Intelligenzforschung: Der umsichtige Affe - DER SPIEGEL
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Intelligenzforschung Der umsichtige Affe

Affen verblüffen die Forscher immer wieder mit ihren geistigen Leistungen. Sogar in ihre Artgenossen können sie sich einfühlen und deren Absichten erkennen. Dennoch ist unklar: Können sie auch rational und logisch denken?
Von Bernhard Thierry
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Denken, Verstand, Vernunft, Intelligenz, Bewusstsein – für die letztlich nicht fassbaren kognitiven Phänomene haben wir viele Wörter. Wohl ebenso viele wissenschaftliche Deutungsansätze mag es schon dazu gegeben haben, ob Tiere gleiche geistige Fähigkeiten besitzen wie der Mensch.

Man braucht gar nicht bis zu Descartes zurückzugehen, der Tiere für belebte Maschinen hielt. Vor weniger als hundert Jahren behaupteten kluge Köpfe, ohne Sprache gäbe es kein Denken. Auch dieser Standpunkt gilt heute dank einer Revolution in den Kognitionswissenschaften als obsolet. In den letzten Jahrzehnten trugen Tierforscher viele erstaunliche Beobachtungen zu den geistigen Leistungen unserer Mitgeschöpfe zusammen. Besonders bei den Primaten fanden sie reichlich Anzeichen für Geisteszustände, die Gedanken oder Vorstellungen beinhalten. Tiere, die so etwas hervorbringen, machen sich ein Bild von der Welt, das ist unbestreitbar.

Aber wie weit reicht ihr Verstand? Lassen sie sich bei Verhaltensentscheidungen von Vernunft leiten, von rationaler Überlegung? Heutige Forscher versuchen zu ergründen, was die Tier- und die Menschenaffen in dieser Hinsicht können. Die Frage ist, ob das Tier eine Aufgabe anders löst, als indem es schrittweise zum Ziel kommt. Kann sich ein Affe einen Plan zurechtlegen? Vermag er Wirkungen auf Ursachen zurückzuführen? Ist er dazu fähig, einem Artgenossen eine Absicht zu unterstellen?

Solche Themen berühren unmittelbar uns selbst, die Natur des Menschen, charakterisierte doch schon Aristoteles den Menschen im Unterschied zu dessen Mitgeschöpfen als "vernunftbegabtes Tier", als "Vernunftwesen". Gilt diese Abgrenzung noch? Im Folgenden schildere ich eine Reihe experimenteller Studien, die ergeben, dass einige nichtmenschliche Primaten tatsächlich im Stande sind, logisch zu denken, künftige eigene Bedürfnisse vorherzusehen und Intentionen anderer zu verstehen – allerdings in Grenzen.

Kann ein Affe über etwas nachdenken, das er nicht sieht? In Leipzig prüfen dies Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Zusammenarbeit mit dem Leipziger Zoo an Menschenaffen. Der Psychologe Josep Call etwa führt unter den Augen der Zoobesucher Experimente mit Schimpansen und Gorillas durch. Beispielsweise zeigt er einem Tier zwei undurchsichtige Behälter, von denen es einen auswählen darf. Das Tier weiß: Nur einer enthält einen Leckerbissen. Dann schüttelt der Forscher eines der beiden Gefäße. Sofern dabei ein Geräusch zu hören ist, wählt der Affe – richtig – dieses Gefäß. Bleibt alles still, kommt es zwar auch vor, dass er das geschüttelte Behältnis haben möchte. Doch meistens entscheidet er sich für das andere. Demnach können diese Menschenaffen aus fehlenden Indizien Schlüsse ziehen – schlussfolgerndes Denken durch Ausschluss.

Wenn ein Tier eine Aufgabe löst, ist stets die Frage, ob ihm das durch Versuch und Irrtum gelang – auch indem es aus Fehlern lernte und sie korrigierte –, oder ob es vorher darüber nachgedacht, sich die Sache überlegt hat. Im ersten Fall würde das Tier lediglich zwischen Objekten oder Ereignissen Verbindungen bemerken, Muster, an denen es sein Verhalten ausrichtet. Es würde etwas ausprobieren und so dem Ziel in kleinen Schritten näherkommen. Im zweiten Fall hätte es Kategorien oder Eigenschaften erkannt und solche Abstrakta aufeinander bezogen. Es hätte sich eine Vorstellung gemacht und Schlussfolgerungen durchgeführt. Allgemeiner gesagt: Das Tier bewertet eine Information als gültig, weil sie mit einer anderen verknüpft ist, von deren Wahrheitsgehalt oder Stimmigkeit es schon vorher überzeugt war.

