Neuer Terrorvogel: Kleiner, krächzender Killer
Forscher haben das bisher vollständigste je gefundene Fossil eines südamerikanischen Terrorvogels analysiert. Der Erkenntnisgewinn ist enorm: Jetzt wissen wir sogar, wie der Schrei der mörderischen Riesenvögel klang.
Die meisten Räuber sind in Bezug auf die Leistungsfähigkeit ihrer Sinne Spezialisten. Hunde kombinieren ein vorzügliches Gehör mit einer feinen Nase. Haie riechen über Kilometer und "sehen" selbst in absoluter Finsternis die elektrischen Felder, die vom Nervensystem ihrer Beutetiere erzeugt werden. Greifvögel sehen Spitzmäuse aus Hunderten Metern Höhe, und wenn nötig erweitern Tiere ihre Wahrnehmung in die Bereiche von Ultraschall oder Ultraviolett.
Für sehr viele Vögel spielen auch Töne eine ganz besondere Rolle: Sie sind, sowohl was ihre Erzeugung als auch was ihre Wahrnehmung angeht, außerordentlich leistungsfähig. Für Terrorvögel, die riesigen Laufvögel, die über viele Jahrmillionen die gefährlichsten Raubtiere Südamerikas waren, galt das aber offenbar nicht.
Im "Journal of Vertebrate Paleontology" berichtet eine Forschergruppe um Federico Degrange vom Fund des neu bestimmten Terrorvogels Llallawavis scagliai : Das mit über 90 Prozent der Knochen erhaltene Fossil, auf dem die Erstbeschreibung der Art beruht, ist ein seltener Glücksfall. Selbst kleinste Knochen sind erhalten, darunter erstmals auch die versteinerungsfähigen Teile des Gehörs sowie des Stimmapparats.
Konkret fanden die Wissenschaftler Teile des Innenohrs, den Kehlkopf, die Luftröhre und den Gaumen - genug, um daraus Informationen über Hör- und Artikulationsfähigkeit des Vogels abzuleiten. Und diese Analyse fiel eindeutig aus: Llallawavis scagliai ("Scaglias großartiger Vogel") krächzte nicht nur reichlich kümmerlich, er hörte auch unterdurchschnittlich gut. Ein großes Lautvolumen und gute Hörfähigkeit waren für die Tiere bei Jagd oder Partnersuche wohl weniger wichtig als andere Sinne und Signale.
Die Welt des 600-Kilogramm-Geflügels
Große, bis zu vier Meter hohe Laufvögel mit bis zu 600 Kilogramm Gewicht entwickelten sich nach dem Ende der Dinosaurier nicht nur in Südamerika, sondern auch in Australien und Europa. Nicht alle waren zwangsläufig Raubtiere: Der europäische, mit den Gänsen verwandte Gastornis, lang als Geißel aller Kleinsäuger gesehen, entpuppte sich nach eingehender Analyse als wahrscheinlicher Vegetarier. Ob es in seiner in Europa und Nordamerika verbreiteten Familie überhaupt echte Räuber gab, ist umstritten - die meisten hält man inzwischen für Pflanzen- oder Mischfresser.
Terrorvögel: Zwischen Blutdurst und Grünzeug
Ein ähnlich diverses Bild haben wir inzwischen auch von den australischen Donnervögeln. Unter diesen Kleinwagen-schweren Gänse-Giganten soll es neben Fleisch- auch Aas- und Pflanzenfresser gegeben haben. Vögel besetzten nach der Katastrophe der Kreidezeit eben jede nun freie ökologische Nische, die einst von Sauriern gehalten wurde - in Konkurrenz zu Säugetieren, versteht sich.
In Südamerika gelang ihnen das besonders gründlich. Die dortigen Terrorvögel (Phorusrhacidae) waren einwandfrei die Killer unter den riesigen Laufvögeln: Biologen sehen sie als eigene Ordnung an, ihre letzten lebenden Verwandten sind die südamerikanischen Seriemas-Laufvögel, entferntere Verwandte wären Papageien und Greifvögel.
Unter den Terrorvögeln war Llallawavis allerdings mit nur rund 1,30 Meter Höhe ein räuberischer Zwerg. In Südamerika schafften es die Phorusrhacidae an die Spitze der Nahrungskette: Solange Süd- und Nordamerika durch das Meer getrennt waren, fehlten dort agile, große Raubtiere anderer Art - Südamerika war ein Refugium der Beuteltiere und Vögel.
Der große amerikanische Fauna-Austausch
Deren Herrschaft dort sollte mehr als 50 Millionen Jahre halten. Als sich dann vor drei Millionen Jahren die Meerenge zwischen Nord- und Südamerika schloss, begann eine Migration der Arten, die die Herrschaft der Terrorvögel bald beendete - glaubte man zumindest bisher.
Landbrücke Mittelamerika: Aus zwei mach eins
Unstrittig ist, dass die neu entstandene Landbrücke zu einer Durchmischung der bis dahin grundverschiedenen Faunen führte. Einige Arten der Terrorvögel schafften es nach Norden. Wichtiger aber war, dass im Süden des Doppelkontinents mit Großkatzen, Bären und Wölfen nicht nur eine Konkurrenz um Nahrungsquellen erwuchs, sondern zumindest kleinere und junge Vertreter der Phorusrhacidae selbst auf dem Speiseplan anderer Räuber landeten.
Ob das allein schon einen Verdrängungswettbewerb einleitete, der vor circa 18.000 Jahren mit dem Aussterben der letzten Terrorvögel endete, steht allerdings infrage. Denn eine aktuelle, am Donnerstag im Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentlichte Studie zweifelt den bisher akzeptierten Zeitplan an.
Forscher der Smithonian Institution analysierten Isotop-haltige Mineralien aus Mittel- und Südamerika. Die Ergebnisse setzen das Entstehen der Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika deutlich früher an. Bereits vor 13 bis 15 Millionen Jahren, berichten die Autoren, habe sich die Landbrücke aus dem Wasser erhoben.
Wenn das stimmt, hätten die Terrorvögel sich gegen die neue Konkurrenz aus dem Norden für eine entsprechend längere Zeit behauptet - von einem vergleichsweise rapiden Aussterben oder einem Verdrängungswettkampf könnte man dann kaum noch reden. Für das Aussterben der Phorusrhacidae müsste es dann auch andere Gründe gegeben haben.
Die "Science"-Studie sorgt auch noch in anderer Hinsicht für Unordnung im Theoriengebäude: Bisher erklärten Wissenschaftler das Einsetzen der Kalt- und Eiszeit vor drei Millionen Jahren mit dem Schließen der Panama-Landbrücke und der resultierenden Trennung von Pazifik und Atlantik. Sollte das mehr als zehn Millionen Jahre früher geschehen sein, würfe das auch die Theorien über die Ursachen dieser Eiszeit über den Haufen.