Ätzender Sex: Meerestier lockt mit Gallensäure - DER SPIEGEL
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Ätzender Sex Meerestier lockt mit Gallensäure

Um Weibchen zu ködern, verströmt das im Atlantik lebende Meerneunauge eine Gallensäure. Noch in 65 Meter Entfernung entfalten die Sexsignale, wie Forscher entdeckten, eine umwerfende Wirkung.
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Aus menschlicher Sicht sehen die im Atlantik beheimateten Meerneunaugen nicht besonders attraktiv aus: Sie sind glibschig, lang wie ein Aal und besitzen ein Maul, das nicht nur an einen Saugnapf erinnert, sondern auch so eingesetzt wird. Dennoch schaffen es die Männchen, ihre weiblichen Artgenossen zu betören - mit welchem Hilfsmittel dies geschieht, haben Wissenschaftler nun aufgedeckt.

Wenn es zur Laich in Flussläufe wandert, nutzt das Meerneunauge wie viele Tiere Lockstoffe, um das andere Geschlecht in seinen Bann zu ziehen. Das Team um Weiming Li von der Michigan State University konnte die Substanz jetzt identifizieren: Es handelt sich, wie die Forscher in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Science" berichten, um eine Gallensäure, die das Tier über die Kiemen ins Wasser ausscheidet.

Mit großem Aufwand schafften es Li und seine Kollegen, eine kleine Menge des Pheromons zu isolieren. Zwei Jahre verbrachten sie damit, aus einer Tonne Wasser rund 30 Milligramm konzentrierte Lockessenz zu gewinnen. Für menschliche Nasen ist die Chemikalie geruchlos, auf weibliche Meerneunaugen hat sie aber, wie die Wissenschaftler nachwiesen, eine umwerfende Wirkung.

Noch 65 Meter stromabwärts kann das Sexualparfüm die Damen über die Paarungsbereitschaft der männlichen Signalgeber aufklären und zu den gemachten Nestern leiten. Bei Insekten ist eine solche Fernkommunikation zwar nicht ungewöhnlich, bei Wirbeltieren dagegen schon: Hier haben Lockstoffe meist eine geringere effektive Reichweite. Die Forscher vermuten, dass auch die weiblichen Meerneunaugen ähnliche Düfte verströmen, die Männchen entweder anziehen oder fernhalten können.

Die mühselige Analyse könnte nach Ansicht der Forscher helfen, ein Problem US-amerikanischer Sportfischer zu lösen. Das parasitäre Meerestier hat über Kanäle seinen Weg in die Großen Seen gefunden, wo es den Fischbestand dezimiert. Mit seiner Saugscheibe und den scharfen Zähnen heftet es sich etwa an Lachse oder Forellen, um ihre Körperflüssigkeiten abzusaugen - oft mit fatalen Folgen für das Opfer.

Ein einziges Meerneunauge kann in seinem Leben Fische mit einem Gesamtgewicht von über 20 Kilogramm töten. Mit Kenntnis der Lockmethoden könnten sich die Populationen des Parasiten besser kontrollieren lassen, glauben die Forscher. So ließen sich die Meerneunaugen dort eindämmen, wo sie Fischbestände gefährden. Anderswo könnte man ihnen dagegen sexuelle Nachhilfe geben - schließlich gelten sie zum Beispiel in Portugal als Delikatesse.