Wie Affen damit umgehen, versuchen Forscher anhand künstlicher Situationen zu ergründen, in denen ein entscheidendes Element gerade nicht vorhanden ist, das zur Lösung der Situation aber benötigt würde. Mit solchen Versuchsaufbauten lässt sich erproben, ob ein Affe das Ausschlussverfahren anwendet, ob er sich die Position eines versteckten Gegenstands vorstellt oder auch, ob er die Transitivitätsregel benutzt (das Prinzip: Wenn B aus A folgt und C aus B, dann folgt C aus A).

Kausalwirkung eines Messers

Weiterhin kann man mit raffinierten Tests prüfen, ob es Menschenaffen gelingt, vorausschauend zu handeln – aktuell nicht gegebene, erst in Zukunft eintretende Umstände zu berücksichtigen. Das Team von Call versuchte das mit Orang-Utans. Die Affen lernten zum Beispiel, sich mit Hilfe eines bestimmten Werkzeugs eine Belohnung zu verschaffen. So konnten sie mit einem Stock mit gekrümmtem Griff eine Flasche Saft angeln. Als sie später wieder in denselben Raum durften, gab es dort keinen Saft. Nur verschiedene Geräte lagen herum, darunter auch wieder ein solcher Stock. Kurz darauf wurde der Orang-Utan in einen anderen Raum gelockt. Als er nach einer Stunde in den Versuchsraum zurückkam, waren die Geräte verschwunden, dafür hing jetzt die Saftflasche unerreichbar an der Decke.

Würden die Affen beim nächsten Mal auf die Idee kommen, das passende Werkzeug mit aus dem Raum zu nehmen und nachher wieder mitzubringen? Wie sich zeigte, gelang es allen getesteten Tieren, sich mit dieser Situation zu arrangieren, also in die Zukunft zu planen. Einzelne der Orang-Utans bewältigten die Situation auch dann noch, wenn eine Nacht dazwischen lag. Offenbar vermochten sie sich in den nächsten – oder vergangenen – Tag hineinzuversetzen. Das hatten Forscher eigentlich nur dem Menschen zugetraut.

Wenn Menschenaffen – oder auch andere Affen – vorausschauend denken, müsste das zumindest bedeuten, dass sie Ereignisketten erfassen. Aber erkennen sie auch Ursache-Wirkungs-Beziehungen? Eine Forschergruppe um Marc Hauser von der Harvard-Universität in Cambridge (Massachusetts) hat dies an den halb frei lebenden Rhesusaffen auf der kleinen Karibikinsel Cayo Santiago untersucht.

Die Frage war, ob diese Makaken die Kausalwirkung eines Werkzeugs begreifen, zum Beispiel die eines Messers. Also zeigte der Experimentator dem Affen erst einen Apfel und versteckte ihn dann hinter einer Abschirmung. Kurz darauf nahm er den Schirm weg – jetzt lagen da zwei Apfelhälften. Und schließlich ergriff er ein Messer, das auch hinter der Wand gelegen hatte, um es dem Versuchstier vorzuweisen.

Ein wenig einfühlsam

Der Aufbau passte zur Reihenfolge eines möglichen Geschehens: Der Apfel könnte mit dem Messer geteilt worden sein. Doch in anderen Fällen demonstrierte der Experimentator Dinge, die in dieser Weise nicht vereinbar sind: etwa statt eines Messers ein Glas Wasser. Oder er zeigte zuerst zwei halbe Äpfel und im zweiten Schritt einen ganzen Apfel. Die Forscher maßen, wie lange der Affe die Situation betrachtete. Die Tiere guckten denn auch länger hin, wenn das Ganze nicht zueinanderpasste. Hauser deutet dies als Zeichen von Irritation – als rationale Reaktion auf die Diskrepanz zwischen Erwartung und Beobachtung.

