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ENERGIE Minis am Netz

Wasserkraft, die sauberste und sicherste Energiequelle, verströmt noch weithin ungenutzt. Die Dritte Welt, erklärt ein US-Experte, wäre am besten mit einem kleinen Stauwerk für jedes Dorf zu elektrifizieren.
• aus DER SPIEGEL 29/1981
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Als Weltwunder der Neuzeit erachteten es die Ägypter, als sie die 17fache Masse der Cheops-Pyramide auftürmten: Der Damm von Assuan erlaubte ihnen, noch das letzte Fellachendorf zu elektrifizieren.

Ghana ließ den Volta-Fluß zu einem See von der dreifachen Fläche des Saarlandes auflaufen. Das Entwicklungsland bezieht nun -- wie das hochentwickelte Norwegen -- 99 Prozent seines Stroms aus gestautem Wasser.

Zehn Milliarden Dollar wenden Brasilien und Paraguay auf, um den Rio Parana zu bändigen. 18 Turbogeneratoren werden dort von 1983 an eingeschaltet; 1988 soll der Komplex von Itaipu (SPIEGEL 20/1981) mit 12 600 Megawatt, der Leistung von zehn Atommeilern, die größte hydroelektrische Anlage der Welt sein.

Dennoch meint nun der US-Experte Daniel Deudney, Wasserkraft sei noch eine »vernachlässigte Energiequelle«.

Er sehe nicht nur die Gefahr, erläutert der Amerikaner, »daß Energieplaner, deren Entscheidungen von heute die ökonomischen und ökologischen Chancen künftiger Generationen vorbestimmen, ihr enormes ungenutztes Potential weit unterschätzen«. Die hochentwickelten Staaten, die Industrie und Verkehr hauptsächlich auf Erdöl abgestellt hatten, gäben auch der Dritten Welt noch immer falsche Maßstäbe für die Anwendung von Wasserkraft.

Solche Mahnungen sind Leitthemen einer Studie Deudneys, die das Worldwatch Institute in Washington, eine von der Uno mitfinanzierte unabhängige Forschungsorganisation, jüngst veröffentlicht hat.

( Daniel Deudney: »Rivers of Energy: The ) ( Hydropower Potential«. Worldwatch ) ( Institute, Washington; 56 Seiten; zwei ) ( Dollar. )

Sollte die Menschheit nun sogar bei der Nutzung des saubersten, von der Natur ständig erneuerten Kraftquells Fehler machen?

Seit einem Jahrhundert wird Hydroelektrizität erzeugt. Erstmals hatten US-Ingenieure 1882 an einem Stauwerk in Wisconsin eine Turbine mit einem Generator gekoppelt.

Mittlerweile sind auf allen Kontinenten Wasserkraftwerke mit einer Leistung von insgesamt 363 000 Megawatt in Betrieb; sie erzeugen 23 Prozent des in der Welt verbrauchten Stroms. Anlagen für weitere 123 000 Megawatt sind in Bau, für noch einmal 240 000 Megawatt in der Planung.

Doch während Öl-Krisen und Kontroversen um die Atomtechnik die Welt-Energiewirtschaft zu beherrschen scheinen, argumentiert Deudney, sei das vorhandene Wasserkraft-Reservoir bisher kaum recht angezapft.

Tatsächlich ließe sich die Ausbeute an Hydroelektrizität, wie Fachleute auf der Münchner Weltenergiekonferenz im September letzten Jahres schätzten, auf das Vier- bis Sechsfache steigern. Ohne Einsatz neuer technischer Verfahren, ohne unsinnigen Aufwand und gefährliche Eingriffe in die Umwelt sei global eine Leistung von 2,2 Millionen Megawatt zu erreichen; das entspräche dem gesamten derzeitigen Stromverbrauch der Erdbevölkerung.

Allerdings ist der Nutzen dieser Energiequelle, die nur den Bau und Unterhalt der Kraftwerke und sonst nichts kostet, einstweilen höchst ungleich verteilt. Europa hat fast 60 Prozent seines Wasserkraft-Potentials erschlossen (mit den demnächst errichteten und bereits geplanten Anlagen werden es 80 Prozent sein) -- hingegen sind es in Asien erst neun, in Südamerika acht und in Afrika fünf Prozent.

Das Vorbild der hochindustrialisierten Staaten verführte die Dritte Welt zum einen dazu, sich ebenfalls auf eine Erdöl-Wirtschaft einzustellen. Nun fehlen den Entwicklungsländern am ehesten die Mittel, auf Wasserkraft umzuschalten.

Zum anderen setzten sie, weil große Probleme scheinbar am leichtesten mit großem Einsatz zu lösen sind, auf Prestigeprojekte von zweifelhaftem Wert. Die Weltbank, kritisiert Deudney, förderte noch diesen Trend: In den letzten vier Jahren bewilligte sie rund 1,7 Milliarden Dollar für hydroelektrische Großkraftwerke, kaum etwas für bescheidene Anlagen, die auf den Einsatz in weniger dicht besiedelten Regionen zugeschnitten wären.

Indonesien zum Beispiel baut für zwei Milliarden Dollar auf Sumatra den Asahan-Komplex, mit dessen Strom auch eine moderne Aluminiumschmelze betrieben werden soll. Von den 20 Millionen Einwohnern der Insel S.145 aber werden dort nur 2100 Arbeit finden.

