Klimabilanz Arktisflüsse nehmen CO2 besser auf als Regenwald
Forscher auf Ellesmere Island: Dieses Bild stammt von einer früheren Expedition in die kanadische Arktis
Foto: AFP PHOTO / Université Laval / Dermot Antoniades1Es ist ein segensreicher Mechanismus: Längst nicht jedes Molekül des Treibhausgases Kohlendioxid, das bei der Verbrennung fossiler Rohstoffe wie Öl und Gas frei wird, heizt unsere Erdatmosphäre tatsächlich auf. Ein guter Teil des CO2 löst sich im Wasser der Weltmeere, die dadurch langsam aber sicher immer saurer werden. Ein weiterer Teil wird in Pflanzen und Mooren gespeichert, zumindest so lange diese wachsen, im Kalk von Korallen oder bei der Verwitterung von bestimmten Gesteinen.
Doch während manche dieser Speichermöglichkeiten öffentlich bekannt sind und diskutiert werden, etwa die CO2-Aufnahme durch Bäume und die damit verbundenen Chancen durch gezielte Aufforstung, berichten kanadische Forscher nun über ein bisher nur wenig beachtetes Phänomen: Ein Team um Kyra St. Pierre von der University of British Columbia in Vancouver beschreibt im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" die verblüffend große CO2-Aufnahmefähigkeit arktischer Schmelzwasserströme.
Die Forscher hatten sich unter anderem auf Ellesmere Island im kanadischen Nunavut-Territorium umgesehen. Dort fließen mehrere große Schmelzwasserflüsse von angrenzenden Arktisgletschern in den Lake Hazen. Auch auf Grönland und in den kanadischen Rocky Mountains unternahm die Gruppe Messungen.
Dabei fanden die Wissenschaftler heraus, dass das Flusswasser große Mengen Kohlendioxid aufnimmt. Diese Beobachtung steht im Gegensatz zu Erkenntnissen aus wärmeren Gebieten, wo Ströme durch das darin enthaltene organische Material als Kohlenstoffquellen gelten.
In den arktischen Schmelzwasserflüssen gab es nicht nur deutlich weniger pflanzliche und tierische Lebewesen, bei denen unter anderem die Verrottung CO2 freisetzen konnte, sondern noch einen anderen Faktor: Das Wasser transportierte große Mengen Gesteinsmehl, das die Gletscher von den unter ihnen liegenden Felsen abgehobelt hatten.
Verwitterung von Gestein wird bereits als CO2-Speicher untersucht
Die im Wasser gelösten Gase, darunter auch Kohlendioxid, reagieren mit diesem Gesteinsmehl - das CO2 wird so langfristig im Gestein gebunden. "Auf den Quadratmeter gerechnet können diese Flüsse eine phänomenale Menge an Kohlendioxid aufnehmen", sagt Forscherin St. Pierre.
Nach den Berechnungen ihres Teams liegt der Wert zum Höhepunkt der arktischen Schmelzsaison beim 40-Fachen der Menge im Amazonasgebiet. Diese Angabe bezieht sich allerdings auf den Wert pro Quadratmeter - und der südamerikanische Wald ist natürlich deutlich größer als die Flächen der Schmelzwasserflüsse an den Gletschern der Arktis und anderswo.
Interessant ist das Phänomen trotzdem. Die beschleunigte Verwitterung zum Beispiel von Basaltgestein wird von Experten als eine mögliche Klimaschutztechnologie diskutiert. Mit ihrer Hilfe ließen sich negative Emissionen realisieren, also das Entfernen von CO2 aus der Atmosphäre. Nach einer Studie aus dem vergangenen Jahr müsste der CO2-Preis aber bei 200 Dollar pro Tonne liegen, damit das wirtschaftlich Sinn ergibt.
Die Arbeit von St Pierre zu den arktischen Schmelzwasserflüssen zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, dass die Menschheit ihren CO2-Ausstoß stoppt. Denn er sorgt dafür, dass viele Gletscher auch in der Arktis, aber nicht nur dort, in den vergangenen Jahren deutlich schneller abgeschmolzen sind als früher - und irgendwann ganz verschwunden sein werden.