WEIN Muffiger Stopfen
Freunde gehobener Weinkultur wenden sich mit Grausen: Mehr als die Hälfte aller in der Schweiz abgefüllten Flaschen sind nicht mehr mit einem Korken, sondern mit einem profanen Drehverschluss versiegelt.
Weine der »Rimuss-Kellerei Rahm« in Hallau, zu Verkaufspreisen zwischen 8,50 und 16 Mark auf dem Markt, sind sogar zu 95 Prozent verschraubt - die Schweizer Kundschaft nimmt es gelassen. »Rimuss«-Marketingleiter Peter Rahm, der den Jahresabsatz von zwei Millionen Flaschen trotz Schraubdeckel halten konnte, will doppeltes Übel von seinem Produkt wenden: Der herkömmliche Verschluss wird immer knapper (und teurer) - und der Anteil der Reklamationen wegen unangenehmen »Korktons« im Wein nimmt zu.
Weil der Rebensaft beim Öffnen der Flasche korkig muffelt, müssen Weinhändler immer öfter Flaschen zurücknehmen. Da ein Übergang zur Schraubkapsel bei höherpreisigen Weinen in Ländern wie Deutschland und Frankreich nicht durchsetzbar erscheint, wird auch mit technischen Verfahren experimentiert, die trotz schwindender Korkenqualität die Muffgefahr bannen sollen.
Was die Fachleute aus Weinanbau und -handel inzwischen schon als weltweite »Korkenkrise« beklagen, hat seinen Ursprung in der störrischen Natur.
Trotz steigender Nachfrage weigert sich der Rohstofflieferant, die Korkeiche (Quercus suber), anderswo zu wachsen als am westlichen Mittelmeer. Anpflanzversuche in den aufstrebenden Weinbaugebieten Nord- und Südamerikas, Australiens und Südafrikas sind allesamt gescheitert.
2,2 Millionen Hektar Korkwald stehen allein in Portugal, Spanien, Algerien, Italien, Marokko, Tunesien und Frankreich; Portugal beherrscht mit 33 Prozent der Weltanbaufläche und 52 Prozent der Weltproduktion den Markt (siehe Grafik).
Die Anlage weiterer großer Wälder ist im dicht besiedelten (weil auch vom Menschen bevorzugten) Wuchsraum der Korkeiche kaum möglich. Und da die Eiche nur alle 9 bis 14 Jahre von ihrer Rinde befreit werden darf, lässt sich die Produktion auch nicht kurzfristig steigern.
»Eigentlich lassen sich aus einer Tonne Rohmaterial nur etwa 200 Kilogramm hochwertige Korken herstellen«, erklärt José Ramón González-Adrados vom Centro de Investigación Forestal in Madrid. Voraussetzung sei eine entsprechende Rindenstärke sowie die Dichtigkeit und Reinheit des Materials. Der minderwertige große Rindenrest wird zu Granulat gemahlen oder wandert in die industrielle Produktion.
Groß ist die Versuchung der zahlreichen verarbeitenden Kleinbetriebe, die Korkenausbeute - zu Lasten der Weintrinker - zu erhöhen. Auch die fortschreitende Automatisierung trägt zur Krise bei: Wurden Verschlusspfropfen früher noch per Hand aus den besten Partien eines Rindenstückes ausgestanzt, geschieht das heute zunehmend maschinell. Diese Rationalisierung erhöht die Ausbeute, kann aber leicht die Qualität mindern.
Die Nachfrage nach Weinstopfen aller Größen und Qualitäten wächst. Obwohl die Korkernte von 1998 mit 150 000 Tonnen hinter dem Ertrag von 1990 (160 000 Tonnen) zurückblieb, hat sich der Wert der portugiesischen Exporte im gleichen Zeitraum um über 75 Prozent erhöht. Denn die Verknappung hat zum Anstieg der Preise geführt. Deutsche Kellereien zahlen je nach Qualität mittlerweile zwischen 20 Pfennig und 1,35 Mark pro Korken.
Der Rohstoffmangel hat einem preisgünstigen Ausweichprodukt den Markt geöffnet: Presskorken aus Korkgranulat und Klebstoffen, die mit dem weichen, elastischen Naturprodukt kaum etwas gemein haben. Dafür sind die Stopfen bereits für wenige Pfennige je Stück erhältlich und stecken unbemerkt in mancher Flasche. Von dieser Pressware exportierte Portugal 1999 bereits geschätzte 10 000 Tonnen, fast doppelt so viel wie zehn Jahre zuvor.
Allerdings ist es auch mit der Natürlichkeit des ungepressten Naturproduktes nicht mehr weit her. »Ein unbehandelter Korken ist nun mal hässlich, ein schöner Korken ist mit Sicherheit behandelt und denaturiert«, meint Sepp Baldrian, Experte und Herausgeber der Zeitschrift »Der Weinbau« in Wien.
Es reicht, einen Korken zu nehmen und mit einem Messer quer zu zerschneiden: Die braune, großporige Schnittfläche will so gar nicht zu dem hellen und glatten Äußeren passen. Die Erklärung: Der Korken wurde zur optischen Verschönerung gebleicht. In vielen Betrieben geschieht das nach wie vor mit giftiger Chlorbleiche. Etwas umweltverträglicher ist die moderne Bleichvariante mit Peroxid.
