Hawaii-Atolle: Wundersamer Archipel der Einsiedler - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Hawaiis einsame Atolle: Das bedrohte Paradies

Foto: AP/ NOAA

Hawaii-Atolle Wundersamer Archipel der Einsiedler

Hawaii: Das sind nicht nur O'ahu, Big Island und Maui. Jenseits davon zieht sich die Inselkette noch weitere 2000 Kilometer in den Pazifik. "Mare"-Autor Georg Rüschemeyer hat die einsamen Atolle besucht - und beschreibt Pflanzen und Tiere, die es sonst nirgendwo auf der Erde gibt.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Einsamkeit ist auch nur eine Frage der Perspektive. Aus menschlicher Sicht gibt es auf Erden kaum abgelegenere Orte als die Nordwestlichen Hawaii-Inseln, kurz NWHI, die sich von den Hauptinseln des Archipels wie eine lose Perlenkette auf fast 2000 Kilometer Länge in den Pazifik erstrecken. Von Menschen bewohnt ist nur das Midway-Atoll, das als hart umkämpfter Stützpunkt der US-Marine im Zweiten Weltkrieg Geschichte schrieb. Die letzten Soldaten verließen Midway Ende der neunziger Jahre. In ihren alten Unterkünften leben heute nur noch ein paar Arbeiter, die die alte Rollbahn für Notlandungen von Flugzeugen funktionstüchtig halten.

Die anderen neun Inseln, oft kaum mehr als bessere Sandbänke oder umbrandete Basaltfelsen, sind unbewohnt. Und doch pulsiert auf den zusammengenommen gerade 15 Quadratkilometer großen NWHI das pralle Leben. Mit rund 14 Millionen hier nistenden Seevögeln gilt der Archipel als wichtigstes Brutgebiet der Tropen. Allein auf Midway drängen sich in der Balz- und Brutsaison von Oktober bis Juli mehr als eine Million Laysan- und Schwarzfußalbatrosse auf sechs Quadratkilometern. Das entspricht der fünffachen Bevölkerungsdichte Manhattans, die weiteren ein bis zwei Millionen Seevögel des Atolls nicht mitgerechnet.

"Auf Midway haben die Albatrosse das Sagen, während der Brutzeit stolpert man buchstäblich über die Tiere. Auch für die Menschen hier gliedert sich das Jahr nach der Ankunft des ersten Albatrosses, dem Schlüpfen des ersten Kükens und dem Abflug des letzten Jungvogels", erzählt die US-Fotografin Susan Middleton, die nach zahlreichen, zum Teil monatelangen Aufenthalten auf allen neun Inseln zu deren besten Kennern gehört. Für den Bildband "Archipelago", aus dem die auf diesen Seiten gezeigten Fotos stammen, dokumentierte sie gemeinsam mit ihrem Kollegen David Liittschwager die einzigartige Tier- und Pflanzenwelt der NWHI.

Exklusive Gemeinschaft von Fischen und Wirbellosen

Keine leichte Aufgabe, denn die zum US-Bundesstaat Hawaii gehörenden Inseln sind - bis auf Midway, das auch politisch eine Sonderstellung hat - strengstes ökologisches Sperrgebiet. Zugang erhalten nur handverlesene Wissenschaftler und Helfer. Wer vom U.S. Fish & Wildlife Service und der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) ausgewählt wird, für den gelten strikte Quarantäneregeln. Sämtliche "weichen" Ausrüstungsgegenstände wie Kleidung, Schuhe, Rucksäcke und Zelte müssen fabrikneu sein und vor dem Packen 48 Stunden in einer Tiefkühltruhe gelagert werden.

Alles andere wird gründlich gereinigt und inspiziert, danach kommt das Gepäck in dichte Plastikbehälter, die erst am Zielort geöffnet werden. Da für jede Insel getrennt gepackt werden muss, sei der logistische Aufwand bei der Vorbereitung für eine Inselhopping-Expedition immens, sagt Middleton. "Vor allem darf man nichts Wichtiges vergessen, denn bis man vom nächsten NOAA-Schiff abgeholt wird, vergehen Wochen bis Monate, in denen man auf sich selbst gestellt ist."

Die Quarantäne ist keine Schikane, sondern eine unumgängliche Maßnahme, um das Einschleppen von Insekten oder Pflanzensamen zu vermeiden. Denn invasive Arten können leicht zur tödlichen Gefahr für die kleinen und dadurch besonders empfindlichen Ökosysteme der Inseln werden. Allein 23 Vogelarten brüten hier, vier davon, der Nihoa- und der Laysanfink, der Nihoarohrsänger und die Laysanente, sind auf ihrer jeweiligen Heimatinsel sogar endemisch, also nirgendwo sonst auf der ganzen Welt zu finden.

Ebenso gedeihen auf den NWHI seltene Pflanzen wie etwa die Ohai, ein prächtiges rotes Gewächs aus der Familie der Schmetterlingsblütler. Es ist auf den Hauptinseln nur noch in wenigen Exemplaren zu finden. Auf Nihoa wächst es dagegen in dichten Beständen.