Ähnliche Tests hatte der amerikanische Forscher David Premack Mitte der 1970er Jahre mit einem Schimpansen durchgeführt. Auch der zeigte sich von unlogischen Versuchsaufbauten offensichtlich irritiert. Bemerkenswert ist die Reaktion der Rhesusaffen aber vor allem deswegen, weil diese Primaten von sich aus normalerweise keine Werkzeuge benutzen, während Schimpansen das selbst im Freiland tun. Zwar können die Makaken auf Cayo Santiago manchmal Menschen mit einem Messer hantieren sehen. Doch keiner von ihnen hat jemals selbst eines verwendet, genauso wenig wie irgendein anderes Werkzeug. Was bedeutet es, dass sie anscheinend erkennen, dass man mit diesem Gerät einen Apfel teilen kann? Inwieweit spricht das für ein Verständnis eines Kausalzusammenhangs?

Der schottische Philosoph David Hume (1711–1776) hielt es für sinnlos, nach einem letzten Beweis für Kausalität zu suchen. Unsere Wahrnehmung würde uns nur vermitteln, dass Ereignisse zusammentreffen. Unterstellt man eine Ursache, zieht man einen Schluss. Dabei entwirft man eine – richtige oder falsche – Hypothese über den Mechanismus, der die Ereignisse miteinander verknüpft. Mit diesem Kausalverständnis gewinnt man mehr Einfluss auf die Realität. Damit lassen sich schließlich unter den unzähligen möglichen Verknüpfungen selbst noch Zusammenhänge aufdecken, die räumlich oder zeitlich weit auseinanderliegen. Dies wäre ein starkes Kausalitätsverständnis.

Ein Begriff von etwas grundsätzlich nicht Sichtbarem

Nun mag ein Rhesusaffe durchaus erfassen, dass ein Messer beim Zerlegen eines Apfels beteiligt sein kann. Selbst wenn er den Vorgang gar nicht beobachtet, könnte er das Ergebnis vorhersehen. Von einem schwachen Kausalitätsverständnis würde man sprechen, wenn er sich dabei vom Mechanismus des Zerlegens keine genaue Vorstellung macht. Trifft das vielleicht auf nichtmenschliche Primaten zu? Können sie Zusammenhänge nur vorhersehen oder sie auch erklären? Darüber streiten sich die Gelehrten noch.

Laut Call und Hauser spricht es für ein (starkes) Kausalitätsverständnis, wenn ein Affe versteht, was ein Geräusch bedeutet oder was ein Messer bewirkt. Dagegen deutet Daniel Povinelli von der Universität von Louisiana in Lafayette solche Beobachtungen kritisch (Spektrum der Wissenschaft, Spezial 3/1999, S. 71). Er hat mit Schimpansen eine Serie von Experimenten durchgeführt, in denen er deren Vorstellungen von physikalischen Gesetzmäßigkeiten überprüfte. Bei Aufgaben, die ein Verständnis beispielsweise von Schwere, Festigkeit oder Kraftübertragung verlangten, versagten die Affen. So unterschieden sie nicht, ob ein Objekt – etwa ein Rechen – ein funktionsfähiges Gerät darstellte, dessen Teile fest zusammenhingen, oder ob die Einzelteile nur lose beieinanderlagen. Sie stießen sich auch nicht daran, wenn ein Apfel nicht auf einem Tuch lag, sondern dicht daneben, sodass er gerade die Kante berührte. Sie versuchten trotzdem, die Frucht mit dem Tuch zu sich zu ziehen – nicht anders als dann, wenn der Apfel darauf lag.

Povinelli zufolge handelt es sich um zwei völlig verschiedene gedankliche Ebenen, ob ein Affe sich etwas vorstellt, das er momentan wegen der äußeren Umstände nicht sieht – etwa die Flasche Saft im anderen Raum –, oder ob er sich von etwas grundsätzlich nicht Sichtbarem einen Begriff macht – wie, dass bei einem Gerät die Teile fest zusammenhaften müssen. Vermag das Tier an reale Dinge zu denken, die es gerade nicht vor Augen hat, bedeutet das noch lange nicht, dass es etwa physikalische Kräfte, also letztlich Kausalzusammenhänge begreift. Sich einen generellen Mechanismus vorzustellen, dazu ist mehr erforderlich als dafür, sich Sachen auszumalen, die augenblicklich nicht da sind.

