Zigaretten Milde Gaben
In die Geschichte der großen Tabakkriege«, schrieb der Londoner Independent, werde der zurückliegende Monat »als Wendepunkt eingehen«. In annäherend einem Dutzend von Prozessen muß sich die US-Tabakindustrie mit dem Vorwurf auseinandersetzen, sie habe über Jahrzehnte hinweg bewußt ein Suchtmittel verkauft und die Gesundheit des Rauchervolks geschädigt.
Stets standen Amerikas Zigarettenkonzerne bei diesem Abwehrkampf, unterstützt von ganzen Heerscharen gewiefter Anwälte, in Treue fest zusammen.
Doch jetzt, um die Iden des März herum, geriet die Phalanx gleich an zwei Frontabschnitten ins Wanken - aus der Sicht der Großen im US-Tabakgeschäft eine womöglich verheerende Entwicklung: ___Drei ehemalige Mitarbeiter des weltgrößten Zigarettenherstellers, Philip Morris, gaben Anfang letzter Woche in eidesstattlichen Erklärungen zu Protokoll, daß Wissenschaftler und Manager von Philip Morris seit Jahren die suchtauslösende Wirkung von Nikotin gekannt und den Nikotingehalt ihrer Produkte kontrolliert haben. ___Wenige Tage zuvor war der kleinste der fünf größten US-Zigarettenhersteller, die Liggett Group aus Durham, North Carolina, aus der Tabakallianz ausgeschert und hatte sich bereit erklärt, einen Teil des Gewinns künftig für Programme zu verwenden, die US-Bürgern das Rauchen austreiben sollen. Auch will die Firma sich an den Behandlungskosten für Patienten beteiligen, die an raucherbedingten Leiden erkrankt sind.
Für die überraschende Volte des Zigarettenwinzlings Liggett (US-Marktanteil: 2,3 Prozent) hatte Bennett LeBow gesorgt, der Mehrheitseigner des Handelskonzerns Brooke Group, zu dem die Liggett-Gruppe gehört.
»Warum soll ich jedes Jahr zehn Millionen Dollar für Anwälte ausgeben, wenn ein Vergleich möglich ist?« lautete LeBows rhetorische Frage. Seine handfeste Antwort: Die Chesterfield-Hersteller, für die schon in den vierziger Jahren der damalige Filmschauspieler und spätere US-Präsident Ronald Reagan Reklame gemacht hatte, erklären sich bereit, innerhalb der nächsten 25 Jahre neben der Finanzierung von Entwöhnungsprogrammen mehr als eine Milliarde Dollar an eine Interessengemeinschaft von Nikotinopfern zu zahlen.
Überdies sagte Liggett zu, der Konzern wolle im gleichen Zeitraum rund 40 Millionen Dollar an fünf US-Bundesstaaten zahlen, deren Anwälte die Zigarettenindustrie auf Erstattung der hohen Kosten für Raucherkrankheiten verklagt haben.
Letzter Punkt in dem millionenschweren Kuhhandel: Die Liggett-Gruppe zieht sich aus der Gemeinschaftsklage zurück, mit welcher die Tabakkonzerne der Lebens- und Arzneimittelbehörde FDA das Recht streitig machen wollen, den Handel mit Rauch-Waren zu kontrollieren. Im Gegenzug wollen die zuständigen Gerichte und Behörden ihrerseits Liggett von der Liste der beklagten Konzerne streichen. In einer Zusatzklausel des Vergleichs sicherte sich LeBow zudem das Recht, daß jeder US-Zigarettenkonzern (Philip Morris ausgenommen), der Liggett kauft oder von Liggett gekauft wird, sich dem Vergleich anschließen kann.
Unterm Strich könnten sich die finanziellen Zugeständnisse von Liggett als glänzendes Geschäft erweisen. Im Vergleich zu den Schadensersatzzahlungen in Milliardenhöhe, die amerikanische Richter in ähnlich gelagerten Verbraucherprozessen verhängt haben, erscheinen Liggetts milde Gaben als Peanuts.
Selbst wenn noch andere US-Bundesstaaten und Interessengemeinschaften in den Vergleich einsteigen sollten, muß der Chesterfield-Hersteller, so sieht es der Deal vor, höchstens zwölf Prozent seines jeweiligen Jahresgewinns (1995: elf Millionen Dollar) in die jetzt vereinbarten Fonds abführen.
