Forscher rekonstruieren Psittacosaurus - DER SPIEGEL
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Psittacosaurus: Archaischer Truthahn im Tarnanzug

Foto: Jakob Vinther;Bob Nicholls/ dpa

Spektakuläre Saurier-Rekonstruktion Truthahn im Tarnanzug

Gestatten, Psittacosaurus: Ein internationales Forscherteam will einen Dinosaurier bis aufs letzte Farbdetail rekonstruiert haben. Die Studie zeigt eindrucksvoll, was moderne Methoden möglich machen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Aus versteinerten Überresten Informationen auf das einstige Aussehen eines Tieres zu ziehen, ist schon schwer genug. Der Methodenfortschritt der Paläontologie ermöglicht heute aber sogar weit mehr: Mit modernen Analyseverfahren wagen Forscher inzwischen sogar Aussagen über Lebensweisen und Verhalten ausgestorbener Tiere.

Besonders weit wagte sich nun eine Gruppe von Forschern unter anderem der britischen Universität Bristol und des Senckenberg-Instituts in Frankfurt am Main vor. Ihre detaillierte, neue Beschreibung des seit Langem bekannten Psittacosaurus beruht auf einem ungewöhnlich vollständig erhaltenen Fossil, das im Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main  ausgestellt ist. Die Analyse floss bereits vor Veröffentlichung ihrer Studie  in eine physische Rekonstruktion des Tieres ein, die der renommierte Paläo-Künstler Robert Nicholls  erarbeitete.

Er zeigt einen Truthahn-großen Dinosaurier, der weit vorgebeugt auf den Hinterbeinen läuft, während sein massiver, mit federartigen Borsten bestückter Schwanz als Gegengewicht dient. Der Kopf wirkt bizarr: Er ähnelt dem einer Schildkröte mit Muppet-haft großen Augen, der man einen Papagaienschnabel anmontiert hat und dicke Dornen an die Seiten des Kopfes. Gefärbt ist das Tier wie ein heutiges Reh: Oben dunkel und braun, unten deutlich heller.

Es ist eine Färbung, mit der man das Tier in offenem Grünland wohl über Kilometer hinweg sehen würde. Und es ist ein Muster, mit dem man es im Unterholz stillstehend wohl selbst dann übersehen könnte, wenn man fünf Meter davor steht. Dieser Psittacosaurus, sagen die Autoren, war mit seiner Konterschattierung, wie man sie von zahlreichen lebenden Tieren kennt, perfekt an ein Leben im Wald angepasst.

Das Prinzip der Tarnung durch Konterschattierung ist leicht erklärt: Was dem Licht ausgesetzt ist, ist dunkler gefärbt als Körperteile im Schatten. Aus der Distanz gesehen gleicht sich das aus, man sieht keine aufgehellte "Oberkante", an der man das Tier leicht erkennen könnte. Und weil bei Psittacosaurus auch die Brust dunkler war als der Unterbauch, argumentieren die Wissenschaftler, müsse man davon ausgehen, dass das Tier relativ weit aufgerichtet auf zwei Beinen lief, wenn es sich von A nach B bewegte.

Es sind also wenige, aber wichtige Grundinformationen, aus denen Paläontologen ihre Rückschlüsse ziehen. Sie sehen ein Tier, das

  • klein war, vergleichbar mit einem größeren Truthahn und von ähnlichem Gewicht,
  • seine pflanzliche Nahrung wohl mithilfe seines Schnabels zerteilte, dessen Schnittflächen das Tier wohl auch leicht vor- und zurückbewegen konnte (eine Bewegung, die an ein Elektromesser erinnert),
  • sich farblich an ein verstecktes Leben im Unterholz von Wäldern angepasst hatte.

Kann man aus solchen Informationen Rückschlüsse auf das Verhalten ziehen? Natürlich kann man das: Selbst als Laien beginnen wir unwillkürlich, das geschilderte Tier mit heutigen, ähnlich lebenden Tieren zu vergleichen. Die auf der aktuellen Studie basierende Psittacosaurus-Skulptur von Nicholls, jubelte der "Guardian", sei die "präziseste Darstellung eines Dinosauriers aller Zeiten".

Das ist vielleicht ein wenig zu euphorisch, aber daran, dass Psittacosaurus in seiner neuen Darstellung dem lebenden Vorbild tatsächlich sehr nahe kommt, davon sind die Autoren der Studie überzeugt.

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Wie bei den Untersuchungen des Federkleids gefiederter Dinosaurier in den letzten Jahren machten sie sich mit biochemischen und spektographischen Methoden auf die Suche nach den chemischen Markern der Farbstoffe, die sich einst in Haut und Hörnern des Psittacosaurus fanden. Mithilfe von polarisiertem Licht und Laser-induzierter Fluoreszenz fanden sie unter dem Elektronenmiskroskop sogenannte Melanosome, die für die Färbung verantwortlich sind.

Sie nutzten das, um das untersuchte Fossil regelrecht zu kartieren: Demnach waren beispielsweise Schädel und Seitenhörner des Psittacosaurus heller als sein Schnabel. Es ist tatsächlich eine ungewöhnlich detaillierte Beschreibung eines Tieres, das vor über 100 Millionen Jahren lebte.

Psittacosauridae: Frühe, kleine Hornsaurier

Psittacosaurier sind eine Gruppe innerhalb der Ceratopsia, die vor rund 163 bis 66 Millionen Jahren lebten. Sie begannen ihre evolutionäre Karriere als kleine Pflanzenfresser und brachten am Ende ihrer Entwicklungslinie spektakuläre Giganten wie Triceratops hervor. Psittacosauridae (ca. 134 bis 100 Mio. Jahre) gehörten noch zu den frühen, kleinen Vertretern - kaum etwas an ihnen erinnert an die späteren, nashornähnlichen, mächtigen Ceratopsiden, die zu den wehrhaftesten Pflanzenfressern unter den Dinosauriern gehört haben dürften.

Dafür waren sie die ersten Vertreter dieser Gruppe, an denen man neben reptilartig schuppiger Haut einwandfrei auch federartige Borsten festgestellt hat. Bei Psittacosaurus mit seinem bürstenartigen Irokesenschnitt am Schwanz haben diese wohl kaum einen wärmenden Zweck erfüllt.

Auch hier zieht man aus dem Körpermerkmal Vermutungen zum Verhalten: Wenn die Borsten nicht dazu dienten, den Umriss des Körpers im Schatten zu verfremden und so Jäger zu täuschen, diente der Kamm möglicherweise kommunikativen Zwecken wie etwa der Balz oder symbolischen Kämpfen.