Wüstenameisen: Rechenschieber im Kopf - DER SPIEGEL
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Wüstenameisen Rechenschieber im Kopf

Auch nach langen Ausflügen findet die Wüstenameise sicher zurück zum Nest. Die beeindruckende Fähigkeit verdankt das Insekt einem raffinierten Entfernungsmesser, haben deutsche Biologen entdeckt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Sahara bietet für eine sichere Navigation nur wenig Anhaltspunkte. Dennoch verirrt sich die Wüstenameise (Cataglyphis fortis) auch nach einer Futtersuche über mehrere hundert Meter nicht. Auf ihrem Weg kalkuliert die Navigationskünstlerin ständig Richtung und Entfernung zum heimischen Nest. Auf hügeligem Terrain berücksichtigt sie dabei sogar Höhenunterschiede und berechnet den Rückweg in Luftlinie, berichten Forscher der Berliner Humboldt-Universität und der Universität Zürich in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Nature".

Die Wissenschaftler um den Berliner Biologen Bernhard Ronacher hatten Wüstenameisen darauf trainiert, in einer eckigen Konstruktion aus Aluminiumprofilen Futter aufzuspüren. Bis zu den Melonenstücken und Kekskrümeln mussten die Insekten mehrere Steigungen und Gefälle überwinden und legten dabei knapp neun Meter zurück. Für ihren Rückweg wurden die Tiere auf ebenes Gelände gesetzt. Dabei stoppten sie bereits nach etwa fünf Metern - die Distanz, die der Luftlinie vom heimischen Bau bis zum Futter entsprach.

Die Ameisen mussten also die dreidimensionale Wegstrecke bei ihren Berechnungen auf eine fiktive horizontale Ebene projiziert haben, schließen Ronacher und seine Kollegen. Ein solches Vorgehen hätte bei der Orientierung in der freien Natur tatsächlich Vorteile: Da der Rückweg der Wüstenameisen selten mit dem Hinweg identisch ist, lässt sich mit einer in Luftlinie gemessenen Distanz verlässlicher navigieren. Wie der Rechenschieber im Kopf funktioniert, ist allerdings noch unklar.

Biologen hatten die Navigation der Ameisen schon früher untersucht, doch die dritte Dimension war dabei weitgehend außer Acht gelassen worden. Deshalb hatten Forscher bislang vermutet, dass die Insekten die zurückgelegte Distanz an Hand der Zahl ihrer Schritte bestimmen. Doch wie die Biologen um Ronacher nun gezeigt haben, ist die Entfernungsmessung weit komplexer. Neben diesem System nutzen die Tiere auch eine Art Kompass, um die Richtung zum Nest zu bestimmen. Dieses biologische Instrument beruht auf der Polarisation und dem Einfallswinkel der Sonnenstrahlen.