Ecuador Vulkan Tungurahua spuckt Lava
"Man hört ein ständiges Donnern und Grollen", berichtete Michael Lindemann von der hannoverschen Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR). "Die Scheiben klirren bei jeder heftigen Explosion." Mittlerweile spucke der Tungurahua auch Lava aus. "Die größten Brocken kann man von hier aus mit bloßem Auge erkennen. Jetzt in der Nacht ist dies ein besonders überwältigendes Schauspiel."
Lindemann wollte gestern eigentlich in den Erdbebenmessstationen am Vulkan Tungurahua in Ecuador eine neue Software installieren. Doch der Berg machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Der deutsche Forscher hatte sich zusammen mit den ecuadorianischen Kollegen auf den Weg zum Tungurahua gemacht, als sein Team vom Ausbruch überrascht wurde.
Mitte Juli hatte es den ersten größeren Ausbruch des über 5000 Meter hohen Vulkans gegeben - es war der schwerste seit 1999. "Man rechnet vor Ort mit noch Schlimmerem", sagte BGR-Sprecherin Frauke Schäfer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Eine Bergflanke wölbe sich bereits nach oben. Die Frequenz der Explosionen habe im Laufe des gestrigen Tages zugenommen. "Vormittags gab es fünf bis sieben Explosionen pro Stunde", sagte sie, am Nachmittag seien es deutlich mehr gewesen.
Ein Bürgermeister berichtete heute, es gebe bereits 60 Vermisste. Die Meldung wurde jedoch von Behörden des Landes noch nicht bestätigt. "Es ist viel schlimmer als beim letzten Mal", sagte Mauro Rodriguez, Chef der Zivilverteidigung der Provinz Tungurahua. "Wir haben bereits rund 300 Familien evakuiert, die nahe am Vulkan wohnen."
Der hannoversche Forscher Lindemann kann wegen des Ausbruchs an der eigentlichen Tungurahua-Messtation nun nicht mehr arbeiten. Dafür liefert der Vulkanausbruch aber die seltene Gelegenheit, die ihn begleitenden Erdbeben live aufzuzeichnen: "Noch funktioniert unsere Station und liefert hervorragende Daten", sagte der Wissenschaftler. Auf ein Softwareupdate im Observatorium werde man vorerst verzichten, um die Datenaufzeichnung nicht zu unterbrechen.
Vulkane im Konzert
Italienische Wissenschaftler versuchen die seismischen Daten des Tungurahua und auch des Ätna auf Sizilien auch akustisch zu untersuchen. Dazu nutzen sie die sogenannte Sonifikation, die Umwandlung von Daten in hörbare Töne.
"Das Ohr arbeitet logarithmisch", sagte Roberto Barbera, Physiker an der Universität Catania, dem Magazin "New Scientist". Das Gehör sei wesentlich sensibler als das menschliche Auge. Die Umwandlung in Töne erleichtere es dem Menschen, Muster oder Strukturen zu erkennen.
Barbera und seine Kollegen haben seismische Daten des Ätna und des Tungurahua digital aufgezeichnet. Anschließend spielten sie die Aufnahmen mit 200-facher Geschwindigkeit ab - und machten so die Schwingungen, die im Infraschallbereich unterhalb von zehn Hertz liegen, für den Menschen hörbar. Das Ergebnis hört sich an wie starker Wind, der um das Haus weht - siehe Kasten oben.
Domenico Vicinanza vom Musica Inaudita Sound Laboratory der Universität Salerno in Italien ging sogar noch einen Schritt weiter: Er erzeugte aus den Vulkantönen Klaviermusik, indem er die Daten in Midi-Dateien umwandelte. Die Vulkankonzerte klingen sehr avantgardistisch.
Mithilfe der Sonifikation hoffen die italienischen Wissenschaftler, dem Geheimnis von Vulkanen auf die Spur zu kommen. Nach wie vor ist es kaum möglich, bevorstehende Ausbrüche zuverlässig zu prognostizieren.
Vulkan-Perkussion
Aber werden rauschende Aufnahmen oder bizarre Klaviermusik eines Tages tatsächlich vor Eruptionen warnen können? Malte Ibs-von Seht, Wissenschaftler an der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, hat auch selbst schon mit der Methode gearbeitet - am kolumbianischen Vulkan Galeras. Meist im Vorfeld von Eruptionen seien dort sogenannte Tornillos zu beobachten - schraubenförmige Linien auf dem Seismogramm.
"Sie hören sich in der etwa 150 Mal schneller abgespielten Aufzeichnung sehr harmonisch an - wie ein Perkussioninstrument", sagte der Forscher. Dies liege daran, dass sie fast nur reine Sinustöne enthielten. Als Ursache von Tornillos vermuten Geologen ein mit Fluiden gefülltes Röhrensystem im Vulkan, das zur Resonanz angeregt wird.
Trotzdem glaubt Ibs-von Seht kaum an einen Durchbruch der Sonifikation. "Akustisch kann man mehr wahrnehmen - das ist sicher richtig." Die Sonifikation sei jedoch insgesamt wenig praktikabel. "Ziel ist ja, dass die Auswertung der Daten automatisch geschieht", sagte er SPIEGEL ONLINE. Den Menschen da wieder hineinzuziehen, sei keine so gute Idee.