Evolutionsbiologie: Sex macht einsam - DER SPIEGEL
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Vogelnachwuchs: Treue Mütter bekommen Familienhilfe

Foto: Joseph Tobias

Evolutionsbiologie Sex macht einsam

Sex schadet dem Gemeinschaftsgefühl - zumindest im Tierreich. Eine neue Studie zeigt: Fremdgehen macht Vogelmütter einsam, sie bleiben auf sich allein gestellt. Treue Weibchen hingegen erfahren viel Unterstützung. Auch bei anderen Tieren fördert Sexabstinenz den Zusammenhalt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ohne Sex kann sich eine soziale Gemeinschaft besser entwickeln. Einer Untersuchung von Vögeln zufolge hängt das Sozialleben wesentlich davon ab, wie monogam es bei ihrer Art zugeht: Sind die Vogelweibchen treu, existiert demnach ein großer Zusammenhalt in den Familien. Ältere Geschwister helfen beim Ausbrüten ihrer Nachfolger, bewachen das Nest oder picken Würmer aus dem Boden, mit denen sie die Brut füttern. In promisken Vogelarten hingegen herrsche ein wesentlich rauerer Umgang, schreiben die Forscher im Wissenschaftsblatt "Nature". 

"Je mehr Gefährten ein Weibchen hat, desto weniger Unterstützung kann es sich von seiner Familie erhoffen," sagt die Studienleiterin Ashleigh Griffin von der Oxford University. Für die Untersuchung hatten sie und ihr Team Daten von 267 Vogelarten ausgewertet. Dabei bestimmten die Forscher mit Hilfe von Stammbaumanalysen zuerst, mit wie vielen verschiedenen Männchen die Vogeldamen im Durchschnitt Nachwuchs zeugen. Anschließend glichen sie ihre Ergebnisse mit dem Sozialverhalten der Vogelart ab. Das Ergebnis: Vogelweibchen mit wechselnden Partnern mussten sich etwa dreimal häufiger allein um die Aufzucht ihrer Küken kümmern als treue Vogelweibchen.

Investitionen in fremden Nachwuchs sind ein evolutionäres Paradoxon. Warum sollten sich Lebewesen um fremde Junge kümmern, statt mit eigenem Nachwuchs die Verbreitung ihrer Gene voranzutreiben? Dies ergibt nur Sinn, wenn sich Kümmerer und Umsorgter möglichst nahe stehen. "Wenn die Weibchen treu sind und sich nur mit einem Gefährten paaren, sind ihre gesamten Kinder Geschwister und sehr eng miteinander verwandt", sagt Griffin. Helfen ältere Vögel bei der Aufzucht ihrer jüngeren Geschwister mit, setzen sie sich somit auch für die Verteilung ihrer Gene ein - genauso wie bei der Pflege des eigenen Nachwuchses.

Unfruchtbar und sozial

Bringt der Zusammenhalt noch weitere Vorteile, zum Beispiel eine bessere Nahrungsversorgung, kann dies schnell zu einem sozialen Verhalten führen. Fällt die genetische Versicherung hingegen durch eine untreue Mutter weg, ergibt die Unterstützung biologisch gesehen keinen Sinn mehr. Dann werden die Vögel früher flügge, um sich eine eigene Familie aufzubauen.

Die Biologen beobachteten, wie sich das Sozialverhalten innerhalb einer Vogelart als Reaktion auf das Sexualverhalten veränderte. Wurden die Vogeldamen treuer, entwickelte sich eine Brutgemeinschaft. Verhielten sie sich promisk, mussten sich die Weibchen meist allein um ihren Nachwuchs kümmern.

Der Zusammenhang zwischen einer geringen Promiskuität und einem großen sozialen Zusammenhalt ist bereits von anderen Tierarten wie Ameisen, Wespen, Bienen und Termiten bekannt. Selbst treue Krabben kooperieren bei ihrem Nachwuchs. Nach der Bestätigung bei den Vögeln glauben die Wissenschaftler nun, dass die Ergebnisse auch auf höherentwickelte Lebewesen zutreffen: "Es gibt keinen Grund, warum der Grad der Treue nicht auch bei Säugetieren inklusive den Primaten die Ausbildung eines sozialen Netzwerks beeinflussen sollte", sagt Griffin. "Sex behindert, zumindest was die Evolution betrifft, tatsächlich das Sozialverhalten."

So könnte der Mensch etwa von der Blattschneiderameise noch eine Menge lernen. Zumindest, wenn es um Selbstlosigkeit geht. Tag für Tag arbeiten die Insekten unentwegt für ihren Staat, schleppen Blätter zum Bau, zerkauen sie und ernähren mit dem Brei ihre Nahrungsgrundlage, einen Pilz - eine perfekte Symbiose. Jede der Arbeiterinnen ist ein kleines Puzzlestück in einem großen Kollektiv. Das soziale Geflecht kann aus zwei Gründen bestehen: Die Insekten sind sich genetisch ähnlich - die Arbeiterinnen sind Schwestern. Und sie sind unfruchtbar. Sexabstinenz hält den Ameisenstaat zusammen.

irb

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