Wie wehre ich mich gegen Mobbing? - DER SPIEGEL
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Modellorganismus der Mobbologie Liebe Leserin, lieber Leser,

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Boris Johnson ist seit Mittwoch der Premierminister von Großbritannien, euphorisch wurde er als "Britain Trump" begrüßt von seinem transatlantischen Vorbild in der hohen Kunst des Mobbings von Muslimen, Frauen und jedem, der sich ihnen entgegenstellt.

Well done, Boris. Endlich zieht Europa gleich mit den USA und verfügt nun über ein eigenes Freiluftlabor, um die Mechanismen der Hetze gegen Schwächere zu studieren.

Als Jugendlicher war ich oft in England, ich trampte quer über die Insel bis nach Schottland, ich lernte Land und Leute lieben, den Charme, den Humor, die langen Nächte in schummrigen Pubs, und später als Wissenschaftsjournalist die hitzigen und witzigen Diskussionen mit Forschern in den mittelalterlichen Collegegebäuden von Oxford. Fabulous.

Aber im Moment fällt es mir nicht leicht, das Großbritannien, das ich liebe, wiederzuerkennen. Vielleicht bleibt mir vorerst nur die lakonische "Stiff upper lip" und ein lauwarmes Pint voll Ironie. Ich stelle mir also vor: Vielleicht könnte die Insel ein neues Forschungsmekka bekommen, in 10 Downing Street, der Adresse des Premierministers? Zwar hat fast jeder und jede ganz eigene Erfahrungen mit dem Thema "Bullying", wie es in England genannt wird, egal ob auf dem Schulhof oder im Büro. Doch mit einem Studienobjekt wie Johnson eröffnet sich die Chance, der Angewandten Mobbologie zum Durchbruch zu verhelfen. God save Bullyology!

Nein, diese Fächer gibt es bislang natürlich nicht, zumindest nicht offiziell. Aber eigentlich wäre die Zeit reif dafür, denn die Fragestellungen sind fundamental und faszinierend. Zum Beispiel diese: Die Kosten durch Mobbing sind gigantisch, 23,8 Milliarden Dollar sollen es allein im Jahr 2006 für US-amerikanische Firmen gewesen sein, so eine damalige Studie. Aber wieso lassen die Aktionäre dieses schleichende Ausbluten ihrer Firmen zu? Möglicherweise, weil sie einem weitverbreiteten Missverständnis aufsitzen: Härte gegen andere und Verschlagenheit gelten bisweilen als Qualifikation, um im Wettbewerb zu bestehen. Dabei ist diese Annahme längst widerlegt. Arbeitspsychologen bei Google wollten einst herausfinden, was die erfolgreichsten Teams ausmacht: vielleicht die Buntheit der Gruppe, oder der IQ ihrer Mitglieder? Nix da. Sie stellten fest: Es ist die Sicherheit, dass einem die werten Kollegen nicht in den Rücken fallen ("psychological safety").

Vertrauen und Respekt sind gut für die Schulleistung und fürs Geschäftsergebnis. Klingt erst einmal banal, ist aber im Alltag schwer durchzusetzen. Denn Mobbing ist "ansteckend", es überträgt sich heftig und hartnäckig. Allein die physische Nähe zu einem toxischen Mitarbeiter wirkt infektiös, sie vergiftet das Verhalten der Leute in der Nähe: Bei einer Distanz von rund acht Metern in einem Großraumbüro verdoppelt sich das Risiko, einen netten Kerl in einen Mobber mutieren zu lassen, so eine Studie zum "Spillover effect".

