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ARCHITEKTEN Nasse Zukunft

Vor drei Jahren als Vorbilder für modernen Eigenheimbau gelobt, gelten acht Kettenhäuser in Hamburg-Poppenbüttel jetzt als Beispiele für Pfusch am Bau. Verantwortlich: zwei deutsche Stararchitekten.
• aus DER SPIEGEL 29/1981
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Das Hamburger Architekten-Team Meinhard von Gerkan, 46, und Volkwin Marg, 45, gilt als allererste Wahl. Die beiden begannen, vor 15 Jahren, als Senkrechtstarter und blieben seitdem oben.

Noch als Greenhorns gewannen sie einen internationalen Wettbewerb und errichteten, für 500 Millionen Mark, in Berlin-Tegel den derzeit schönsten deutschen Flughafen.

Sie gewannen zahlreiche weitere Wettbewerbe, bauten das Europäische Patentamt in München (Bauherr: die Bundesrepublik Deutschland) und die Hanse-Galerie in Hamburg (Bauherr: die Allianz-Versicherung). Ihre Entwürfe reichen von der Telephonkabine bis zur Trabantenstadt, ihre Baustellen von der Flensburger Förde bis zum Persischen Golf.

100 Mitarbeiter, jeder zweite mit Diplom, sind in dem Großbüro tätig, dessen Markenzeichen »GM« (für Gerkan und Marg) von der Fachwelt gern mit »General Motors« übersetzt wird. Die Presse ist des Lobes voll; die »Zeit« widmete dem Duo auf voller Seitenbreite ein »Halleluja«.

Neben ihrem schöpferischen Tun widmen sie sich noch Anfängern und Arrivierten im Stand. Meinhard von Gerkan ist als Professor für Entwerfen an der Technischen Universität in Braunschweig tätig, Volkwin Marg dient dem Bund Deutscher Architekten als Präsident.

Beide nutzen ihre Posten zu unermüdlichen Appellen an das Verantwortungsgefühl, an das Qualitätsbewußtsein, an das Kunstverständnis. Bauen, so doziert von Gerkan, habe »nicht nur der dürftigen Zielsetzung nach wasserdichten Gehäusen«, sondern »als gestaltete Architektur auch der Psyche des Menschen« zu dienen. Vor allem: Ein Haus müsse den »Säuretest der Nutzung« bestehen.

Welcher kleine Bauherr würde, wenn sich die Chance ihm nur böte, seine 300 000 Mark nicht gern solchen, höchsten Ansprüchen verpflichteten, Leuten anvertrauen -- zumal, wenn hinter der Sache auch noch, mit anfeuernden Reden, der Erste Bürgermeister der Hansestadt Hamburg steht und als Vermittlerin ("Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause") die Öffentliche Bausparkasse in Erscheinung tritt.

Das neue Zuhause war, vor drei Jahren auf der Eigenheim-Ausstellung »Hamburg Bau '78«, als gestaltete Architektur zu haben: GM hatten acht kuschelige Kettenhäuser entworfen, mit Fassaden aus rotem Klinker und Fenstern aus nordischer Kiefer sowie gegenläufig geneigten, tief heruntergezogenen Dächern mit roter Pfanneneindeckung, durch lustige Gauben akzentuiert.

Schon die Entwürfe bekamen einen Preis, einen weiteren gab es für die fertigen Häuser (Bauleitung: GM). Die »Deutsche Bauzeitung« fand die Form »bestechend«, das Journal »Das Haus« S.139 lobte sie als »wirtschaftlich«. Im Nu waren die Häuser verkauft.

Verraten und verkauft fühlen sich drei Jahre später nun die Käufer. Sie stehen buchstäblich im Regen. Denn die GM-Häuser sind nicht einmal wasserdicht. Pfusch an allen Ecken und Enden:

* Die Fassadensteine sind nicht frostbeständig und blättern ab.

* Der Freisitz-Fußboden sprengt die Seitenmauern, auf denen das Dach für den Autostellplatz ruht.

* Das Gemäuer im Kellerbereich ist zum Teil nicht verfugt und nicht isoliert.

* Dachlatten und Dachziegel sind unsachgemäß verlegt.

* Die Bleiblechisolierung zwischen Dach und Gauben ist nur aufgenagelt.

* Die Fenster sind fehlkonstruiert, lassen Wassereinbrüche zu, und die Fensterbänke faulen.

Eine (in den Plänen ausgewiesene) Drainage fehlt.

* Die Mängelliste allein eines Hauses umfaßt 100 Punkte, und ein vereidigter Sachverständiger der Hamburger Handwerkskammer mußte einige Räume mittlerweile als »unbewohnbar« einstufen: Putz und Farbe fallen von den Wänden; Stockflecken, Schimmel und schwarze Pilze wuchern in Bad und Küche, in Eß- und Kinderzimmer.

Die meisten Schäden traten bereits im ersten Winter, 1978/79, zutage, Doch im Urteil der Sparkasse betrieb das GM-Großbüro die Mängelbeseitigung so »lustlos und halbherzig«, daß die Bausparkasse die Sanierung selbst übernahm. 250 000 Mark hat die Sparkasse bisher in die »Nachbesserung« der Häuser gesteckt, doch dem Besitzer Dr. Rudolf Streich sind schon Zweifel gekommen, ob die Häuser »überhaupt sanierungsfähig« oder die Sanierungsarbeiten »noch finanzierbar« sind: »Meine Terrasse wurde dreimal weggegraben. Die Fenster wurden fünfmal mit dem Hammer bearbeitet. Auf dem Dach liegen inzwischen Ziegel in drei verschiedenen Farben.« Resultat: »Es wird immer nasser.«

Streich schätzt den erforderlichen Kostenaufwand auf 200 000 Mark für jedes zu sanierende Haus.

Großbaumeister von Gerkan -- dessen Gedankenflug schon seinem nächsten Projekt, einem Hotel in Bangkok, gilt -- will den Pfusch beim Bau und die Versäumnisse bei der Aufsicht mit »äußeren Einflüssen« entschuldigen:

* »Politischer Druck« habe für Planung und Bau der gesamten Ausstellung viel zu wenig Zeit gelassen.

* Entsprechend »katastrophal« sei die Lage auf dem Hamburger Handwerkermarkt gewesen.

Beides mag zutreffen. Um die Schau der 221 Eigenheime pünktlich zur Bürgerschaftswahl S.142 parat zu haben, verordnete der Senat der Freien und Hansestadt allen Instanzen behördenunübliches Eiltempo und ließ die Siedlung in anderthalb Jahren auf die Poppenbütteler Stadtrand-Wiese schustern: ein halbes Jahr für den Bebauungsplan, ein halbes Jahr für die Entwürfe und ein halbes Jahr, im Winter, für den Bau.

Irritiert mußten von Gerkan und Marg Erfahrungen machen, die ihnen bei ihren 100-Millionen-Mark-Objekten noch nicht widerfuhren -- daß Handwerker »einfach nicht kommen oder bei den Preisen hinlangen oder mittendrin Pleite machen«.

Derlei schmutzige Fronterfahrungen mußten dem Entwurfsprofessor außerordentlich lästig sein. Denn am liebsten sieht er sich als eine Art Karajan -- als »Dirigent, der den Taktstock beherrscht und die Partitur lesen kann« und »erst in zweiter Linie selbst einige Instrumente zu spielen braucht«.

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