Volk der Pferde: Das Reiterreich der Comanche
Comanche »Ihr habt 47 Pferde? Da müsst ihr aber reich sein!«
Im September 1874 fand das große Reiterreich der Comanche im nördlichen Texas ein grausames Ende. Dort gab Colonel Ranald Slidell Mackenzie den Befehl, sämtliche Pferde zu erschießen.
Die Tiere hatten den Comanche als wichtiges Fortbewegungsmittel gedient, als Grundlage für ihr Nomadenleben, als Nahrung und als wichtigste Waffe ihrer Kriegsführung. Die beiden Massaker von 1874 und 1875 brachen den Widerstand der Comanche. Sie bedeuteten aber nicht das Ende für die Geschichte der Pferde bei den amerikanischen Ureinwohnern - die hatte gerade erst begonnen.
Denn zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits im ganzen Land herumgesprochen, wie nützlich Pferde sein konnten. War ein Mann klug und ehrgeizig, dann konnte er sich mehrere Pferde leisten und diese dann verkaufen, tauschen oder verschenken. An der Anzahl seiner Pferde konnte man also den Reichtum eines Mannes ablesen.
Heute sind Pferde nach wie vor von größter Bedeutung für viele amerikanische Ureinwohner. Und sie stehen für die uralten Traditionen und Werte ihrer Stämme: für glanzvolle Auftritte, für Tapferkeit und für ein Wissen, das seit Jahrhunderten an die nächste Generation weitergegeben wird - auch und gerade heute noch.
Ihr habt 47 Pferde? Ihr müsst ja reich sein!
Das "Pendleton Round-Up" ist ein Rodeo der Spitzenklasse, an dem jeder teilnehmen kann. Die offizielle Betreuerin dieses zeremoniellen "indianischen Hofstaats" ist Toni Minthorn, eine Frau um die 50. Als Kind lebte Toni mit ihrer Familie in einem kleinen Ort namens Spring Hollow. Dort hatten sie nichts: keinen modernen Komfort, kein Spielzeug, die kleine Toni besaß nicht mal eine Puppe. Ihre Klassenkameraden bemitleideten sie: Was? Du hast keine Puppe? "Ich habe mich gefühlt wie das ärmste Kind auf der Welt."
Was machst du denn den ganzen Tag, fragten die Klassenkameraden. Wir reiten. Deine Familie hat Pferde? Klar, erzählte sie ihnen. 47 Stück. Ihr habt 47 Pferde? Ihr müsst ja reich sein! "Und da hab ich mich gar nicht mehr arm gefühlt."
Die "Crow Fair" ist eine weitere wichtige Zusammenkunft. Zum Programm gehören Wettrennen, Bullenreiten, Wildpferdreiten mit Sattel, Lassowerfen im Team, Kälberfangen für Frauen und eine fantastisch wilde Disziplin, das "Indian Relay". Es wird vom Ansager als "die spannendsten fünf Minuten im Indian Country" angepriesen.
Da an jedem Durchgang mindestens fünf Teams teilnehmen, deren Reiter versuchen, die ungesattelten Pferde zu wechseln, die Tiere aus dem vollen Galopp heraus zu stoppen und auf anderen loszureiten - und das alles auf einer überfüllten Bahn -, kann es beim "Indian Relay" ziemlich chaotisch zugehen.
Am Nachmittag nach meinem Gespräch mit "Tee" Big Hair bricht sich ein Vollblut namens "Ollie's Offspring" vor schierer Anstrengung das Schienbein - nur 18 Meter vor dem Sieg im letzten Rennen. Kollektives Aufstöhnen vor Entsetzen von der Tribüne. Das Pferd muss vor den Augen von 5000 Menschen erschossen und von einem Traktor weggeschleppt werden.
"Es ist wahre Liebe. Man sorgt für sein Pferd"
Als ich am folgenden Morgen wieder mit "Tee" spreche, scheint er sehr aufgewühlt zu sein. "Es hat mich ins Herz getroffen", sagt er. Wegen seiner intensiven Gefühle für diese Tiere und wegen dem, was sie ihm geben. Er drückt sich die Faust fest an die Brust: "Es ist wahre Liebe. Das ist es. Man sorgt für sein Pferd."
Pferde sind traditionell wichtig für die Indianerstämme, doch in manchen Familien gibt es dazu noch eine ganz besondere Leidenschaft für die Tiere. "Tee" Big Hairs Clan ist nur ein Beispiel dafür. Ein weiteres begegnet mir in Gestalt der jungen Blackfeet-Frau Johnna Laplant. Sie ist Rennreiterin aus Browning, Montana. Erstmals sehe ich sie beim "Pendleton Round-Up". Sie nimmt mit einem braunen Vollblutwallach am "Ladies' Race" teil. Sie reitet heißblütig, ohne Sattel - und gewinnt.
Narsis, 30, Johnnas Cousin, auch einer dieser schlaksigen Reitsportler, spielt eine wichtige Rolle in Johnnas Geschichte. Er ist ein meisterhafter Staffelreiter und hat Johnna alles über das Reiten beigebracht. "Narsis war immer da", sagt sie. "Ohne ihn wüsste ich absolut nichts über Pferde."
Es erinnert mich daran, was Toni Minthorn in Pendleton über das arme Mädchen erzählte, dass keine Puppen besaß, aber 47 Pferde. Und es erklärt, was "Curlys" Großenkelin Johnna erzählte. So wie Narsis ihr das Reiten beigebracht habe oder ihr zumindest erlaubt habe, es sich selbst beizubringen. Und wie sie, Johnna, es jetzt ihren jungen Cousins und Cousinen beibringt.
Es mag vielleicht keine auf ewig ununterbrochene Kette sein - aber kostbar ist sie auf jeden Fall: Du eignest dir Fähigkeiten und eine Leidenschaft an, die von den Vorfahren stammen. Du erlernst die Fähigkeiten von den Älteren und machst dir deren Leidenschaft zu eigen. Erst wirst du gut, dann meisterlich, dann großzügig in deinem Können. Dann sorgst du klug und liebevoll für deine Tiere. Du reichst diese Gabe an die jüngeren Verwandten weiter. Du machst deine Familie stolz und hältst sie zusammen.
Das ist das perfekte "Indian Relay".
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/indianerpferde .