Warnung: Experimente mit Erbmaterial sind "verantwortungslos" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Warnung Experimente mit Erbmaterial sind "verantwortungslos"

Die Gentechnik ist für den Einsatz an menschlichem Erbmaterial noch nicht weit genug entwickelt. Die Amerikanische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft veröffentlicht einen Bericht, der vor dem frühzeitigen Einsatz in der Praxis warnt.
Von Anna Rupp
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Washington - In ihrem lange erwarteten Gutachten teilt die Amerikanische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft (AAAS) mit, dass gentechnische Veränderungen an vererbbaren menschlichen Genen in der Umsetzung noch nicht sicher sein können. Die weltgrößte Wissenschaftler-Vereinigung rät dringend davon ab, Versuche an menschlichem Erbmaterial durchzuführen.

Es müsse mit dem Einsatz in der Praxis unbedingt gewartet werden, bis eine strenge Aufsicht und klare Normen vorhanden seien, heißt es in dem Bericht über gentechnische Veränderungen an menschlichem Erbmaterial. Die Forschung, die sich mit der Veränderung menschlichen Genmaterials beschäftigt, hat vor allem zum Ziel, Familien von Erbkrankheiten zu befreien.

Doch seien die Methoden derzeit noch so unausgereift, dass durch veränderte Gene, die in das Sperma oder die Eizellen der Patienten gebracht werden, neue genetische Fehler auftreten könnten. Verheerend sei das vor allem deshalb, weil diese unabsichtlichen Fehler ebenfalls in künftige Generationen transportiert würden.

Der Bericht stellt zwar fest, dass Gentherapie an nicht-vererbbaren Zellen schon geglückt sei. Doch die Veränderung von genetischem Erbmaterial sei derzeit nicht nur medizinisch "verantwortungslos", wie Dr. Mark Frankel erklärt, sondern werfe auch ethische und religiöse Fragen auf.

"Die gentechnische Veränderung von Erbmaterial ändert die Einstellung zum Wesen Mensch, zur natürlichen menschlichen Fortpflanzung und zur Eltern-Kind-Beziehung", sagen die Wissenschaftler. "Diese Art der Einflussnahme auf Erbmaterial wird die Einstellung zu behinderten Menschen sicher verschlechtern. Da Menschen einer Gesellschaft sehr unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zu diesen Methoden haben, wird mit ihrer Einführung auch eine gravierende Ungleichheit erzeugt werden."

Auch wenn die Gesellschaft sich aber für eine Einführung der gentechnischen Behandlung von Erbmaterial aussprechen sollte, wird eine politische Kontrolle in jedem Fall durch die ethische Problematik gerechtfertigt und auch nötig sein, meint Frankel.