Danach werden die meisten Korken »kolmatiert": Sie werden mit einer Mischung aus Korkmehl und Leim behandelt, um verbliebene Schönheitsfehler und Poren zuzukleistern.
Zusätzlich werden sie in Gleitmitteln gebadet, damit sie später wieder leicht aus der Flasche flutschen. Gewöhnlich ist dies eine Mischung aus lebensmittelechten Paraffinen oder Silikonen, berichtet Wolf-Rüdiger Sponholz vom Institut für Önologie und Getränkeforschung in Geisenheim.
In den Verarbeitungsländern bis heute beliebt, so Sponholz, sei jedoch auch das Überzugs- und Färbemittel Soucicryl. Diesen Acrylkunststoff, in Lösemittel verdünnt, setzen viele Betriebe nach wie vor ein: »Wenn Sie so eine Klitsche betreten, wird Ihnen von der Atemluft schlecht«, warnt der Experte. »In Deutschland würde so ein Laden auf der Stelle dichtgemacht.«
Mit rein kosmetischen Maßnahmen mit Hilfe von Bleich- und Färbemitteln ist allerdings nichts gegen den Korkmuff auszurichten, der auch den besten Wein ungenießbar machen kann. Der abstoßende Geruch und Geschmack entsteht vor allem, wenn Kleinstlebewesen beginnen, im Kork vorhandene Phenole und in winzigen Einschlüssen sitzende Verunreinigungen zu vertilgen. Das auch durch die vorhergehende Bleiche in den Korken eingebrachte Chlor bekommt den Mikroorganismen besonders gut. Am Ende mehrerer Umbauprozesse steht die Muffsubstanz Trichloranisol (TCA).
Bei kräftigen Rotweinen kann der Anisol-Geruch noch bis zu einem gewissen Grad überdeckt werden. »Einen Korkton im Roten spüren wir oft erst bei 30 Nanogramm TCA je Liter und darüber«, erklärt Sponholz. Ein Weißwein schmeckt dagegen bereits bei drei Nanogramm pro Liter korkig; ganz leichte Weiße befinden Kenner schon mit einem Nanogramm TCA als ungenießbar - mit ein Grund dafür, dass die leichten Schweizer Weißweine als erste korkenlos auf den Markt gelangten.
Weinexperte Sponholz hat unterdes ein Verfahren marktfähig gemacht, bei dem die im Kork enthaltenen Phenole mit Hilfe von Enzymen unschädlich gemacht werden. Bei dieser so genannten Suberase werden die Phenole in einem etwa einstündigen »Schwallbad« oxidiert. »Wir reduzieren die von Anbeginn vorhandene Muffgefahr wesentlich«, behauptet Sponholz. Die durch den Enzym-Gebrauch bedingten Mehrkosten beziffert der Geisenheimer Forscher auf einen Pfennig je Korken.
Einen anderen Weg geht Jens Jäger; der Wissenschaftler entwickelte das so genannte Delfin-Verfahren, das der Korkenhersteller Ohlinger aus Fußgönheim inzwischen anwendet. Dabei werden die Korken in drei Arbeitsgängen in einer Mikrowellenanlage erhitzt, bis die störenden Stoffe ausgetrieben und die Kleinstlebewesen nahezu vollständig abgetötet sind.
Als weitere Alternative bleiben Kunststoffstopfen, etwa aus Polyethylen, die Weinkonsumenten immer häufiger aus amerikanischen, südafrikanischen und australischen Weißweinflaschen ziehen. Manche Plastikstopfen sind dem Naturprodukt einigermaßen ähnlich. Viele eignen sich nach Meinung einiger Fachleute wegen schlechterer Dichtigkeit jedoch nicht für Weine mit langem Reifungspotenzial. Bei jüngeren Modellen ist das Lagerverhalten noch unbekannt.
Die besten physikalischen Eigenschaften schreiben nahezu alle Experten dem Schraubverschluss zu. »Der ist unvergleichlich viel preiswerter, schließt luftdicht und hält den Wein von Fremdgeschmäcken frei«, sagt Friedrich Zürn vom Fachgebiet Kellerwirtschaft in Geisenheim.
In Deutschland hat ein erster Winzer jetzt die Komplett-Umstellung auf Schraubverschlüsse öffentlich bekannt gegeben. Nach einem erfolgreichen Test im vorigen Jahr wird das Familienunternehmen »Weingut Schönhof« in Neustadt-Diedesfeld von diesem Jahr an alle seine Weine (insgesamt 220 000 Flaschen) mit einer patentierten Schweizer Drehverschlusskapsel zusiegeln.
»Unsere Käufer sind überwiegend Privatkunden, die konnten wir durch gute Argumente überzeugen«, glaubt Schönhof-Chef Stephan Hafen.
Über längere Erfahrungen können die Weinfachleute im Geisenheimer Institut berichten. Die Versuchsweine der Forschungsanstalt, verrät Kellerei-Experte Friedrich Zürn, werden schon seit 27 Jahren in Flaschen mit Schraubverschluss gefüllt. MATTHIAS BRENDEL