Vom Volta-Stauwerk in Ghana profitiert vor allem die amerikanische Kaiser Aluminum Company. Der Multi handelte dem kleinen Land einen für 30 Jahre fixen Strompreis ab, der schon jetzt nur mehr ein Zwanzigstel des weltweit üblichen Satzes beträgt.

Schon gar nicht rüsteten die Ingenieure aus den Industriestaaten die Entwicklungsländer dafür, die schwer kalkulierbaren Nebenfolgen solcher Mammutanlagen aufzufangen. »Wenn die Errichtung eines Riesendamms der einzig geplante Eingriff in das Ökosystem eines Flusses ist«, erklärt Deudney, »sind Katastrophen für Mensch und Natur unausweichlich.«

Allein vier neue große Stauseen in Afrika vertrieben mehr als eine Viertelmillion Menschen aus ihren angestammten Siedlungsgebieten. Künstlich bewässerte Felder versalzen. Der Assuan-Damm, der den Nilschlamm zurückhält, zwang die Ägypter zu hohem Aufwand für Kunstdünger.

Seit dem Bau des Sennar-Stauwerks am Blauen Nil werden 800 000 Hektar bewässert, die zwei Millionen Menschen ernähren; zudem wächst dort nun so viel Baumwolle, daß der Sudan damit die Hälfte seiner Exporterlöse erwirtschaftet. Doch die Wasserflächen wurden auch Brutplätze von Krankheitserregern -- Bilharziose, Malaria und Durchfall insbesondere bei Kindern grassieren.

Indes gibt es Anzeichen, daß die Planer hinzulernen. Bei dem Gemeinschaftsprojekt von Mauretanien, Mali und Senegal für ein Stauwerk, das Strom liefern und Felder bewässern soll, waren Überwachungsprogramme für die empfindlichen tropischen Biotope und Hilfsaktionen für die umzusiedelnde Bevölkerung von Beginn an vorgesehen.

Am hilfreichsten für die ländlichen Gebiete der Dritten Welt, in der erst jeder achte Einwohner Stromanschluß hat, wird nach Deudneys Urteil jedoch die Technik der kleinen Schritte sein. Als beispielhaft wertet der US-Experte die Anstrengungen chinesischer Kommunen, die seit der Kulturrevolution rund 90 000 Stauwerke mit einer Leistung von durchschnittlich 72 Kilowatt gebaut haben -- sehr kärglich, aber ausreichend für je ein Dorf.

Die Elektrizität, erzeugt mit manchmal nur koffergroßen Turbogeneratoren, treibt Sägen, Mühlen und Maschinen von Handwerksbetrieben. Die Teiche regulieren den Wasserstand der Flüsse, sichern die Bewässerung der Reisfelder und dienen zur Aquakultur; vier Millionen Tonnen Fisch fallen dabei jährlich ab.

Schon beginnen auch andere Länder, auf solchen wenig spektakulären Fortschritt zu setzen. So installiert Peru mit amerikanischer Unterstützung 28 hydroelektrische Anlagen mit Leistungen zwischen 100 und 1000 Kilowatt.

Frankreich hilft mehreren afrikanischen Staaten beim Bau kleinerer Dämme. Mit Schweizer Technik richtet Nepal Fabriken ein, die billige Turbinen produzieren werden; das Land, das aus den Himalaya-Flüssen schon 74 Prozent seines Stroms bezieht, nahm erst in letzter Zeit wieder 60 wassergetriebene Mühlen in Betrieb.

Selbst die Reichen lernen sparen. Frankreich, das eines der größten Atomprogramme ins Werk setzt, hat auch 1060 Mini-Hydrostationen mit weniger als zwei Megawatt Leistung am Netz.

Deudney predigt freilich nicht technologische Armseligkeit. Neue Perspektiven seien nötig, und China -- so der US-Experte -- sei schon dabei, sie mit der »Strategie des Gehens auf zwei Beinen« vorzuzeichnen.

Neben den Dorfkraftwerken, zu deren Bau die Pekinger Regierung das Milliarden-Volk weiterhin ermuntert, wollen die Chinesen nun auch eine Anlage errichten, die gleich mit einem Schlag die Versorgungsschwierigkeiten von Großstädten und Industriezentren beheben soll.

Vorbildlich könnte dieses Projekt allerdings wohl nur in der Entschlossenheit zur Tat werden. Denn es übertrifft mit seinen Dimensionen noch die Konzepte von Amerikanern, Kanadiern und Russen, die ihre zur Arktis fließenden Ströme Yukon, MacKenzie, Ob und Lena mit titanischen Staumauern bestücken wollen.

Der dann größte Damm der Welt wird, an den jetzt noch als landschaftliche Sehenswürdigkeit gepriesenen Drei Schluchten, den Mittellauf des Jangtse-kiang stauen. Die Wassermassen des längsten asiatischen Flusses werden zu einem Binnenmeer auflaufen, dem zwei Millionen Menschen weichen müssen -aber sie werden Turbogeneratoren mit 25 000 Megawatt Leistung treiben.

S.144Daniel Deudney: »Rivers of Energy: The Hydropower Potential«.Worldwatch Institute, Washington; 56 Seiten; zwei Dollar.*

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