Zukunftsmusik: Einmal spucken, bitte! - DER SPIEGEL
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Zukunftsmusik Einmal spucken, bitte!

Mit Spucke Millionen verdienen, das wollen viele. Der belgische Molekularbiologe Christophe Van Huffel schafft es - vielleicht.
Von Rudolf Wagner
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Brüssel - Nicht nur die New Economy, auch die Biotechnologie ist um ausgefallene Geschäftsmodelle nicht verlegen: Wer Christophe Van Huffel für die Genforschung etwas Speichel einsendet, erhält als Dank eine Aktienoption. "Die ist in zehn Jahren vielleicht tausend Dollar wert", sagt Van Huffel. Und meint es ernst.

Der 36-Jährige ist der Typ von nebenan, mit dem man gern mal ein Bier trinken und notfalls auch ein Pferd stehlen würde. Dass Christophe Van Huffel ein weltweit bekannter Pionier der Molekularbiologie ist, dessen Forschungsvorhaben weit in die Zukunft reichen - man sieht es ihm nicht an.

Bevor er auf die Spucke kam, oder besser auf "Gespucktes", was er auf englisch vornehm "spit" nennt, war Van Huffel in der Krebsforschung tätig. Wie sich die 40.000 Gene in Krebszellen verhalten, untersuchte er in Amerika - und später, wieder in Europa, wie genetische Krankheiten geheilt werden können. Jetzt sitzt er in seinem Labor, um zu entdecken, ob und wie im genetischen Netzwerk des Menschen Informationen transportiert werden. Der Mensch als Computer gesehen, sozusagen.

Und nun die Spucke. Aus der Sicht des Molekularbiologen sind in dieser besonderen Flüssigkeit alle Informationen über ihren - sagen wir mal - Hersteller enthalten. Kriminologen, die Tassen aus dem Haus eines Mörders untersuchen lassen, nutzen diese Tatsache. Van Huffel möchte eine Art von Weltatlas herstellen, dessen Karten und Bilder die wissenschaftlichen Auswertungen von Spucke sind. Er träumt davon, dass er in den kommenden zehn Jahren eine Millionen Menschen findet, die ihm Proben von ihrem Speichel zusenden. Wer das tut, bekommt eine Aktienoption.

Dazu muss lediglich im Internet  ein Fragebogen mit Angaben zur medizinischen Familiengeschichte ausgefüllt werden, und prompt erhält der Proband als E-Mail ein Formular mit Strichcode und einem Kreis, in den bitte schön gespuckt werden soll.

Ist die Spucke trocken, kann das Formular gefaltet und in den Briefkasten befördert werden. Durch den Strichcode ist, so versichert Van Huffel, die Anonymität des Speichelträgers gewahrt. Postwendend wird nach dem Eingang der Speichelprobe die Aktienoption abgeschickt. Knapp dreihundert optionale Aktionäre hat das Unternehmen schon.

Am liebsten wären Van Huffel Zusendungen aus Asien und Afrika. Denn von dort gibt es viel weniger genetische Informationen als aus den westlichen Nationen. Leider haben dort aber noch zu wenig Menschen einen Computer mit Internet-Anschluss, und deshalb will sich Van Huffel auch Zeit lassen. Erst in zehn Jahren wird er sich wirklich mit den Zusendungen befassen. Bis dahin sollen auch die Analyseautomaten mit Superchips für die notwendigen Spucke-Untersuchungen gebaut sein.

Wenn Van Huffel in die Zukunft denkt, dann verfügt die Spitters-Aktiengesellschaft im Jahr 2010 über eine riesige Datenbank menschlicher Gene. Sie geben Einblick in krank machende Erbanlagen. Mit Hilfe der Datenbank sollen Forscher erkennen, wie in den verschiedenen Erdteilen Gene und Krankheiten einander bedingen oder ausschließen. Die Pharmaindustrie, so träumt Van Huffel, wird einmal weltweit Millionen und Abermillionen Dollar zahlen, um Zugang zu diesem einzigartigen Archiv zu erhalten. Nur so kann sie neue Krankheiten lokalisieren und wirksamer als zuvor bekämpfen.

Dann kommen auch die Aktionäre zu ihrem Geld. Für viele Leute in Amerika oder Europa sind tausend Dollar nicht viel Geld, weiß Van Huffel. "Aber wenn ich Einsendungen aus Afrika oder Asien bekomme, dann gibt es später auch dort Aktionäre von spitters.com. Diese Leute können das Geld am besten gebrauchen, und wir haben ein kleines bisschen Entwicklungshilfe geleistet."