Schmelz-Stopp Verschnaufpause für das Eis der Arktis
Arktisches Meereis (2013): "Deutlich kühler als die Vorjahre"
Foto: AP / dpa / NOAAEs sind zwei Nachrichten, die zunächst nicht recht zusammenpassen wollen. Auf der einen Seite ist da die aktuelle Meldung über Rekordtemperaturen in Grönland. In Kangerlussuaq wurden bereits am 15. Juni 23,2 Grad Celsius gemessen - seitdem hält die Hitze an. Dass hohe Temperaturen nicht gut für die ohnehin im Schwund begriffenen Gletscher der eisigen Insel sein können, versteht sich von selbst.
Andererseits gibt es da nun einen Artikel, den britische Forscher um Rachel Tilling vom University College London und ihre Kollegen gerade im Fachmagazin "Nature Geoscience" veröffentlicht haben. Darin berichten sie von einer Art Verschnaufpause für das Meereis der Arktis. Die Forscher hatten mit dem Esa-Satelliten "CryoSat 2" Daten zur Eisdicke im Nordpolarmeer gesammelt. Dabei konnten sie aus ihrer Sicht belegen, dass das Eisvolumen im vergangenen Sommer im Gegensatz zu den Vorjahren zugenommen hat.
Es handelt sich dabei natürlich nur um eine Momentaufnahme - aber durchaus um eine interessante. Jedenfalls, wenn die Schlussfolgerungen stimmen.
88 Millionen Einzelmessungen
Rund um den Nordpol gibt es kein Land, die Eisschollen schwimmen also auf dem Wasser. Auf welcher Fläche sie sich dabei ausbreiten, wird seit Ende der Siebzigerjahre aus dem All erfasst. Der Trend geht klar nach unten: Seit Beginn der Messungen ist die Eisausdehnung im Sommer im Schnitt um 40 Prozent gesunken. Ende des vergangenen Winters wurde ein neuer Negativrekord aufgestellt, auch in diesem Sommer liegt die Fläche weit unter dem langfristigen Mittel.
Die Eisdicke aus dem All zu messen war lange Zeit ziemlich schwierig. Doch der Satellit "Cryosat 2" soll genau das leisten: Die Wissenschaftler werteten für ihre Untersuchung insgesamt 88 Millionen Einzelmessungen aus. Dabei konnten sie zunächst zeigen, dass das sommerliche Eisvolumen zwischen 2010 und 2012 um 14 Prozent abnahm.
Das klingt logisch: Die Arktis erwärmt sich durch den Klimawandel deutlich stärker als andere Teile des Planeten. An vielen Stellen sind mehrjährige Eisschollen verschwunden. Stattdessen gibt es oft nur noch dünnes, einjähriges Eis - und das kann im darauffolgenden Sommer wieder leichter schmelzen.
Überraschend war aber der Befund des Jahres 2013. Damals hat das Eisvolumen nach Meinung der Wissenschaftler um beachtliche 41 Prozent zugenommen. "Der Sommer 2013 war deutlich kühler als die Vorjahre mit Temperaturen, die denen in den späten Neunzigern entsprachen", sagt Forscherin Tilling. Dadurch habe nordwestlich von Grönland dickeres Meereis auch die warmen Monate überstehen können.
Das Eis wird trotzdem verschwinden - fragt sich nur, wann
Man wisse nun, dass sich das Eis der Arktis zwischenzeitlich erholen könne, wenn die Schmelzperiode kurz ausfalle, so Tilling. Die Forscher machen aber ausdrücklich darauf aufmerksam, dass es beim Eisvolumen bisher zu wenig Daten gebe, um einen langfristigen Trend abzulesen.
Doch trotzdem drängt sich die Frage auf: Ist das Eis der Arktis womöglich weniger anfällig als vermutet, um schon bald komplett zu verschwinden? Mark Serreze, Chef des National Snow and Ice Data Center an der University of Colorado in Boulder und nicht an der aktuellen Arbeit beteiligt, sieht das nicht so. Die Studie, sagt er, sei ein weiterer Beleg dafür, dass der Übergang zu einem im Sommer eisfreien Arktischen Ozean "nicht gleichmäßig, sondern stoßweise" vonstattengehe.
Serreze kritisiert ein wissenschaftliches Detail der Studie. Es hat mit einer Grundannahme der beteiligten Forscher zu tun: Demnach ist der Schnee auf den arktischen Eisschollen immer und überall gleich verteilt. Doch diese Hypothese sei "schwer zu rechtfertigen", sagt der Amerikaner. Und er ist nicht der Einzige, der Kritik vorbringt: Rüdiger Gerdes vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, auch er war nicht an der aktuellen Studie beteiligt, moniert, dass sich der Artikel nur auf den Prozess des Schmelzens fokussiere. Und auch das werde nur "sehr krude abgeschätzt".
Dabei sei die Sache ziemlich kompliziert, sagt Gerdes: Die Prozesse, die zu Änderungen des Eisvolumens führten - also Schmelzen, Gefrieren und der Export von Eis in das Europäische Nordmeeer - unterlägen "langfristigen, natürlichen Schwankungen". Dadurch variiere das Eisvolumen von Jahr zu Jahr. Die Schwankungen des Eisvolumens seien dank "Cryosat 2" besser bekannt als bisher, sagt Gerdes: "Die Prozesse, die dazu führen, müssen aber besser verstanden werden."
Co-Autor Andy Shepherd stellt klar, dass die aktuelle Arbeit kein Hinweis darauf ist, dass die Arktis nicht weiter schmilzt: "Wir gehen trotzdem davon aus, dass die Temperaturen in Zukunft steigen werden. Das heißt, die Ereignisse des Jahres haben nur den Zeiger der Uhr ein paar Jahre zurückgedreht auf dem langfristigen Pfad des Eisrückgangs." Und das passt dann eben auch wieder zu den aktuellen Meldungen über Rekordtemperaturen im hohen Norden.
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