DER SPIEGEL
meinung •Elementarteilchen Trumps Feldzug gegen die Wahrheit
John Whitehead konnte es kaum fassen. Whitehead, 61, ist Professor für Umweltökonomie an der Appalachian State University in Boone, North Carolina. Zusammen mit einem Team von mehr als 150 Forscherinnen und Forschern hatte er an der ersten Bestandsaufnahme der Natur in den USA gearbeitet – dem »National Nature Assessment« (NNA).
Den Zustand aller Landschaften, aller Tier- und Pflanzenarten der Nation sollten sie erfassen, ebenso den Nutzen, den diese den Menschen bringen, und den Wandel, dem sie unterliegen. Tausende Arbeitsstunden hatten die Wissenschaftler investiert, sie standen kurz davor, ihre Beiträge einzureichen.
Doch kaum mehr als eine Woche nach Amtsantritt des neuen US-Präsidenten Donald Trump schickte der NNA-Koordinator an Whitehead und seine Kollegen die Schreckensnachricht: Die Regierung habe angeordnet, das Projekt sofort einzustellen.
Proteste gegen Kürzungen bei der US-Umweltbehörde EPA in Washington, D.C.
Foto:NurPhoto / IMAGO
Besonders erpicht ist Trump laut meinen Kollegen Johann Grolle und Claus Hecking darauf, die Umweltbehörde EPA (»Environmental Protection Agency«) zu schwächen. Johann und Claus haben die Entwicklungen der vergangenen Wochen verfolgt. Ihre Geschichte lesen Sie hier .
Auf der Expertise der EPA beruht nicht nur die Umwelt-, sondern auch die Klimaschutzgesetzgebung. Diese auszuhebeln, war Trump bereits in seiner ersten Amtszeit ein zentrales Anliegen. Er werde von der EPA »nur kleine Stücke übrig lassen«, hatte er geprahlt.
Beim zweiten Anlauf zeigt er sich laut Johann und Claus bestens darauf vorbereitet. Unverblümt beschrieb Russell Vought, den Trump soeben zum Direktor seines Haushaltsbüros ernannt hat, wie mit EPA-Bürokraten zu verfahren sei: »Wir wollen sie traumatisieren. Wenn sie morgens aufwachen, dann sollen sie nicht zur Arbeit gehen wollen.«
Noch eine zweite Bundesagentur haben Trump, Musk und ihre Leute als Hort des »Klima-Alarmismus« ausgemacht: die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), die unter anderem zuständig ist für die Analyse von Klima- und Wetterdaten sowie die Extremwetterforschung.
»Wenn Gelder von diesen Projekten abgezogen werden, kann das uns allen schaden«, sagt Rick Spinrad. Der 70-jährige Ozeanologe hat die NOAA bis zum 20. Januar geleitet. Zu den Hauptaufgaben der Behörde gehöre es, frühzeitig Informationen über Extremwetterereignisse, andere Naturgefahren und Klimaveränderungen zu beschaffen – damit sich Betroffene darauf einstellen können.
»Mit Klima-Alarmismus«, sagt Spinrad, »hat das nichts zu tun. Es ist Klima-Realismus. Wenn wir erfahren, dass es einen Schneesturm geben wird, bereiten wir uns doch auch darauf vor.«
Es scheint, als legte sich Donald Trump auf seinem Feldzug gegen die Wahrheit selbst mit dem Wetter an.
Herzlich,
Ihre Kerstin Kullmann
Außerdem empfehle ich Ihnen:
Mobilität: E-Fuels werden den Verbrennungsmotor kaum retten. Dennoch haben Lobbyisten und Politiker den Kraftstoff als Alternative zum E-Auto ins EU-Recht verhandelt. Wie es dazu kam und wie es jetzt weitergeht .
Gesundheit: Noroviren und Rotaviren sind hartnäckig, ebenso Bakterien wie Campylobacter. Eine Magen-Darm-Infektion kann alle treffen, vor allem jetzt. Was Sie für den Ernstfall wissen müssen .
Antibiotikaresistenz: Unter verletzten Soldaten in der Ukraine breiten sich multiresistente Bakterien massiv aus. Erste Erreger sind gegen alle verfügbaren Antibiotika immun. Ärzte sind alarmiert – auch in Deutschland .
Bundestagswahl: Der idealtypische Wähler ist gut informiert und entscheidet vernünftig. Mit der Realität hat das wenig zu tun. Der Politikwissenschaftler Kai Arzheimer erklärt, wovon abhängt, wem wir unsere Stimme geben .
Ernährung: Kartoffeln gelten oft als Dickmacher. Zu Unrecht! Es gibt gute Gründe, sie aufzutischen – und nach dem Kochen erst mal in den Kühlschrank zu stellen .
Bild der Woche
Palmyra-Burg in der syrischen Provinz Homs
Foto: Omar Haj Kadour / AFPMajestätisch thront die Palmyra-Burg über der gleichnamigen antiken Oasenstadt in Syrien. Im Mittelalter erbaut, wurde sie im Bürgerkrieg der vergangenen Jahre mehrmals von Kämpfern der Terrororganisation »Islamischer Staat« eingenommen. Die Terroristen sprengten Grabstätten und Tempel des benachbarten Weltkulturerbes. Nach dem Sturz des Assad-Regimes hoffen Experten, dass sich die Übergangsregierung bald mit dem Wiederaufbau der zerstörten Bauwerke beschäftigt.