Ähnlich schwer lässt sich mit Experimenten beantworten, ob Affen ihren Artgenossen Absichten und Wünsche, Gedanken und Vorstellungen zuschreiben. Genau das fragte Premack: Verwenden manche Tiere eine "Theorie" vom Verstand? Können sie das Verhalten anderer vorhersehen oder es sich erklären – indem sie anderen bestimmte Gedanken unterstellen?

Verhalten von Artgenossen zu antizipieren, gelingt vielen Tieraffen. Doch sie scheitern, wenn sie deren psychischen Zustand erfassen müssten. Beispielsweise unterscheiden die Tiere nicht zwischen einem Individuum, das den Ort einer versteckten Belohnung kennt, und einem ahnungslosen Kumpan. Sie bringen es auch nicht fertig, eine Aufgabe gemeinsam zu lösen, wenn dazu nötig ist, die Ziele oder Wünsche von Gefährten zu begreifen. Sie richten sich offenbar allein nach den Handlungen von anderen, nicht aber danach, was diese denken mögen. Rhesus- und Kapuzineraffen begreifen, dass ein bestimmtes Geräusch einen Menschen erschreckt und auch, dass unser Blick auf eine wichtige Stelle weisen kann. Aber sie verstehen sich nicht darauf, sich unserem Blick zu entziehen, indem sie hinter einer Wand verschwinden. Offenbar können sie sich nicht danach richten, was ein anderer vielleicht denkt.

Begrenztes Einfühlungsvermögen

Für die großen Menschenaffen scheint das so nicht zu gelten. Am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie untersuchten Michael Tomasello, Josep Call und ihre Kollegen, wie gut Schimpansen Handlungsabsichten erkennen. In einem der Versuche tat ein Mensch so, als wollte er dem Tier einen Leckerbissen geben. Doch dann ließ er den entweder "versehentlich" fallen, oder er nahm ihn einfach wieder weg. Fiel das Obst auf den Boden, beobachtete der Schimpanse nur ruhig und aufmerksam, was geschah. Im anderen Fall wurde er unruhig, schlug zum Beispiel mit der Faust gegen das Gitter – und verzog sich in den Nebenraum. Sein Verhalten wirkte, als hätte er jeweils verstanden, ob der Mensch etwas mit Absicht tat oder nicht.

Bei einem anderen Test machten gleichzeitig zwei Schimpansen mit, die in einem klaren Rangverhältnis zueinander standen. Sie hockten zunächst in getrennten Käfigen an gegenüberliegenden Seiten eines Mittelraums und konnten jeder durch eine halboffene Tür zusehen, wie jemand in diesem Raum ein Futterstück hinter einer der darin aufgestellten Sichtbarrieren so versteckte, dass es nur der rangniedrige im Blick hatte. Die Affen konnten sich auch gegenseitig beobachten. Dann durfte der unterlegene Affe in den Raum. Doch er kümmerte sich um den Leckerbissen nicht – wenn der andere die ganze Zeit zugeschaut hatte. Hatte der überlegene aber den Vorgang des Versteckens nicht gesehen, weil seine Tür zu gewesen war oder weil er dem Raum den Rücken zugekehrt hatte, dann beeilte sich der unterlegene, die Frucht rasch hinter dem Sichtschutz zu fressen. Die Deutung: Der unterlegene Affe schien damit zu rechnen, dass der überlegene ihn beim nächsten Zusammentreffen bestrafen würde, wenn er den Leckerbissen wegnahm. Er konnte offenbar einkalkulieren, ob der andere überhaupt etwas von dem Futter wusste. Demnach scheinen Schimpansen zu erkennen, was andere wollen oder wissen.

