Evolution: Muscheln lieben die Vielfalt - DER SPIEGEL
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Evolution Muscheln lieben die Vielfalt

Seit dem Niedergang der Dinosaurier haben sich Miesmuscheln und Austern in vielen neuen Formen entwickelt. Die Wandlungsfähigkeit der Weichtiere dürfte sich, so eine neue Studie, auch auf andere Arten übertragen lassen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Sprache der Fossilien ist mitunter missverständlich. Zwar erzählen die versteinerten Funde viel über ihre einstigen Besitzer und die damaligen Verhältnisse. Doch nicht alle Knochen werden gefunden, und es sind vor allem die nicht entdeckten Fossilien, die das Bild der Geschichte möglicherweise in einem falschen Licht erscheinen lassen.

Denn die nicht-systematische Suche nach versteinerten Spuren führt dazu, dass aus den letzten 10.000 Jahren deutlich mehr und deutlich besser erhaltene Funde bekannt sind, als aus den Millionen Jahren davor - ein Phänomen, das Paläontologen Probleme bereitet: Die Forscher können nicht mit Sicherheit sagen, ob die Artenvielfalt zuletzt wirklich zugenommen hat oder ob nur mehr Fossilien gefunden wurden.

Mehr noch: Wird eine Tierart, die lange als ausgestorben galt, heute wiederentdeckt, erhöht das die registrierte Vielfalt schlagartig. Gegenwart und jüngere Vergangenheit können somit das Wissen über die Evolutionsgeschichte entscheidend beeinflussen.

Einem Team um David Jablonski von der University of Chicago hat das keine Ruhe gelassen. Wie die Forscher im Wissenschaftsmagazin "Science" berichten, haben sie die fossile Geschichte maritimer Schalentiere - von der Auster bis zur Miesmuschel - genau analysiert und viele Tiere neuen Gattungen zugeschlagen. Offensichtlich hatten Biologen zuletzt viele verschollen geglaubte und dann wiederentdeckte Arten in zwei verschiedene Schubladen gesteckt.

Jablonski zufolge werden nur fünf Prozent der Muschel-Fossilien aufgrund von aktuellen Funden falsch interpretiert - ein Ergebnis, das laut "Science" repräsentativ für andere Arten ist. Die Vielfalt im Tierreich dürfte daher während der letzten 65 Millionen Jahre tatsächlich zugenommen haben.

Was einen derartigen Sprung in der Artenvielfalt verursacht haben könnte, bleibt allerdings weiter unklar. Vielleicht haben die auseinander driftenden Erdplatten dazu geführt, dass neue Orte für neue Tierarten entstehen konnten. Vielleicht setzten die sich auffaltenden Gebirge aber auch Nährstoffe frei, die die biologischen Aktivitäten auf der Erde angekurbelt haben.

Doch egal, was die Diversifikation verursacht hat, die Paläontologen wissen jetzt immerhin eines: dass die Vielfalt zugenommen hat - und dass es sich lohnt, nach ihren Auslösern zu suchen.

Alexander Stirn