Erwartungsgemäß tobte der Branchengigant Philip Morris (Spitzenmarke Marlboro) gegen den Mitstreiter, der nun von der Fahne ging: Die von Liggett gehißte weiße Flagge sei »übersät mit Löchern«, der Liggett-Vergleich werde »unsere rechtliche Position nicht erschüttern«, vielmehr gelte es »zu kämpfen und zu siegen«, hieß es am vorletzten Wochenende in der New Yorker Konzernzentrale.
Doch die starken Töne erhielten wenig später einen empfindlichen Dämpfer - und das auch noch aus den Reihen der eigenen Firma.
Beinahe nach Mafia-Art hatten Amerikas Zigarettenkonzerne ihren Mitarbeitern Schweigeversprechen über jegliche Firmeninterna auferlegt. Nur gelegentlich, so im Sommer vergangenen Jahres, gelangten belastende Dokumente an die Öffentlichkeit oder durchbrachen ehemalige Mitarbeiter die Zigaretten-Omerta (SPIEGEL 47/1995).
Nun mußten die Konzernherren im Wall Street Journal nachlesen, »ein ehemaliger Philip-Morris-Wissenschaftler« habe behauptet, die Marlboro-Hersteller wüßten »seit Jahren über die rauschgiftähnliche Wirkung von Nikotin« bescheid.
In einer 24 Seiten umfassenden eidesstattlichen Erklärung hatte der Biologe Ian Uydess gegenüber FDA-Experten Erkenntnisse und Erfahrungen aus seiner insgesamt elfjährigen Beschäftigungszeit in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung bei Philip Morris in Richmond, Virginia, niedergelegt. Danach wußten Spitzenmanager und Wissenschaftler von Philip Morris, daß ___Nikotin auf das Gehirn wie eine Droge wirkt; ___Nikotin der entscheidende Tabakbestandteil ist, der Menschen zur Zigarette greifen läßt; ___der Nikotingehalt vom Hersteller routinemäßig überprüft und manipuliert wird; ___der wirtschaftliche Erfolg einer Zigarette ursächlich von ihrem Nikotingehalt abhängt.
Die Kenntnis vom optimalen Nikotingehalt, so Biologe Uydess weiter, sei das Ergebnis langjähriger Forschung gewesen, die von Philip Morris zielstrebig vorangetrieben wurde. Die Überwachung des Nikotingehalts werde mit äußerster Sorgfalt betrieben. Dies geht auch aus zusätzlichen eidesstattlichen Erklärungen hervor, die zwei Uydess-Kollegen der FDA gegenüber abgaben. Zum Einsatz kämen Geräte, wie sie sonst nur in der pharmazeutischen Industrie verwendet werden.
Als eine »enorme wissenschaftliche Herausforderung« bezeichnete es William Farone, ehemaliger Forschungschef von Philip Morris, in den jeweiligen Tabakmischungen den erwünschten »pharmakologisch wirksamen Nikotinpegel« zu erreichen. Um die natürlichen Unterschiede des Nikotingehalts verschiedener Tabaksorten »auszugleichen«, hätten »Zigarettenhersteller gar nicht umhinkönnen, den Nikotingehalt zu manipulieren«, erklärte Farone.
Genau dies aber hatten Amerikas Zigarettenbosse stets abgestritten, ebenso wie ihre Kenntnis von der Suchtwirkung des Nikotins. Und da sie dieses unter Eid vor einem Untersuchungsausschuß des US-Kongresses erklärt haben, könnten eine Reihe von derzeit anhängigen Verfahren auch die Konzernchefs selbst in Bedrängnis bringen - ihnen drohen hohe Geld- und Gefängnisstrafen.
»Träte dieser Fall ein«, sagt Graham Kelder, Rechtsprofessor aus Boston und leitender Anwalt einer Anti-Rauchergruppe, »werden diese Herren nicht länger mehr als ehrliche Verkäufer eines vorgeblich harmlosen Genußmittels angesehen werden, sondern als Pusher eines Rauschgifts mit dem Namen Nikotin.«
[Grafiktext]
Weltweiter Zigarettenkonsum seit 1980 in Zigarettenanzahl
[GrafiktextEnde]
___* 1948 mit Ronald Reagan.