Die Piesackerei macht krank: Es gibt Hinweise auf erhöhte Risiken für psychische Probleme, ebenso für Diabetes. Und zwar nicht nur bei den Gemobbten, sondern auch bei den Tätern. Früher untersuchte man vor allem diese beiden Gruppen. Heute wird Mobbing als soziales Drama verstanden, das weitere Rollen vorsieht, etwa Wegseher, "Ermöglicher" und eingeschüchterte Zuschauer. Doch dieses Drama spielt sich großenteils hinter den Kulissen ab, denn die meisten von uns scheinen mobbingblind zu sein, wenn es um das eigene Verhalten geht. Rund 50 Prozent der befragten US-Amerikaner gaben in einer Umfrage des Workplace Bullying Institute 2007 an, dass sie Ziel von Mobbingattacken geworden seien. Aber nur ein Prozent gab an, selbst gemobbt zu haben. Entweder war diese verschwindend geringe Zahl von Mobbern fast schon bewundernswert effizient, indem jeder Mobber eine ganze Truppe von sagenhaften 50 Opfern quälte. Oder aber, und das ist plausibler, wir alle leiden an einer Art Bully-Blindheit, wenn es um das eigene Fehlverhalten geht.

Wie auch immer, der psychische Apparat des Homo sapiens scheint extrem anfällig zu sein für Mobbing. Und so kommt es, dass "Wounded Leaders", emotional verkrüppelte Meinungsführer, ein ganzes Land in eine "Bully Nation" verwandeln können, selbst das großartige, lässige Cool Britannia. Die Mobbingpandemie ist wie eine Grippe, es gibt kein Allheilmittel. Aber Hoffnung, das berichtet Robert Sutton, ein Organisationspsychologe an der Stanford University und Autor des Bestsellers "The Asshole Survival Guide": Wenn jemand herumbrüllt, könne man die Show genießen und sich im Stillen darüber freuen, so ein seltenes Prachtexemplar der Kotzbrockigkeit aus der Nähe inspizieren zu dürfen. "Clinical perspective" nennt er das. Man kann es auch britische Ironie nennen.

Der wissenschaftlich-distanzierte Blick auf Mobber als Modellorganismen kann vielleicht wie eine Schutzimpfung wirken, in Schule, Büro oder Bundestag. Thank you for that, Boris!

Was sind Ihre Erfahrungen mit Mobbing, was raten Sie Betroffenen? Ich freue mich auf Ihre Zuschriften!

Herzlich

Hilmar Schmundt

PS: Letzte Woche habe ich Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die Frage gestellt, ob sich die Mondlandung wirklich gelohnt hat. Ich habe viele kluge E-Mails bekommen. Stellvertretend möchte ich hier Hartmut Weber aus Dinkelsbühl zitieren:

"Es kommt nicht darauf an, ob wir in 5 oder 10 Jahren auf dem Mars sind, denn inzwischen wissen wir eben auch, dass es große Hürden zu überwinden gilt, und so lange ist die Erkundung durch unbemannte Sonden das richtige Mittel. Der Blaue Planet wird immer unsere Heimat bleiben, doch kann es Gründe geben, die Heimat verlassen zu müssen. Der beste Grund wäre: Neugier auf Neues. Lassen wir uns darauf ein."

Feedback & Anregungen? 


Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche

  • Wissen schützt vor Mobbing nicht . Auch Topinstitute kämpfen immer wieder mit dem Problem.
  • Wie gehe ich am besten mit den Bösewichten um, die mich und andere mobben? Professor Robert Sutton redet Klartext  (auf Englisch). Als Selbstschutzstrategie schlägt er vor, Mobber zu studieren wie Käfer in einer Sammlung für "Assholeism" (ab Minute 29:00)
  • Neues und Hintergründe zum Thema Mobbing finden Sie auch auf dieser Themenseite.
  • Deutschland ächzt wieder einmal unter einer Hitzewelle. Über die vergangenen Jahrzehnte hat sich auf dem gesamten Kontinent die Durchschnittstemperatur erhöht. Diese interaktive Karte können Sie nachschlagen: Wie heftig ist Ihre Heimatregion betroffen?
  • Heißzeiten wie heute gab es doch immer wieder, und der Klimawandel ist eine Fiktion? Forscher aus Bern nehmen ein gängiges Argument auseinander.
  • Facebook muss eine Rekordstrafe von 5 Milliarden Dollar zahlen, schreibt mein Kollege Patrick Beuth. Künftig will der Konzern seine "Arbeitsweise grundlegend überdenken".
  • Vier von fünf Tieren leben nicht über der Erde, sondern im Boden , das hat ein Forscherteam aus Zürich festgestellt. Sie und ich, liebe Leserinnen und Leser, gehören zu einer winzigen Minderheit: Pro Mensch gibt es rund 60 Milliarden Nematoden.
  • Wie würden Jack Nicholson oder Woody Allen aussehen , wenn sie von einem alten Meister gemalt worden wären? Das Team um Mauro Martino vom Visual AI Lab am MIT bei Boston hat eine KI-Software mit 45.000 Gemälden aus der Kunstgeschichte trainiert, um erstaunliche Deepfake-Videos zu erstellen.

