WETTER Milder Winter
Den Segen eines Kurorchesters« hat Elke Courkamp, Veranstaltungsleiterin der Kurverwaltung des Nordseebades Büsum, in diesem Jahr »so richtig erkannt«. Aus »psychologischen Gründen« hielt sie die Musikanten dazu an, »weniger getragen« aufzuspielen, »dafür mehr flottere Melodien«.
So hoffte sie den kollektiven Trübsinn zu bekämpfen, der sich der Nordsee-Urlauber - und mit ihnen wohl der ganzen Nation - im verhagelten, verregneten Sommer '84 bemächtigt hat.
Leergefegte Strände: »Wir gehen jeden Morgen in die Kirche«, bekundete eine Familienmutter aus dem Rheinland dem NDR-Reporter an der Ostsee. Entvölkerte Schwimmbäder: Obwohl es »drinnen wärmer ist als draußen« (ein Schwimmer in Hannover), blieben die Besucher weg. »Stellenweise Glatteis": Minus ein Grad Celsius herrschten auf der Autobahn zum Frankfurter Flughafen in der Nacht zum 1. Juli.
Frühjahr und Sommer 1984: Es ist, als habe jemand die Republik, die komplette Landmasse zwischen Alpen und Nordsee, um ein Dutzend Breitengrade in Richtung Nordpol transportiert.
»B-b-bitte heizen«, forderte »Bild« die Wohnungsvermieter auf; in Norddeutschland saßen Zehntausende mitten im Hochsommer frierend in ihren ungeheizten Wohnungen. Die Bayern mußten, Sacklzementhalleluja, auf ihre abendliche Maß im Biergarten verzichten. »Hier ist es«, so letzte Woche ein Schankkellner in Münchens Faßbier-Oase Hirschgarten, »so leer und kalt wie im Leichenhaus.«
Sommerschlußverkauf schon Mitte Juni, weil die Läden ihre Warmwetter-Fummel nicht los wurden; Pullover und regensichere Anoraks als Freizeit- und Urlaubskleidung; verschwunden die um diese Jahreszeit sonst unvermeidlichen Heerscharen von Nackten an den Stränden von Sylt, dafür ein Hagel-Bombardement auf München und Umgebung - so etwas hatten die Deutschen, verwöhnt durch zwei strahlende Sonnen-Sommer, lange nicht erlebt.
Die aufeinanderfolgenden Schauerstaffeln, Gewitterfronten und Kaltluftströme entglitten bisweilen der Kontrolle der Meteorologen, geradezu beschwörend kündigten sie über Wochen hinweg täglich besseres Wetter für jeweils übermorgen an - doch bis auf wenige Hitzetage Mitte Juli blieb die Witterung so kühl wie der »Heute«-Wetter-Onkel Dr. Martin Teich. Genasführt hatte ihn und seine Kollegen ein »sich atypisch verhaltendes« Hoch über den Azoren, wie der Hamburger Meteorologe Dr. Horst Dronia meint (siehe Interview).
Verrückt gespielt hatte das Wetter schon seit Jahresbeginn. Nach einem zu warmen Winter gab es, mit Temperaturen um 25 Grad, das wärmste Osterfest seit 22 Jahren. Der Mai wiederum war »wie aus dem Kühlschrank«, »gräuslich und unterkühlt« ("Süddeutsche Zeitung").
Den »viertnassesten« und »sechstkältesten« Juni seit mehr als 100 Jahren rechneten die Meteorologen vor, als die Durchschnittstemperatur im Frühsommermonat Juni auf 12,8 Grad sank. Und der Juli, bislang, spottete vollends der Beschreibung: Nach der dreieinhalbtägigen »Hitzewelle« ("Kölnische Rundschau") krachten Gewitter nieder, dann kehrte der Regen wieder ein.
Das Fazit über die erste Hälfte des Sommers zog Dr. Wolfgang Terpitz, Mitglied des Kassandra-Stabes beim ZDF: »Es handelt sich um einen milden Winter.« Terpitz rettet sich mit Sprüchen aus der Verlegenheit, in der sich die Wetter-Prognostiker befinden: »Es kann nur noch wärmer werden, kälter geht nicht. So tröste ich die Menschheit.« Wer irgend konnte, verzog sich in Gegenden, für welche die Fernseh-Wetterkarte Himmelsbläue verhieß. Steigende Nachfrage verzeichnete die Reisebüro-Kette DER. »Weil die Leute weg wollen«, so DER-Sprecher Gerd Leidinger. »Egal wohin, Hauptsache Sonne.«
Ausgebucht, überraschenderweise, sind auch die deutschen Nord- und Ostseeküsten. Noch im Gedenken an den letzten Sommer und voller Hoffnung hatten sich die Sonnenhungrigen dorthin begeben. Nun üben sie, getreu dem Kanzlerwort »Wir lassen uns die Lebensfreude nicht vermiesen«, Durchhaltewillen: Tägliche Skatturniere auf dem Campingplatz Wallnau (Insel Fehmarn), Kochkurse für original Dithmarscher Gerichte im Büsumer »Haus des Kurgastes«, dazu in den Kochpausen »Dias von Büsum bei Sonnenschein«.
Bei den Eutiner Sommerspielen (unter freiem Himmel) wurde »Der Vogelhändler« in neuer Ausstattung gegeben: Soprane und Tenöre unterm Regenschirm auf der Bühne, das Orchester unter einer Plastikplane. Und als die Münchner Fronleichnams-Prozession in Regengüssen ertrank, suchte der Erzbischof, der Mann heißt Friedrich Wetter, seine durchweichten Schäfchen aufzumuntern: »Jetzt sind wir eh naß, jetzt können wir auch weitergehen.«
So mag's, sagen Pessimisten, auch für den Rest des Sommers gelten.