Auch unter Wasser lebt in ausgedehnten Riffen eine exklusive Gemeinschaft von Fischen und Wirbellosen. "Die Riffe der NWHI sind praktisch unberührt und mit ihren vielen endemischen Arten ein unersetzlicher Hotspot der globalen Biodiversität", sagt Alan Friedlander, Fischexperte an der University of Hawaii. "Sie geben uns eine Vorstellung davon, wie das Meer vor ganz Hawaii vor der Ankunft des Menschen ausgesehen haben könnte."

Etwa 80 zum Teil noch nicht wissenschaftlich beschriebene Arten von Steinkorallen fanden Forscher um die Inseln, fast die Hälfte davon sind dort endemisch. Auch unter den weit mehr als 1000 Wirbellosen und den 210 bekannten Fischarten der Region ist der Anteil endemischer Spezies hoch. Ökologisch einzigartig sei unter den Fischen vor allem der hohe Anteil an Spitzenprädatoren, so Friedlander. Diese am Ende der Nahrungskette stehenden Räuber machen vor den NWHI rund die Hälfte der gesamten Fischbiomasse aus, während ihr Anteil vor den Hauptinseln, wo sie durch Sportfischer dezimiert werden, nur bei etwa drei Prozent liegt. Der Unterschied zur Unterwasserwelt vor den Hauptinseln sei überwältigend, sagt auch Susan Middleton. "Beim Tauchen ist man sofort von Zackenbarschen, Stachelmakrelen und Haien umgeben, die kaum Scheu vor Menschen kennen."

In "Archipelago" sucht man solche Räuber allerdings vergeblich. Denn die Spezialität der Fotografin sind intime Aufnahmen von Tieren und Pflanzen, die in einem mobilen Fotostudio vor neutralem Hintergrund entstehen - eine unter Naturfotografen ungewöhnliche Vorgehensweise. "Unser Ziel sind Bilder, die beim Betrachter eine ähnlich emotionale Reaktion hervorrufen wie ein gelungenes Porträtfoto", sagt Middleton.

Bedrohtes Paradies

Den Betrachtern die Lebenswelt der Inseln näherzubringen ist eine wichtige Aufgabe, gerade weil Normalsterbliche keinen Zutritt haben. Für Behörden und Umweltschützer kommt es nicht infrage, die strikte Quarantäne aufzulockern. Sie haben schlichtweg Sorge, dass es auf den NWHI, die bereits 1909 von US-Präsident Theodore Roosevelt unter Schutz gestellt wurden, zu einer ökologischen Katastrophe kommt.

So vernichteten vor sechs Jahren ursprünglich vom amerikanischen Festland stammende Heuschrecken rund 90 Prozent der Vegetation auf Nihoa. Zugereiste Ameisen piesacken immer wieder die Vogelküken, und eingeschleppte Pflanzen wie der Goldene Kronenbart hätten schon längst die einheimische Flora verdrängt, würden nicht Trupps von Freiwilligen regelmäßig über die Inseln ziehen und jede Pflanze auszupfen, die dort nicht hingehört. "Die Aussichten, solche invasiven Spezies wieder loszuwerden, sind bei kleinen Inseln noch vergleichsweise gut", sagt Alex Wegmann, Biologe bei der Umweltschutzorganisation Island Conservation. "Doch gerade der Kronenbart, dessen Samen noch Jahre im Boden auskeimen können, ist eine echte Herausforderung."

Der schlimmste Eindringling der letzten 100 Jahre aber war ausgerechnet ein aus dem Elsass stammender Deutscher: Maximilian Joseph August Schlemmer, Unternehmer und selbst ernannter "König von Laysan". 1894 ließ er sich mit seiner Familie auf der Insel Laysan nieder, in der Hoffnung, mit Guano und Vogelfedern reich zu werden. Vor allem das Brustgefieder von Albatrossen war damals eine beliebte Applikation an den Hüten feiner Damen.

Schlemmer schlachtete Meeresschildkröten, schoss Tausende von Seevögeln und sammelte deren Eier, vor allem aber brachte er neben Schweinen, Kühen, Enten und allerlei Kulturpflanzen auch Kaninchen auf die Insel, die den kargen Speiseplan der stetig wachsenden Familie und ihrer japanischen Helfer bereichern sollten. Die taten, was Kaninchen eben so tun, und innerhalb weniger Jahre war die Vegetation der nur vier Quadratkilometer großen Insel fast komplett abgenagt.

