Trias-WG: Jäger und Gejagter, gemeinsam in den Tod
Vor 250 Millionen Jahren starben zwei Tiere innig aneinander gekuschelt, die man zusammen gar nicht hätte finden sollen. Die Geschichte von der "seltsamen WG aus der Trias" ist ein paläontologisches Kuriosum. Relevant ist sie aber aus ganz anderen Gründen.
"Manchmal", sagt meine Frau, "kann ich einfach nicht glauben, dass dich dieser Kram wirklich interessiert." Wie ihr geht es wohl den meisten Menschen: Sie halten das Interesse an der "Urzeit" für eine aus Kindheitstagen herübergerettete Marotte. Dabei geht es um Erkenntnis - und ganz große Geschichten.
Denn auch den meisten Paläontologen ist klar, dass sie ihre Funde für Knochenverächter nur interessant machen können, wenn sie sie zum Leben erwecken. Sie in eine Geschichte einbetten, die emotionale Anknüpfungspunkte bietet. Je mehr Kopfkino, desto besser. Beispiel gefällig?
Thrixi und Broomi, die Trias-WG
Wirklich weltweite Schlagzeilen machte eine Forschergruppe von der südafrikanischen Wits University (Johannesburg) in dieser Woche mit der Geschichte vom "Early Triassic odd couple" . Sie hatten im Karoo-Becken einen wenige Kilogramm schweren, eiförmigen Steinbrocken entdeckt, der gleich zwei eng ineinanderverschlungene Tiere enthielt.
Die spektakuläre Geschichte ergab sich dann aus der Fundsituation und den zwei Tieren selbst - denn die bildeten tatsächlich ein "seltsames Paar": Bei den Fossilien handelte es sich zum einen um ein Thrinaxodon, zum anderen um ein Amphibium der Gattung Broomistega.
Bemerkenswert ist das aus zwei Gründen. Thrinaxodon zählt zu den Cynodontiern, den säugetierähnlichen Reptilien. Die heißen nicht nur so, sondern waren wohl auch direkte Vorfahren der Säuger: Möglicherweise hatte der kleine Räuber Thrinaxodon sogar schon ein Fell und war warmblütig.
Broomistega hingegen war ein urtümliches Amphibium, wie sie im Karbon und Perm häufig vorkamen. In der Trias hingegen scheint Broomistega der letzte Überlebende seiner Familie (der Rhinesuchidae) gewesen zu sein. Dass diese beiden so grundverschiedenen Tiere - eines am Ende seiner "Karriere" in der Erdgeschichte, das andere am Anfang, das eine ein Jäger, das andere eher Gejagter - quasi miteinander kuschelnd den Tod fanden, rekonstruierten die südafrikanischen Forscher als dramatische Geschichte.
Demnach rettete sich Broomistega durch Bisse und erhebliche Quetschungen schwerverletzt in den unterirdischen Bau des Thrinaxodon. Das, mutmaßen die Forscher, lag dort in tiefem, möglicherweise saisonalem Schlaf - womöglich eine Strategie zum Überleben widriger jahreszeitlicher Bedingungen. Broomistega kuschelte sich eng an das Thrinaxodon und muss dort einige Zeit gelegen haben. Seine gebrochenen Knochen, schrieben die Forscher im Wissenschafts-Fachmagazin "PLoS ONE", zeigten Zeichen beginnender Heilung.
Und dann kam die Flut. Thrinaxodon und Broomistega - von Haus aus kein Höhlenbewohner - wurden unter Sediment begraben und starben als seltsamste bisher gefundene WG-Genossen des Trias.
Worum es wirklich geht
Cool ist das - und äußerst nützlich, um wissenschaften Erkenntnissen und neuen Methoden Öffentlichkeit zu verschaffen. Denn natürlich geht es bei der Geschichte nicht um die individuelle Katastrophe zweier kleiner, vor 250 Millionen Jahre gestorbener Kreaturen. In wissenschaftlicher Hinsicht ist das eine Kuriosität, eine Anekdote ohne über den Einzelfall hinausgehende Relevanz. Es geht um die Methoden, mit denen man heute solche Geschichten aus dem Stein lesen kann. Und das sogar, ohne den überhaupt zu öffnen.
Denn das eigentlich Interessante an dieser Geschichte ist, dass sie mit Hilfe eines bildgebenden Verfahrens unter Verwendung eines Teilchenbeschleunigers entdeckt wurde. Die äußerst detaillierten Darstellungen der Fossilien basieren auf Computer-Visualisierungen, die dann zu Präsentationszwecken mittels 3-D-Druck verstofflicht wurden. In der Bildergalerie sieht man das - bis heute physisch intakte - Fundstück in allen Phasen seiner Aufbereitung.
Da versteht man, was einst Arthur C. Clarke mit seinem dritten Gesetz über die "Grenzen des Möglichen" meinte: "Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden."
Die Magie der Paläontologie ist, die Geschichte in der Erdgeschichte zu entdecken.