Evolutionäre Aufrüstung: Wie der Ankylosaurus zur Keule kam
Der Schwanz der Ankylosaurier war eine der monströsesten Waffen der Tierwelt: Der Schlag der schweren Keule konnte Muskeln reißen lassen und Wirbel ausrenken. Wie aber konnte ein Wesen solch ein Gewicht schleudern, ohne sich selbst zu verletzen?
Ankylosaurier wirken wie Kreuzungen zwischen Schildkröten und Gürteltieren. Ihre berühmtesten Vertreter hielten Feinde mit einem mächtigen Keulenschwanz auf Abstand. Eine aktuelle Studie zeigt, wie sie zu der Waffe kamen.
Unter all den riesigen, flinken, beängstigenden, mit Klauen, Dornen, Hörnern und Fangzähnen bewaffneten Dinosauriern waren Ankylosaurier kaum das Turbo-Modell. Ihr Körperbau weist sie als Stoiker aus, die bei Gefahr wohl eher nicht in hektische Betriebsamkeit verfielen: Sie waren zwischen drei und neun Meter lang, bis zu vier Tonnen schwer und von vorn bis hinten dick und so dicht gepanzert, dass bei einigen Arten sogar noch die Augenlider mit Knochenplatten geschützt waren. Ihre Überlebensstrategie war wohl "Duck dich weg!"
Im Ökosystem von Jura und Kreide besetzten sie wohl eine Art XXXL-Schildkrötennische. Und das über rund hundert Millionen Jahre mit großem Erfolg: Bekannt sind heute mehrere Dutzend Arten, die man grob in zwei Untergruppen aufteilt. Die Norosauridae waren tendenziell etwas kleiner und hatten schlankere, längere Köpfe und trugen oft Stacheln oder Dornen an den Körperseiten. Möglicherweise waren sie ein wenig agiler als der Rest der Verwandtschaft: Nahrungstechnisch scheinen sie stärker spezialisiert gewesen zu sein.
Ankylosauridae hingegen waren weniger wählerisch. Sie fraßen alles, was im Umfeld wuchs, was Laufwege verkürzt haben dürfte. Unter ihnen finden sich die wahren Giganten, wenn auch nicht in intellektueller Hinsicht: Nach den riesigen Sauropoden waren Ankylosaurier die Dinosaurier mit dem kleinsten Gehirn im Verhältnis zur Körpergröße.
Forscher gehen deshalb davon aus, dass Ankylosaurier weder sensorisch noch kognitiv zu Spitzenleistungen neigten. Ihr Verhaltensrepertoire dürfte ziemlich begrenzt gewesen sein. Da ist es gut, wenn der Körper hinreichend geschützt ist, wenn der Raubsaurier anrückt: Am Ende der Entwicklungslinie waren Ankylosaurier nicht nur von mächtigen Panzern geschützt, sondern auch mit gewichtigen Hämmern bewaffnet, die sie an ihren Schwänzen schwangen.
Hammer oder Halter: Eine Henne-Ei-Frage
Diese Keulen, zeigen nun Victoria Arbour vom North Carolina Museum of Natural Sciences und Philip Currie von der University of Alberta in der Fachzeitschrift "Journal of Anatomy" , waren das Ergebnis eines evolutionären Prozesses am Ende der Entwicklungslinie dieser Dinosauriergruppe - quasi das Produkt eines Hochrüstungsprozesses, der den Schutzpanzer um eine Waffe ergänzte und Ankylosaurier noch wehrhafter machte.
Das Problem dabei: Die Verdickung am Ende des Schwanzes war nicht nur enorm hart, sondern auch ziemlich schwer. Der Schwung des Schlages aber, so Arbour, hätte "Muskeln reißen lassen oder Wirbel ausrenken können".
Sinnvoll wäre so eine Waffe aber nur gewesen, wenn sie eingesetzt werden konnte, ohne sich selbst dadurch zu verletzen. Deshalb hätten Ankylosaurier nicht nur Hammer oder Axt gebraucht, sondern auch den passenden Halter dazu. Arbour: "Damit der Akylosaurus dieses Schlaggewicht tragen und effektiv einsetzen konnte, musste der Schwanz steif sein, wie der Stiel einer Axt."
Was die Frage aufwirft, wie so eine Entwicklung verläuft:
- Entwickelt sich zuerst das Schlaggewicht? Dann müsste man bei frühen Ankylosauriern Vertreter finden, die bereits Ansätze der "Keule" besaßen, bei denen der Schwanz aber noch unversteift war.
- Entwickelte sich beides parallel? Dann müsste man "Griff" und "Axt" in Übergangsstadien finden: Ein verkürzter Stiel? Kleiner und leichter das Schlaggewicht?
- Oder entwickelte sich der "Griff" als erstes? Dann müsste man frühe Ankylosaurier finden, bei denen Wirbel des Schwanzes weniger beweglich wurden oder miteinander verwuchsen.
Tatsächlich, sagen Arbour und Currie, deutet der fossile Befund auf die letzte Möglichkeit hin. Beim Vergleich von 55 Ankylosaurierarten unterschiedlichen Alters fanden sie Hinweise auf eine lineare Entwicklung von flexiblen über zunehmend versteifte Schwänze bis hin zur allseits bekannten Waffe. Die sei also offenbar das Produkt einer schrittweisen Entwicklung hin zu der Keulenwaffe, die heute jedes Kind mit Ankylosauriern verbindet.
Die allerdings war gar nicht so typisch. Die ersten Vertreter der Gruppe dieser gepanzerten Dinosaurier traten vor rund 166 Millionen Jahren auf. Die ersten Ankylosaurier mit Schlagwaffen fand man aber erst in Schichten, die "nur" rund 75 Millionen Jahre alt waren - neun Zehntel der Zeit, in der sie existierten, besaßen Ankylosaurier also gar keine "Keule".
Knapp neun Millionen Jahre später endete die Geschichte dieser monströs gepanzerten Tiere auch schon. Um die Katastrophe am Ende der Kreidezeit zu überleben, reichte dann auch die Kombination von "Duck dich weg!" und "Guck mal, wie ich hämmere!" nicht aus.