförderung.

8000 NIH-Angestellte hatten einen Fragebogen im Intranet der Behörde ausgefüllt. "Fast drei Viertel der Teilnehmer meinen, dass die neuen Ethikregeln positive Auswirkungen auf unsere Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit haben", schrieb Zerhouni seinen Mitarbeitern.

Die neuen Ethik-Richtlinien sorgen in den 27 Instituten und Zentren der NIH für Aufregung. Seit vergangenem Jahr in Kraft, verpflichten sie Wissenschaftler unter anderem, detailliert Nebentätigkeiten wie zum Beispiel für Pharmafirmen offenzulegen. Das ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Wissenschaftliche Fachzeitschriften etwa fordern von allen Autoren, dass sie zusammen mit ihrem Manuskript eine Auflistung von "conflicting interests" einreichen - von Interessen, die der Arbeit in die Quere geraten könnten. Doch während der Zerhouni sich auf ein besseres Image freut, sind seine Untergebenen sauer.

Nebeneinkünfte verboten - Forscher sauer

Drei von vier der befragten NIH-Wissenschaftler befürchten, künftig werde die US-Regierung darin behindert, qualifizierte Forscher anzuheuern und zu behalten. Immerhin ein Fünftel von ihnen gaben an, sie suchten aktiv nach einer neuen Anstellung und würden darüber nachdenken, ihren Job beim Staat an den Nagel zu hängen. Die Ergebnisse der Auswertung sind online verfügbar .

"Natürlich macht es uns Sorgen, wenn Angestellte sagen, dass sie wegen geänderter Verhaltensregeln kündigen wollen", sagte der stellvertretende NIH-Direktor Raynard Kington. Doch im Memo von Zerhouni konnten die Mitarbeiter lesen: "Zurzeit erwägen wir keine Veränderungen der Regeln."

Einige Forscher haben deshalb schon ihren Hut genommen. "Engagierte öffentliche Angestellte wurden regelrecht aus den NIH drangsaliert", sagte etwa Edward Maibach, der früher in der Leitung des National Cancer Institute arbeitete. Die neuen Verpflichtungen zur Offenlegung von Einkünften hätten seine Privatsphäre verletzt. Das ist eine Sichtweise.

Kompromittierende Schecks präsentiert

Allerdings hatten Nebeneinkünfte von NIH-Forschern zunächst den damals noch neuen Direktor Zerhouni beschädigt. Nach kompromittierenden Zeitungsberichten hatte der US-Kongress im Januar 2004 Ermittlungen wegen angeblicher Interessenkonflikte in der Forschungsförderung eingeleitet. Zerhouni wurde nach Washington zitiert. Vor einem Kongress-Ausschuss wurden dem Direktor dann Schecks präsentiert, die Verbindungen zwischen NIH-Forschern und der Industrie belegten. Ihren Vorgesetzten hatten sie das verheimlicht - eine peinliche Enthüllung.

Bis heute hängt deswegen der Haussegen bei den NIH schief. Zum ersten Mal seit 36 Jahren sieht sich die Behörde einer drohenden Stagnation ihres Budgets von derzeit mehr als 27 Milliarden US-Dollar gegenüber. Binnen der vergangenen sechs Jahre hatte es sich noch verdoppelt. Trotzdem kann der staatliche Forschungsförderer nur noch 12 bis 15 Prozent der eingereichten Projektanträge unterstützen. Die Association of American Universities berichtet, dass für die biomedizinische Forschung in den USA derzeit das meiste Geld zur Verfügung steht. Auch die wachsende Nachfrage nach Sicherheitsforschung im Zusammenhang mit dem Schutz vor Terroranschlägen hat einen regelrechten Boom in diesem Sektor ausgelöst.

Die Aussicht, von den üppig sprudelnden Industriegeldern nicht wenigstens in Form von Vortragspauschalen oder Beraterverträgen zu profitieren, deprimiert offenbar einen Großteil der NIH-Forscher. Vizedirektor Kington wies jedoch auch auf ein anderes Ergebnis der Ethik-Befragung hin: 81 Prozent der Forscher seien mit ihrem Beruf zufrieden - damit verfügten die NIH immerhin noch über eine der "positivsten Belegschaften" aller US-Behörden.

stx/AP