Wissenschaftliche Studien Verschollen im Daten-Nirvana
Flüchtige Belege: Forschungsdaten wie dieser genetische Code sollen eigentlich über mindestens zehn Jahre aufbewahrt werden (Archivbild)
Foto: Marcus Brandt/ dpaHinter wissenschaftlichen Studien stecken zumeist Unmengen von Messdaten und statistischen Auswertungen. Wie die Resultate zustande gekommen sind, bleibt nur nachvollziehbar, wenn auch die Primärdaten aufbewahrt werden. Kanadische Forscher haben nun nach den Rohdaten von mehr als 500 bereits veröffentlichten Studien aus dem Bereich Ökologie gefahndet - in vielen Fällen ohne Ergebnis.
Je länger die Publikation einer Studie zurücklag, desto häufiger war es deren Autoren nicht mehr möglich, die Primärdaten aufzutreiben. Pro Jahr stieg die Wahrscheinlichkeit dafür um durchschnittlich 17 Prozent. Das berichten die Wissenschaftler um Timothy Vines von der University of British Columbia in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift "Current Biology" .
Einbezogen hatten die Forscher 516 Studien, die zwischen 1991 und 2011 veröffentlicht worden waren. Bei den ältesten von ihnen waren die Rohdaten in vier von fünf Fällen nicht mehr zugänglich - entweder weil die Adressen der Autoren veraltet oder die Daten verschollen waren. "Niemand erwartet, dass man von einer 50 Jahre alten Studie noch die Daten bekommen kann", kommentiert Timothy Vines das Ergebnis. "Aber dass nach 20 Jahren beinahe alle Datensätze verschwunden sind, war schon überraschend."
Auf dem Dachboden der Eltern
Damit sich die wissenschaftlichen Arbeiten überhaupt miteinander vergleichen ließen, wurden nur solche Studien einbezogen, in denen Längenmessungen von Pflanzen oder Tieren mit einer bestimmten statistischen Methode ausgewertet wurden. Zunächst versuchten die Kanadier, die Autoren dieser Studien zu erreichen. Schon das misslang in der Mehrzahl der Fälle, weil die angegebenen E-Mail-Adressen nicht mehr funktionierten oder die Anfragen nicht beantwortet wurden.
In immerhin 158 Fällen bekamen die kanadischen Forscher Informationen darüber, ob die Rohdaten der jeweiligen Studie noch vorhanden waren. Insgesamt 37 Primärdatensätze wurden dabei als vermisst gemeldet - ihr Anteil war umso größer, je weiter die Veröffentlichung zurücklag. So fehlten die Rohdaten bei zwei von drei untersuchten Studien, die im Jahr 1991 publiziert wurden. Bei zehn Jahre später veröffentlichten Arbeiten lag die Quote bei nur einem Drittel.
Starker Zusammenhang: Je älter eine Studie war, desto kleiner ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Primärdaten noch immer greifbar sind
Foto: Current Biology / Elsevier-VerlaDie Gründe für das Verschwinden wissenschaftlicher Rohdaten sind vielfältig - das zeigen die Rückmeldungen der angeschriebenen Autoren. Manche waren sicher, dass ihre Daten nicht mehr aufgespürt werden können - etwa weil sie auf einem Computer gespeichert waren, der gestohlen wurde. Andere vermuteten die Rohdaten an einem schwer zugänglichen Ort wie dem Dachboden ihrer Eltern.
Die Autoren der nun veröffentlichten Analyse fordern, öffentliche Archive für wissenschaftliche Primärdaten einzurichten. "Der Verlust von Datensätzen ist eine Verschwendung von Forschungsgeldern und schränkt die wissenschaftliche Arbeit ein", sagt Timothy Vines. Gerade weil viele Daten einzigartig und nicht reproduzierbar seien, sollten sie nicht allein in den Händen der Studienautoren bleiben.