Was passiert, wenn sie es gemeinsam mit physikalischen Gesetzmäßigkeiten, also mit nicht sichtbaren Sachen, zu tun haben? Schimpansen gelingt Kooperation, etwa um einen schweren Gegenstand zu bewegen. Doch dabei sieht man sie sich nie über ihre Absichten austauschen. Hieraus folgt: Um ihre geistige Kapazität und deren Grenzen einzuordnen, dürfen wir es uns nicht zu einfach machen und eine simple Zweiteilung annehmen. Denn offenbar gibt es nicht entweder eine Deutung der Welt, die allein auf Beobachtung beruht – oder andererseits eine der unseren ähnliche, zu der auch Vorstellungen vom geistig-gedanklichen Leben gehören.

Möglicherweise können die großen Menschenaffen anderen durchaus Absichten zuschreiben, ohne zugleich unser vielschichtiges psychologisches Verständnis zu besitzen. Vielleicht unterscheiden sie nicht wirklich so genau dazwischen, ob ein Tier etwas denkt, glaubt oder will. Falls das zuträfe, könnten sie nicht erfassen, dass die gleiche Handlung ganz verschiedene, auch mehrere Motivationen haben kann. Menschenkinder fangen im zweiten Lebensjahr an, mit dem Finger auf Dinge zu zeigen, und wollen damit die Aufmerksamkeit anderer erheischen. Dagegen verleihen Menschenaffen ihren Intentionen offenbar nicht gewollt Ausdruck. Von allein zeigen sie nie mit dem Finger. Laut Tomasello können vom Menschen aufgezogene Schimpansen das aber lernen – wie sie ja auch begreifen, Dinge mit Symbolen zu benennen. Doch sie benutzen das nur als Aufforderung, etwa wenn sie etwas haben wollen. Anderen einfach etwas mitzuteilen, eine Informationsabsicht, scheint ihnen nicht zu eigen zu sein. Diese Intention gehört aber zur menschlichen Sprache.

Erkenntnis von Irrtümern

Demnach wäre es eine spezielle Eigentümlichkeit des Menschen, hinter Beobachtungen die nicht sichtbaren Gründe zu suchen. Genau solches Streben bildet auch den bevorzugten Tummelplatz von Wissenschaftlern. Eben deswegen müssen wir aufpassen, dass wir anderen Primaten nicht eine Vernunft unterstellen, die in Wahrheit unserer Einbildungskraft entspringt. Zum Beispiel wäre für die Rhesusaffen von Hausers Studie erst noch mit weiteren Arbeiten zu belegen, dass die Affen das Trinkglas deswegen länger anschauten als das Messer, weil sie verblüfft dachten, dass man mit einem Wasserglas doch keinen Apfel zerschneiden kann. Wir Menschen hätten wohl so überlegt – aber ein Rhesusaffe?

Das Leben der Anderen

Bei diesen Fragen wird man letztlich nicht weiterkommen, indem man sich nur möglichst viele verschiedenartige Experimente dazu ausdenkt. Vernunft wird seit Hume verstanden als Fähigkeit, zur Erreichung eines Ziels die passenden Mittel zu wählen. Das setzt voraus, dass der Handelnde auch seine Irrtümer erkennt. Um nun herauszufinden, ob Tiere logisch denken, bringen wir sie allzu gern in Situationen, die sie veranlassen, die Umstände möglichst gut zu nutzen, das heißt für sich selbst möglichst viel dabei herauszuschlagen. Doch woher wollen wir wissen, ob sie sich nach Regeln der Logik richten, ob sie Widersprüche erkennen, ob sie ihre Annahmen überprüfen? Möchten wir die Verhaltensentscheidungen dieser Primaten deuten, dann bleibt uns gar nichts anderes, als von vornherein Rationalität vorauszusetzen, falls ihnen eine Lösung gelingt. Wir schreiben ihnen dann Absichten zu und geben doch nur unserer eigenen Denkungsart durch die Hintertür wieder Zutritt. So wertvoll unsere anthropozentrische Herangehensweise für Erkenntnisse oft ist – den Verstand von Tieren stufen wir hiermit doch nur als unvollständige Version des unsrigen ein.