Quiz*

  • Ein Pokerface ist ja ganz nett, aber auch Weinen hat seine Vorzüge, so eine Studie im Fachjournal "Emotion". Quizfrage: Welche heilsame Wirkung hat es? Wer oft heult, lebt im Schnitt drei Jahre länger - Tränen verhindern Lachfalten, vor allem durch die Befeuchtung der Gesichtshaut - Wer schluchzt, bleibt innerlich cooler, gemessen an Herzschlag und Atmung.
  • Am 18. Juli wurde der Organismus namens Chrysomallon squamiferum auf die Rote Liste der bedrohten Arten gesetzt. Handelt es sich dabei um eine Meeresschnecke? Um eine fleischfressende Pflanze, auf deren Speisekarte ihrerseits etliche andere bedrohte Arten stehen? Um eine strahlungsresistente Mikrobe, die auf der Spitze einer "Proton-Rakete" gefunden wurde?
  • Anfang Juli hat die Regierung von Kolumbien über einzelne Plantagen eine Quarantäne verhängt. Ging es dabei um Kokabauern, deren Pflanzen einen zu hohen Anteil psychoaktiver Substanzen aufweisen? Um Kakaoplantagen, deren Ernte nicht den Qualitätsstandards für weiße Schokolade entspricht? Oder um Bananenplantagen, deren Pilzbefall, sollte er sich ausweiten, die globalen Bananenpreise durch die Decke gehen lassen könnte?

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Bild der Woche

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel - das ist ein geflügeltes Wort, es beschreibt etwas Überraschendes. Doch Gewitterblitze wie hier in Berlin kommen stets aus Wolken und deshalb selten unerwartet über uns. In manchen Gegenden knallt es öfter als anderswo; laut aktueller Jahresauswertung des Blitz-Informationsdienstes von Siemens lag Kroatien 2018 europaweit vorn. Deutsche Blitzhauptstadt wurde das unterfränkische Schweinfurt. Die derzeitige Hitzewelle ist ideal, um elektrostatische Entladungen am Himmel ordentlich krachen zu lassen.

Foto: Michael Körner/ action press

Fußnote

73 Millionen wissenschaftliche Artikel umfasst eine neue Datenbank, die der US-amerikanische Datenspezialist Carl Malamud in Indien aufbaut, berichtet die Wissenschaftszeitschrift "Nature". Das Archiv, dessen Inhalte bis zum Jahr 1847 zurückreichen, speichert über 500 Terabyte an Daten. Unklar ist, wie - ohne Einwilligung der Verlage - die Sammlung genutzt werden darf. Daher kann sie bislang nur vor Ort eingesehen werden, eine Internetverbindung fehlt absichtlich.

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* Quiz-Antworten: Weinen könnte bei der Beruhigung von Puls und Atem in stressigen Situationen helfen, so die Forscher in ihrem Paper mit dem Titel "Using Crying to Cope". / Bei Chrysomallon squamiferum handelt es sich um eine Meeresschnecke und um den ersten Tiefsee-Organismus, der unter Schutz gestellt wurde. / In Kolumbien sind Bananenplantagen durch eine zerstörerische Pilzart namens TR4 bedroht, die Bestätigung durch Laborbefunde allerdings wird erst im August erwartet, schreibt die Wissenschaftszeitschrift "Science" .