Das große Fressen ging auch nach Schlemmers Verhaftung wegen angeblicher Spionage für den Kriegsgegner Deutschland weiter. Erst 1923 gelang es einer Forschungsexpedition, die bereits vom Hunger dezimierten Langohren gänzlich auszurotten. Doch da waren die Bestände von Seevögeln, Mönchsrobben und Suppenschildkröten schon erheblich dezimiert, und das Schicksal von drei der fünf auf der Insel endemischen Vogelarten war besiegelt. Von der Laysanralle, dem Laysanrohrsänger und der Laysanapapane aus der Familie der Kleidervögel existieren heute nur noch einige sepiafarbene Fotos und Filmaufnahmen.

Ähnlich düster sah es zunächst für die Laysanente aus, die nur auf Laysan natürlich vorkommt, hauptsächlich an einer einzigen Brackwasserlagune. 1912 wurden auf der Insel nur noch zwölf Exemplare gezählt. Doch die Art erholte sich wider Erwarten; mittlerweile leben auf dem Eiland wieder mehrere hundert Tiere. 2004 und 2005 brachte man einige Laysanenten nach Midway, wo sie sich seither prächtig vermehren.

"Es gibt auf der Erde keine wahrhaft einsamen Orte mehr"

Heute, ein Jahrhundert nach Max Schlemmer, brüten auf Laysan wieder fast so viele Vögel wie vor seiner Ankunft. So ist die Geschichte der Insel nicht nur ein Lehrstück für die leichtfertige Zerstörung einzigartiger Lebensräume durch den Menschen, sondern auch ein Beispiel dafür, wie die Natur verlorenen Boden gutmachen kann, wenn man sie nur lässt.

Dass man sie lässt, dafür sorgen heute die amerikanischen Naturschutzbehörden. Und doch bleiben die winzigen Inseln mit ihren seltenen Bewohnern ein bedrohtes Paradies. Am 11. März dieses Jahres war es die Natur selbst, die für die Bewohner der Inseln zur tödlichen Gefahr wurde. Ausgelöst durch das Jahrhunderterdbeben vor der Ostküste Japans, schwappten bis zu zweieinhalb Meter hohe Wellen über die flachen, oft nur ein, zwei Meter aus dem Meer ragenden Inseln.

Während sich die Forschungsteams auf Midway und auf einigen der anderen Inseln rechtzeitig auf höher gelegene Areale zurückziehen konnten, traf der Tsunami viele Brutvögel mit voller Wucht. "Allein auf Laysan wurden mehr als 100.000 Albatrosküken aufs offene Meer gespült oder unter Sand begraben", sagt Middleton, die die Insel zuletzt im Mai dieses Jahres besuchte.

Immerhin überlebten die beiden prominentesten Albatrosse der Insel die Naturkatastrophe: das erste außerhalb Japans aus dem Ei geschlüpfte Kurzschwanzalbatrosküken, das die Gründung einer neuen Brutkolonie dieser hochgradig bedrohten Art markieren könnte, sowie Wisdom, ein mindestens 60 Jahre altes Laysanalbatrosweibchen, das als ältester Wildvogel der Welt gilt und noch immer regelmäßig für Nachwuchs sorgt. 1956 hatte man Wisdom zum ersten Mal mit einem Ring markiert. Damals war das Tier wahrscheinlich acht oder neun, mindestens aber fünf Jahre alt.

"Dass jetzt so viele Albatrosküken getötet wurden, ist zwar ein schwerer Schlag, aber keine existenzielle Bedrohung der Art", meint Middleton. Viel schwerwiegender sei etwas ganz anderes, etwas, was die Menschen zu verantworten hätten: Plastikmüll. Die Elterntiere, die sich vor allem von Tintenfischen oder Eiern von Fliegenden Fischen ernähren, nehmen bei der Suche nach Essbarem im Meer schwimmende Plastikteile bis zur Größe von Zahnbürsten oder kleinen Druckerpatronen aus Versehen auf. Die Verwechslung passiert deswegen so häufig, weil Albatrosse gerne während des Fluges ihre Beute fangen.

Zurück am Nest, würgen sie diese zusammen mit dem Nahrungsbrei wieder hoch und verfüttern sie an ihre Jungen. Deren Mägen füllen sich mehr und mehr mit Plastik, bis sie schließlich mit schmerzhaft vollem Bauch verhungern. "Auf Midway findet man auf Schritt und Tritt die Kadaver junger Albatrosse, aus denen Einwegfeuerzeuge und Kugelschreiberteile herausragen", sagt Middleton. Hawaiische Forscher fanden vor Kurzem im Nahrungsbrei einiger Jungtiere bis zu 70 Plastikteile in einem Tier.

Wie viele Albatrosse letztlich deswegen verenden, lässt sich nur schwer sagen. Doch die vielen Tonnen Müll und über Bord geworfene Fischernetze, die von freiwilligen Helfern jedes Jahr von den Inseln abtransportiert werden, beweisen zumindest eines: Die Hinterlassenschaften des Menschen schaffen es noch auf die entlegensten Inseln der Welt. Oder wie es Middleton formuliert: "Es gibt auf der Erde keine wahrhaft einsamen Orte mehr."

Aus "Mare" No. 87, August 2011