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COMPUTER Mit dem Kuli ins Netz

Können Stifte die Tastatur ersetzen? Seit Jahrzehnten ist das »Pen Computing« eine Geschichte voller Pleiten. Nun drängt eine neue Gerätegeneration auf den Markt.
• aus DER SPIEGEL 16/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich zeige Ihnen jetzt das perfekte Computer-Interface«, sagt Örjan Johansson, ein Manager mit dem Charme eines Staubsaugervertreters. Dazu macht er eine geheimnisvolle Miene: »Im Gegensatz zu meinem Notebook wiegt es nur ein paar Gramm, kostet nur ein paar Pfennige, es hat eine phantastische Auflösung - und ich kann es einfach zusammenknüllen und in den Papierkorb werfen.« Während er so schwärmt, hält er einen scheinbar normalen Zettel in die Luft. Papier - das Interface der Zukunft?

»Gucken Sie, was man damit machen kann«, sagt er und bekritzelt den Zettel hastig mit Hilfe eines faustkeilgroßen Hightech-Stifts. Dann macht er einen Kringel dort, wo auf einem Kästchen »absenden« steht. Wenige Sekunden später erscheint sein Gruß handschriftlich gekrakelt auf seinem Handy-Display: »Welcome to Anoto.« Stolz grinsend knüllt Johansson das Zauberpapier zusammen.

Johansson war einer der maßgeblichen Entwickler des Funkstandards »Bluetooth«, heute ist er Aufsichtsratsvorsitzender der schwedischen Firma Anoto, deren Name Programm ist: »Ich schreibe« heißt »annoto« auf Lateinisch. Es geht um ein brandaltes, urneues Eingabegerät für Handy und Rechner: Handschrift und Zettel.

Johanssons Vision klingt denkbar einfach: Wer eine SMS-Nachricht, eine E-Mail oder ein Fax versenden will, kritzelt die Botschaft einfach mit Spezialstift auf Spezialpapier. Und wer eine Verabredung in seinen Terminplaner eintragen will, tut das einfach im speziellen Papierkalender, prompt werden die Daten übertragen.

Voraussetzung dafür ist Johanssons Faustkeil-Stift, prallvoll mit Elektronik, den Ericsson zum Weihnachtsgeschäft unter dem Namen »Chatpen« auf den Markt bringen will.

Nicht nur Anoto feiert die Wiedergeburt des Stifts als Eingabegerät. Stiftrechner, so genannte Pen Computer, sind auf dem Vormarsch. Millionen elektronischer Terminplaner werden bereits mit Plastikstiften bedient. Und auf der Cebit waren Dutzende von handtellerkleinen Surfbrettern ausgestellt, so genannte Internet Appliances, die meist ohne Tastatur auskommen. Zudem: Drei Viertel aller Europäer, so eine Studie des Marktforschungsinstituts Forrester, werden bis 2005 ein internetfähiges Handy haben - und damit ein Problem bei der Eingabe per Tastatur.

»Spracherkennung und Pen Computing werden sich in den nächsten zwei Jahren allgemein durchsetzen«, prophezeit André Meyer, Forscher beim Philips-Konzern. »Wer heute kommuniziert, tut das immer seltener am Schreibtisch und immer öfter im Auto, auf dem Flur im Spital oder im Kuhstall.« Die Tastatur, so Meyer, werde deshalb in der mobilen Informationsgesellschaft zum Nischenprodukt für Bürohengste degradiert.

Das Schreiben per Hand galt schon immer als intuitiv und persönlich. Das Tippen hingegen wurde als widernatürlich empfunden, seit 1874 die amerikanische Rüstungsfirma Remington erstmalig eine Schreibmaschine als Massenprodukt fertigte, um nach dem Bürgerkrieg die Umsatzverluste beim Gewehrverkauf auszugleichen. »Das maschinelle Schreiben nimmt der Hand im Bereich des geschriebenen Wortes den Rang«, lamentierte der Philosoph Martin Heidegger noch 70 Jahre später, »und degradiert das Wort zu einem Verkehrsmittel.« Nun also soll sogar das handgeschriebene Wort auf der Datenautobahn verkehren können.

Der Traum, den Computer per Stift zu steuern, ist alt, doch scheiterte er bisher beharrlich. Schon 1968 stellte der Informatiker Alan Kay seine Vision des »Dynabook« vor, Stifteingabe inklusive. Das Gerät wurde nie gebaut, stattdessen erfand Kay einen ersten Zwischenschritt, um die verhasste Tastatur zu umgehen: das grafische Benutzer-Interface.

Anfang der neunziger Jahre unternahm die Branche dann den nächsten Anlauf, doch die Prozessorleistung reichte nicht, die Maschinen verhedderten sich im Gewirr der Kringel und Krakel, das Menschen Handschrift nennen. Apples visionärer Handrechner Newton wurde 1992 ein niederschmetternder Flop.

Seitdem sind die Rechner leistungsstärker geworden und die Erfinder bescheidener. Noch immer kommt bei allen Versuchen, normale Handschrift zu entziffern, kaum mehr als wirrer Buchstabensalat heraus. Wer, wie etwa beim Palm, seine Notizen mit dem Stift eingeben will, muss erst demütig wie ein Abc-Schütze ein neues, maschinenlesbares Alphabet namens »Graffiti« pauken, in dem das K wie ein kleines griechisches Alpha aussieht.

