Artenschutz: "Wir stehen an einem Wendepunkt" - DER SPIEGEL
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Artenschutz "Wir stehen an einem Wendepunkt"

Im brasilianischen Curitiba tagen derzeit 3000 Delegierte der 8. Uno-Konferenz über die Biologische Vielfalt. Der designierte Exekutivdirektor des Uno-Umweltprogramms, Achim Steiner, 44, warnt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE vor den gefährlichen Folgen des Artensterbens.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Die Artenvielfalt der Uno-Gremien und Konferenzen zum Thema nachhaltige Entwicklung ist kaum zu überbieten. Wie sieht die Bilanz für die Umwelt aus?

Steiner: Wir haben seit der Umweltkonferenz von Rio im Jahre 1992 eine umfassende Bestandsaufnahme über den Zustand des Globus. Leider hinkt die Umsetzung der entsprechenden Maßnahmen zum Schutz der Lebensgrundlagen weit hinterher.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das konkret?

Steiner: Das Artensterben hat sich beschleunigt, wie wir auch aus den Bestandsaufnahmen der sogenannten Roten Liste der World Conservation Union IUCN wissen. Die Ausrottung seltener Tiere und Pflanzen vollzieht sich heute hundert- bis tausendmal schneller als vor hundert Jahren. Ein Viertel aller Säugetiere sind heute in ihrem Bestand bedroht. Wir stehen an einem Wendepunkt.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt dabei der Klimawandel?

Steiner: Der Klimawandel spielt eine ganz zentrale Rolle, da er ganze Ökosysteme wie die Bergregionen, Polarzonen oder Korallenriffe beeinträchtigt. Die Tier- und Pflanzenwelt wird immer mehr ausgebeutet. Gebietsfremde und eingewanderte Arten verbreiten sich schneller als je zuvor als unvermeidbare Nebenwirkung des globalen Handels.

SPIEGEL ONLINE: Aber durch die pazifische Auster in der Nordsee ist der Mensch doch nicht bedroht?

Steiner: Wir sollten uns nicht täuschen: Die Zerstörung oder Veränderung der Ökosysteme hat nicht nur Auswirkungen auf das Überleben der Tiere, sondern auch des Menschen. Wir haben als World Conservation Union gerade eine große Studie zur Rolle der Korallenriffe im Katastrophengebiet des großen Tsunamis im Jahre 2004 im Indischen Ozean vorgelegt. Ihr zufolge haben auch eine langjährige Überfischung, Meeresverschmutzung sowie Siedlungsaktivitäten die schützenden Korallenriffe vor den Urlaubsstränden mit zerstört.

SPIEGEL ONLINE: Sollte man die Korallen schützen, damit sie dann die Menschen vor tödlichen Wellen schützen können?

Steiner: Nahezu 300.000 Menschen sind bei dieser Tsunami-Katastrophe zu Tode gekommen. Interessanterweise sind die Korallenriffe, deren natürliche Erholung 5 bis 20 Jahre dauern wird, weniger durch diese einmalige Naturkatastrophe geschädigt worden als durch menschliche Eingriffe. Der derzeitige Wiederaufbau der touristischen Infrastruktur lässt zudem befürchten, dass es zu neuen Umweltzerstörungen kommen kann.

SPIEGEL ONLINE: Haben also die Entwicklungsländer nichts dazugelernt?

Steiner: Im Gegenteil. Mein Eindruck ist, dass viele dieser Länder sich mit ihren natürlichen Schätzen stärker identifizieren und sie als Schutzzonen ausweisen. Nur brauchen die ärmeren Länder dafür die Unterstützung der Industrieländer, die ihre zugesagten finanziellen Hilfen auch umsetzen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Die Konferenz in Brasilien wird wieder einmal feststellen, dass nur noch wenig Zeit für die Umsetzung der guten Beschlüsse bleibt. Die Umweltorganisation Greenpeace kritisiert, dass die Ziele der Biodiversität nicht annähernd erreicht worden sind.

Steiner: Die Staatengemeinschaft hat sich tatsächlich verpflichtet, den Erhalt der Biodiversität bis zum Jahre 2010 in konkreten Schritten voranzutreiben. Dazu gehören beispielsweise der Schutz der Meere, der Korallen, der natürlichen Wälder und eine Einbettung des Artenschutzes in alle anderen Sektoren. Die IUCN hat zu einem Countdown 2010 aufgerufen, konkrete Maßnahmen bis dahin zu erreichen. Es wird auf die Zusammenarbeit von Regierungen, Unternehmen und der Umweltverbände ankommen. Einzelne europäische Städte wie das niederländische Tillberg haben sich beispielsweise verpflichtet, bis dahin keinen weiteren Schwund der Biodiversität im Stadtgebiet zuzulassen. Die Europäische Union unterstützt die IUCN bei diesen konkreten Maßnahmen zur Biodiversität.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie das in ihrem neuen Amt als Unep-Exekutivdirektor erreichen?

Steiner: Ich trete mein Amt im Juni an. Wir stehen in den kommenden zwölf Monaten vor größeren Reformen in den Vereinten Nationen. Das wird auch die Zusammenarbeit der Organisationen für Umwelt und Entwicklung betreffen. Mein Vorgänger Klaus Töpfer hat der Unep weltweit eine größeres Gewicht gegeben, nicht zuletzt indem er die Nachhaltigkeit auch als Grundlage für die wirtschaftliche Entwicklung in den Mittelpunkt gestellt hat. Die Unep wird auf diesem Gebiet weiter eine zentrale Rolle spielen, um den Dialog zwischen Unternehmen, Regierungen und nichtstaatlichen Organisationen zu fördern.

SPIEGEL ONLINE: Ein solcher Dialog findet nächste Woche mit dem nationalen Energiegipfel in Deutschland statt. Was ist für den Klimaschutz in dem künftigen Energieszenario wichtig?

Steiner: Zweierlei: Wir müssen alle regenerativen, also nachhaltigen Energien mit Nachdruck weiterhin ausbauen. Und es muss eine volle und ehrliche Kosten-Nutzen-Analyse der Energiearten erstellt werden.

SPIEGEL ONLINE: Danach würde die Kernenergie gar nicht so schlecht abschneiden?

Steiner: Da bin ich eher skeptisch, wenn wir die Nebenkosten dieser Energieart, insbesondere die langfristigen Kosten der Entsorgung einkalkulieren. Denken Sie nur an die Kosten der internationalen Gemeinschaft für den sogenannten Sarkophag, um die strahlenden Reste des Reaktorunfalls in Tschernobyl einzuschließen. Ein Energiegipfel ist nur erfolgreich, wenn auch der Klimaschutz und damit die Biodiversität mit berücksichtigt werden.

Das Interview führte Sebastian Knauer