Vogelgrippe Lektion in Demut
Es klang nach einer Lektion in Demut. "Es handelt sich hier um ein Naturereignis", sagte Mecklenburg-Vorpommerns Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD). "Die Natur ist mit Paragrafen und Richtlinien nicht zu reglementieren", sagte Horst Seehofer (CSU). Die beiden Politiker traten zusammen mit dem Schweriner Ministerpräsidenten Harald Ringstorff (SPD) vor die Presse, nachdem sie am Vormittag die Insel Rügen und das nationale Referenzlabor für die Vogelgrippe auf der benachbarten Insel Riems besucht hatten.
Es war ein turbulenter Tag. Während ihres Besuches war zum ersten Mal in Deutschland der begründete Verdacht einer Infektion von Nutztieren publik und im Laufe des Nachmittags von Experten wieder entkräftet worden. Parallel wurde aber bestätigt, dass die Vogelgrippe auch einen vierten Landkreis an der Ostseeküste erreicht hat: Nordwestmecklenburg.
Die Politiker hatten sich, nicht zum ersten Mal, von den Tierseuchenexperten des Friedrich-Loeffler-Institus (FLI) beraten lassen. Die Absicht, Einigkeit und gute Zusammenarbeit zu demonstrieren, war augenscheinlich. "Wir sind ein ganzes Stück weiter als bei meinem letzten Besuch", sagte Seehofer. Die Zeit der Schuldzuweisungen wegen Missmanagement und Kompetenzhuberei ist vorbei, sollte das bedeuten.
Der mehrfach redundante Dank der Landespolitiker an freiwillige Helfer, örtliche Behörden, Minister Seehofer, seine Kabinettschefin Angela Merkel, den Bundesminister der Verteidigung - das erinnerte beinahe an Integrationserlebnisse wie den Einsatz bei der Oderflut. Dabei waren die Spannungen zwischen den Beteiligten noch zu spüren. Am Morgen hatte ausgerechnet Backhaus den Rügener Verdachtsfall bei einer Hausente öffentlich gemacht. Seehofer verwies unwirsch auf die möglichen Folgen solcher Meldungen für den Geflügelexport. Aber was hätte geschehen sollen? Verschweigen? Und wenn bis wann? Oder informieren, aber wann?
Dilemma der Dynamik
Als Horst Seehofer sagte, "es bleibt bei den Tipps für die Menschen, sich von Geflügelhaltungen fern zu halten", fiel ihm Ringstorff ins Wort: "... aber sich weiter von Geflügel zu ernähren." Die Stimmung der gesamten Veranstaltung war hier auf zwei Sätze konzentriert: Der Wunsch zu beruhigen, aber auch unaufgeregt zur Vorsicht aufzurufen, daneben die Sorge um die heimische Landwirtschaft und die Schwierigkeit, die Situation auf Faustregeln zu reduzieren.
Das Dilemma der Verantwortlichen: Zwar droht der Bundesrepublik eine ernste Tierseuche, doch hängt deren Verlauf nur teilweise von der Reaktion der Bürger und Behörden ab. "Wir haben zurzeit Glück, dass wir kaltes Wetter haben", sagte Backhaus. Unter Verweis auf den im Frühjahr beginnenden Vogelflug sagte er: "Wir müssen in Richtung Mai denken." Zwar gilt die Erklärung, Zugvögel seien allein für den H5N1-Ausbruch unter Wildvögeln an der Ostsee verantwortlich, bestenfalls als Hypothese. Viele Argumente sprechen gegen den Vogelzug als ausschließliche Erklärungsdimension. Dennoch begründen Experten auch unter Verweis auf den Vogelzug, dass eine Ausbreitung wahrscheinlich, die Infektion unter Wildvögeln kaum zu kontrollieren ist. Ergeben sprach Seehofer von einem "komplexen Naturgeschehen" und "Dynamik".
Tatsächlich spiegelt sich in der Metapher des Naturereignisses das Dilemma der Verantwortlichen: Es herrscht keine akute Gefahr für den Menschen, was aber nicht allen Bürgern klar zu sein scheint. Die Gefahr für Nutztiere indes ist so groß, dass sie drastische - und auf Dauer recht kostspielige - Maßnahmen erfordert. Die bislang einzigen Betroffenen, wild lebende und teilweise weit reisende Vögel, lassen sich nicht kontrollieren.
Zudem gibt das Virus den Forschern noch einige Rätsel auf: Offenbar steckt es nicht alle wilden Vögel an. Welche sind gefährdet? Tötet das Virus alle Infizierten und wenn ja in welchem Zeitraum? Die Erfahrung aus Asien zeigt, dass unterschiedlichste Viren in Wildenten ein evolutionäres Gleichgewicht anstreben: Sie töten den Wirt nicht, lassen ihn gar unbeschadet, und dürfen dafür in ihm reisen und gedeihen.
Geimpft mit den Argumenten und der Denkweise der Riemser Forscher kehrten die drei Politiker nach Schwerin zurück. Die Wissenschaftler brauchten Zeit, um seriöse Aussagen zu treffen und entsprechende Empfehlungen geben zu können. "Die Entwicklung ist ja gemessen an der Menschheitsgeschichte noch relativ jung", philosophierte Seehofer. Tatsächlich wird H5N1 seit 1997 intensiv erforscht, das ist keine lange Zeit. Den eigenen Erkenntnisfortschritt gegenüber der Dynamik der Natur zu relativieren, das klingt in der Tat demütig.
Doch nicht jedes gesellschaftliche Subsystem arbeitet und kommuniziert im selben Rhythmus wie die Wissenschaft. Und Politiker werden von Bürgern, Medien, politischen Gegnern und ihren jeweiligen föderalen Pendants geradezu zur Tatkraft genötigt. Ist diffuse Pandemie-Angst, im schlimmsten Fall ebenso regelrechte wie unbegründete Panik, der unausweichliche dunkle Zwilling sachgerechten Durchgreifens?
Experten sehen auch die guten Seiten daran, dass Menschen so sind: dass sie auf Gefahr und Risiko anders reagieren als auf den Alltag. Auch wenn sie noch so gefahrlos ihr Grillhühnchen essen können.
Das zeigt auch eine Äußerung von Alexander Kekulé von der Universität Halle-Wittenberg, einer der profiliertesten Mikrobiologen Deutschlands. "Vor zwei Jahren war ich noch verzweifelt, weil man sehr wenig getan hat", sagte Kekulé. "Irgendwie hat uns die Tierseuche Vogelgrippe den Gefallen getan, auch den Blick zu richten auf die menschliche Pandemie-Vorbereitung. Jetzt bin ich zuversichtlich, dass wir sie in den Griff bekommen."