Um solchen Anthropozentrismus zu vermeiden, kann man allerdings auch einen alternativen Weg wählen und nach der Evolution der Phänomene fragen. Denn vieles am Verhalten von Arten erklärt sich aus ihrer Entwicklungsgeschichte, insofern es sich auf das Überleben und dadurch letztlich – das ist das Entscheidende – auf den Fortpflanzungserfolg, die Fitness, der Tiere auswirkt. Aus dieser darwinistischen Perspektive fragen Forscher nach der Zweckmäßigkeit von Verhalten, und zwar ganz ähnlich wie Ökonomen Profitmaximierung untersuchen. Betrifft der anthropozentrische Ansatz unsichtbare psychische Entscheidungsmechanismen, so interessieren beim Evolutionsansatz deren beobachtbare Ergebnisse: Diese Wissenschaftler berechnen, wie gut sich jemand relativ zu anderen fortpflanzt. Als rational in diesem Sinn gelten Verhaltensentscheidungen, die einem Tier letztlich verhältnismäßig viele Nachkommen bringen.

Nehmen wir als Beispiel die Futtersuche von Früchte fressenden Affen. Früchte reifen im Lebensraum jener Primaten höchst unregelmäßig – an weit verteilten Orten und überdies schwer vorhersehbar zu ganz verschiedenen Zeiten. Nicht selten stellt ein Frucht tragender Baum weit und breit die einzige Nahrungsinsel dar. Ist sie nach kurzer Zeit leer gefressen, mögen andere Inseln auftauchen, die auch nicht lange Bestand haben. Manche dieser Bäume halten sich an Jahreszeiten, andere nicht. Unter solchen Bedingungen wäre es nicht sehr geschickt, würden die Affen zur Nahrungssuche planlos umherziehen. Doch es dauerte, bis Primatologen erkannten, dass diese Primaten nicht einfach stets die nächstgelegene Ressource plündern, die sie zufällig entdecken.

Vielmehr verwenden sie offenbar ausgefeilte Erkundungsstrategien. Sie haben vermutlich Wegenetze, Kreuzungen und Geländemerkmale im Kopf. Bei ihren Streifzügen dürften sie das Gebiet in Abschnitte unterteilen, die sie wahlweise absuchen oder passieren. Einige von den vielen Entscheidungen, die sie dabei offensichtlich treffen, nennen Elena Cunningham und Charles Janson von der New-York-Universität beziehungsweise der Staatsuniversität von New York in Stony Brook hinsichtlich einer neuen Primatenstudie in Südamerika. Demnach wägen Affen ab, ob sie besser zu einem reichhaltigen, aber fern gelegenen Ort ziehen oder sich mit einer nahen, kleineren Futterquelle begnügen; ob sich auf dem Weg zu einem guten Angebot ein Umweg zu einer Stelle lohnt, wo es nur ein paar Hand voll zu holen gibt; auf welcher Route die Tiere einer konkurrierenden Affengruppe am besten ausweichen können; ob sie sich besser allein auf den Weg machen oder sich anderen anschließen. Auch muss ein Affe wissen, wie er die anderen nach einer Trennung wiederfindet. Vor allem aber kommt es darauf an, ob sich der Weg überhaupt lohnt – ob der angestrebte Ort inzwischen wieder gutes, reifes Futter bietet.

Sind Tiere im Stande, dergleichen Aspekte einzukalkulieren, dann lohnen sich ihre Streifzüge mehr. So zeigten Freilandversuche, dass Japanmakaken aufmerksam werden, wenn sie irgendwo auf eine reife Frucht stoßen. Selbst wenn die Jahreszeit eigentlich nicht passt, suchen sie nun die entsprechenden Bäume oder Sträucher auf.

Forscher von der Universität St Andrews (Schottland) um Karline Janmaat beobachteten in Uganda, nach welchem Prinzip Mantelmangaben – die gern Feigen fressen – Bäume voller Früchte finden (siehe Kasten S. 54). Offensichtlich müssen sie die reifen Feigen nicht erst sehen oder riechen. Vielmehr scheinen sie es sich gut zu merken, wenn ein Baum, an dem sie gerade vorbeikommen, viele Früchte angesetzt hat. Besonders erstaunte die Forscher, dass es die Affen von den Wetterbedingungen der letzten Zeit abhängig machen, ob sie zur Kontrolle wiederkommen. Es ist nicht anzunehmen, dass sie den Einfluss von Sonne und Wärme auf die Reifung von Früchten begreifen. Aber vielleicht haben sie gelernt, dass bei gutem Wetter bald wieder leckere Nahrung zu finden ist.