Der Anoto-Chatpen hingegen verzichtet darauf, Schriftzeichen zu verstehen, er versendet die handschriftlichen Grüße im Faksimile. Die Intelligenz steckt nicht im Stift, sondern im Papier, das mit einem komplizierten Pünktchenmuster übersäht ist, so dass kein Fleck dem anderen gleicht. Jeder Punkt auf der Karte lässt sich mit einer anderen Sende-Funktion belegen (siehe Grafik). Alle Zettelchen zusammen würden die halbe Fläche der USA bedecken.

Aus dieser Cyberkarte verkauft Anoto kleine Parzellen, fast wie ein Bodenspekulant: Wer interaktive Anzeigen oder Papierkalender drucken will, kauft einen Ausschnitt. Das entsprechende Pünktchenmuster wird dann auf eine beliebige Oberfläche gedruckt - schon ist sie eingemeindet in den Cyberspace, global erreichbar von jedem Kunden, der über Chatpen und Handy verfügt. Anoto ist unumschränkter Herrscher in dieser Karte ohne Land, einem Reich der Mitte zwischen Cyberspace und Gutenberg-Galaxis.

Monatlich werden in Deutschland zwei Milliarden SMS verschickt. »Wir wollen daran mitverdienen«, sagt Johansson, »denn wir ermöglichen es auch Omas, daran teilzunehmen.« Er ist überzeugt, dass seine Stifte auch jene schweigende Mehrheit der Bevölkerung locken könnten, die keinen Rechner besitzt.

Doch Zweifel daran sind angebracht. »Diese Zettelwirtschaft von Anoto ist doch mittelalterlich«, lästert etwa Gilad Lederer, ein dunkellockiger, stiernackiger Dynamiker. »Sie sitzen in einem Café und wollen eine Mail verschicken, haben aber Ihre Mailverschick-Briefchen vergessen.«

Lederers Skepsis ist verständlich, denn er arbeitet an einem Konkurrenzprodukt: dem »Virtual Pen« seiner Firma Gou Lite, an der auch die Deutsche Bank eine Beteiligung hält. Einen ersten Prototyp gibt es bereits, der aussieht wie ein silberschwarzer Faustkeil. Entworfen wurde er von Ideo, dem Designbüro, das auch den Palm gestaltet hat. Lederer malt mit dem Designer-Griffel imaginäre Zeichen auf die Tischplatte. Der Stift hinterlässt keine Tintenspur, misst lediglich per Laser seine eigene Bewegung. »Tinte und Papier sind überflüssig«, sagt Lederer. »Ich kann auf jeder Oberfläche Daten eingeben.«

Darf man mal ausprobieren? »Nein«, sagt Lederer prompt, die Schrifterkennung funktioniere nur, wenn das System auf einen Benutzer trainiert worden sei. Wenige Minuten später zeigt sich eine weitere Schwäche vieler Stiftsysteme: Die Batterie des Virtual Pen ist leer geschrieben, der Zauberstift damit nutzlos.

Noch ist die Handschrift als Verkehrsmittel für die Datenautobahn unzuverlässig wie ein klappriger Überlandbus. Doch schon zur nächsten Cebit soll der Virtual Pen erhältlich sein für alle halbmodernen Zeitgenossen, die lieber mit Stift als mit Tasten schreiben.

Wen tintenlose Funkstifte jedoch zu futuristisch anmuten, dem bietet IBM mit dem »ThinkPad TransNote« einen überaus gediegenen Rechner an, kombiniert mit einem Schreibblock, umhüllt von einer Kunstledermappe - zum stolzen Preis von über 7000 Mark. Mit zweieinhalb Kilo Gewicht ist das Gerät zwar tragbar und erträglich - nur elegant ist es nicht. Das, was man rechter Hand auf dem Schreibblock zu Papier bringt mit einem batteriebetriebenen Spezialkuli namens »Digital Pen«, wird eingelesen und direkt auf den Rechner übertragen - leider nur als Bilddatei.

Wer also am Ende einer Konferenz nach einem Stichwort sucht, muss die komplette Kladde überfliegen. Und wer vergisst, dem Computer per Knopfdruck mitzuteilen, wann der Schreibblock umgeblättert wird, überschreibt seine eigenen Digitalnotizen, bis sie unlesbar sind.

Nichts als Kinderkrankheiten, so beteuern die Verfechter der Pen Computer. Schließlich hätten auch die ersten tippenden Poeten mit Problemen gekämpft: »Das verfluchte Schreiben«, jammerte der Philosoph Friedrich Nietzsche 1882 über seine wetterfühlige »Schreibkugel«, eine damals hochmoderne Schreibmaschine, »das Wetter ist nämlich trüb und wolkig, also feucht: Da ist jedes Mal der Farbenstreifen auch feucht und klebrig, so dass jeder Buchstabe hängen bleibt, und die Schrift gar nicht zu sehen ist.« Den Siegeszug der Tastatur konnten derlei Klagen nicht aufhalten.

»Das mobile Internet braucht die Handschrifterkennung - und anders herum«, argumentiert Lambert Schomaker, Informatikprofessor an der Universität Groningen. Derzeit arbeitet er an einer neuen Darstellungssprache namens »InkML«, die das Übertragen von Handschriften übers Internet vereinfachen soll. Die Rohdaten der Handschrift könnten dann vom »dummen« Stift an einen Superrechner übermittelt werden, der sie aufwendig entziffert.

Auch wo sich das Pen Computing zuerst durchsetzen wird, glaubt Schomaker zu wissen: »In Japan und China«, prophezeit er. Denn dort macht allein schon die Fülle der unterschiedlichen Schriftzeichen das Tippen zur Qual. HILMAR SCHMUNDT

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