Wann ist Sterbehilfe Mord? - DER SPIEGEL
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Demenzkranke Liebe Leserin, lieber Leser,

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ich finde es bewundernswert, dass die niederländische Gesellschaft Schwerstkranken ohne Aussicht auf Heilung die Möglichkeit gibt, auf Wunsch ärztlich begleitet und schmerzlos aus dem Leben zu scheiden. Seit dem Jahr 2002 ist die aktive Sterbehilfe unter streng definierten Voraussetzungen möglich. Mehr als 60.000 Menschen haben sie seither in Anspruch genommen.

Jetzt allerdings wird in den Niederlanden ein verstörender Fall verhandelt. In Den Haag steht erstmals eine an Sterbehilfe beteiligte Ärztin vor Gericht - weil sie eben doch eine Mörderin sei.

Im April 2016 hatte sie einer 74-jährigen Frau mit schwerster Demenz ohne deren Wissen ein Schlafmittel in den Kaffee gerührt. Dann wollte sie die tödliche Injektion vornehmen, aber plötzlich wurde die alte Dame doch noch wach und schien die Spritze abwehren zu wollen. Die Ärztin setzte sich körperlich gegen sie durch, wenig später war die Alzheimerpatientin tot. Hat die Staatsanwaltschaft also recht, wenn sie sagt, die Ärztin habe ihre Patientin heimtückisch und vorsätzlich umgebracht?

Als sie noch bei klarem Verstand war, hatte die Frau schriftlich verfügt: Sobald sie in ein Pflegeheim müsse, wolle sie euthanasiert werden. Am Tag vor ihrem Tod, so stellt es die Tochter dar, habe sie in einem seltenen hellen Moment gesagt: "Ich will sterben. Es ist gut." Auch ihr Ehemann unterstützte ihren Wunsch. Trotzdem lag sie schon sieben Wochen im Pflegeheim, bis sich Catharina A. dort ihrer annahm - wie vorgeschrieben unter Beteiligung eines weiteren Mediziners, der ebenfalls alle Bedingungen für die legale Sterbehilfe erfüllt sah.

Im Pflegeheim allerdings hatte sich die Demenzkranke widersprüchlich geäußert. Oft sagte sie, sie wolle sterben, manchmal jedoch fügte sie hinzu, "jetzt aber noch nicht". Welcher Wille soll gelten - der schriftlich dokumentierte aus besseren Tagen oder der eines stark geschädigten Gehirns, das zu keinerlei Einsicht mehr fähig ist? Die Staatsanwaltschaft argumentiert, dass Catharina A. ohne unmittelbares Einverständnis nicht hätte handeln dürfen. Die nunmehr pensionierte Ärztin, so fordern die Strafverfolger, soll des Mordes für schuldig erklärt werden - dafür aber keine Strafe erhalten. Viele Mediziner fürchten nun, dass Demenzkranke entgegen ihren Wünschen künftig von der Sterbehilfe ausgeschlossen werden könnten. Im September fällt das Urteil.

Wie würden Sie entscheiden? Die Ärztin war zutiefst davon überzeugt, dass die Frau körperlich und seelisch jeden Tag sehr schwer gelitten hat. Die Familie der Alzheimerkranken sah es ebenso, sie unterstützt die Ärztin bis heute. Hätte die Medizinerin ihrer Patientin wirklich den Tod verweigern sollen, weil diese ihn krankheitsbedingt nicht mit der gebotenen Klarheit herbeiwünschen konnte?

Herzliche Grüße
Marco Evers

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