Nicht zwangsläufig sind Handlungen, die sich unter der natürlichen Selektion bewähren, auch logisch-rational. So mag es unvernünftig wirken, wenn Tiere beim geringsten Anlass die Flucht ergreifen, auch wenn weit und breit kein Räuber lauert. Doch Gefahren zu überschätzen ist immer noch besser als sie zu spät zu bemerken. Auch wir Menschen verhalten uns manchmal übervorsichtig und ausgesprochen risikoscheu – somit irrational. Zum Beispiel tendieren wir dazu, für Dinge in unserem Besitz einen höheren Preis zu fordern, als wir selbst für die gleiche Sache bezahlen würden. Evolutionär gesehen hat Risikovermeidung eben oft Vorrang.

Nicht die eigenen Maßstäbe ansetzen

Doch auch wenn wir für unsere Fragestellung Rationalität so eingrenzen, dass wir uns mit Erscheinungen evolutionärer Anpassungen zufriedengeben, müssen wir aufpassen, nicht unsere eigenen Maßstäbe zu setzen. So zählt für jene Modelle weniger, dass Affen ihren Futterplan nach dem Wetter ausrichten. Von Belang ist vielmehr, dass sie möglichst viele Feigen mit möglichst wenig energetischem und Zeitaufwand zu ergattern verstehen, somit den Aufwand minimieren und den Ertrag optimieren – wie auch immer ihnen das gelingt. Denn um komplexe Probleme zu lösen, genügt es manchmal, einfache Regelmäßigkeiten zu nutzen. Schon die Annahme, infolge natürlicher Auslese würde die beste Lösung begünstigt und es gäbe gute und schlechte Entscheidungen, ist im Grunde ein Gebilde unseres eigenen Denkens. Wir tun so, als müssten wir und nicht das Tier entscheiden. Optimierung ist ein Ideal: Es stützt sich auf unser Wissen über die Lebenswelt des Individuums. Die Affen verfolgen oftmals nicht optimale Strategien, sondern solche, die ausreichen, um sich zu behaupten.

Somit ergibt auch der evolutionistische Ansatz für Affen nur eine begrenzte Rationalität. Verhaltensentscheidungen sind allein vor dem Hintergrund der gegebenen Umstände vernünftig. Das bedeutet auch: Intelligenz betrifft mehr als nur das, was im Gehirn stattfindet. Denn wichtig ist, was an Verhalten herauskommt, an Interaktionen mit der Umwelt. Eben dieses Prinzip befolgen Tonkeana-Makaken von der Insel Celebes.

Meine Forschungsgruppe beobachtet diese Affen in einem großen Freigehege des Primatenzentrums der Universität Straßburg, wo sie seit Langem leben (Bilder oben und links). Unter anderem versteckten wir Futter so, dass nur einzelne der Tiere dies bemerkten. Und obwohl die anderen davon nichts wussten, fanden alle zusammen das Versteck zügig. Dabei denken sie nicht etwa, dass einer von ihnen den Ort kennt. Aber sie verrechnen, wie wir erkannten, bei ihrer Gruppenentscheidung über die gemeinsame Marschrichtung das Verhalten aller Anwesenden. Jeder von ihnen drückt die von ihm bevorzugte Richtung durch Haltung, Blicke oder auch einige Schritte dahin aus. Am Ende folgen dann alle dem offenbar entschlossensten Affen, wobei es allerdings auch auf die einzelnen persönlichen Beziehungen, auf frühere Erfahrungen und auf Stimmungen ankommt. Bei der Entscheidung wirken also soziale wie kognitive Prozesse mit. Die Futtersuche wird so zu einer Gemeinschaftsleistung, auf die das Schlagwort einer "verteilten Intelligenz" ganz gut passt.

Vieles haben wir gerade in den letzten Jahren über den Verstand unserer Primatenvettern gelernt. Doch im Grunde haben wir in diesem Riesengebiet erst ein paar kleine Lichtungen geschlagen. Die verschlungenen Handlungen und Absichten von Affen werden wir uns wohl nur ganz langsam erschließen können. Da dürfte noch so manche Überraschung warten. l

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