Berlin Weltgrößtes Saurierskelett wird abgebaut
Wie ein gefesselter Riese steht er da. Das weltweit größte aufgestellte Saurierskelett im Berliner Naturkundemuseum ist von Gerüsten umzingelt. Hebebühnen fahren vier Männer in zwölf Meter Höhe an den Brachiosaurus brancai heran. Plötzlich scheint Leben in den 150 Millionen Jahre alten Giganten zu kommen. Sein Kopf wackelt. Dann heben die Experten der kanadischen Firma Research Casting International (RCI) aus Ontario den 50 Kilogramm schweren Schädel ab. Im Nebenraum drücken sich Kinder die Nase an den Fensterscheiben platt. Der Riesensaurier, der seit den dreißiger Jahren im Museum steht, muss jetzt umfangreichen Renovierungsarbeiten weichen.
In den kommenden zwei Jahren soll das Haus modernen konservatorischen Anforderungen für die wertvollen Sammlungen angepasst werden. Unter anderem wird das Glasdach der historischen Saurierhalle, in der der Riese und einige seiner Artgenossen zu bestaunen sind, erneuert. Die Gefahr, dass Skelette dabei beschädigt werden, ist zu groß. Darum werden die Riesen der Urzeit demontiert.
Der Schädel des Brachiosaurus ist so groß wie der Rumpf der Männer, die ihn herunter geholt haben. Und dabei ist er noch einer seiner kleinsten Knochen. "Es ist ein historischer Tag, diesen Kopf zu demontieren. Er hat sich erstaunlich leicht gelöst", sagt RCI-Chef Peter May erleichtert. Ein wenig verstaubt sieht der Schädel aus, sonst ist die in den dreißiger Jahren angefertigte Kopie aber noch gut erhalten. Etwa die Hälfte der 200 Knochen des 12 Meter hohen und 23 Meter langen Skeletts sind Originale, die 1906 von Wissenschaftlern in Tendaguru in Tansania gefunden wurden.
In den nächsten zwei Tagen muss das kanadische Team jeden einzelnen Knochen mit Folie umwickeln. Allein der Oberarmknochen ist mit über zwei Metern größer als ein Mensch und kann bis zu 100 Kilogramm wiegen. Diese schweren Exemplare werden noch am Skelett in eine Kiste verpackt. Das zerlegte Urvieh wird dann mit einem gegen Erschütterungen geschützten Fahrzeug zu einer Lagerhalle in Berlin gebracht.
Die Arbeiten sind eine gute Gelegenheit für die Wissenschaftler, die Knochen zu reinigen und zu konservieren. "Außerdem gibt es bereits Anfragen von Paläontologen aus aller Welt, die diese Berliner Kostbarkeiten gerne untersuchen möchten", sagt der Kustos für Saurier am Naturkundemuseum, David Unwin.
Nach Abschluss der Renovierungsarbeiten soll der Brachiosaurus nach neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen in einer anderen Haltung aufgebaut werden. Der Hals wird gestreckt und der Schwanz vom Boden abgehoben, erläutert Unwin. Man wisse heute, dass der Schwanz des Brachiosaurus nicht am Boden schleifte, ergänzt er. Das belegen fossile Fährten, bei denen anders als bei Krokodilen keine Schwanzrinne zu sehen ist. Außerdem können mit Computerprogrammen die Bewegungen der Kolosse sehr genau nachempfunden werden. Zu der genauen Haltung der Beine und des Halses gibt es aber unterschiedliche wissenschaftliche Meinungen.
Besucher können die Demontage des Skeletts bis zum morgigen Freitag aus den Nebenräumen beobachten. Wenn der Brachiosaurus Mitte 2007 in neuer Schönheit aufgebaut wird, soll er sogar noch einen Meter größer sein.
Stephanie Stallmann, ddp