Karibik: Paradies in Gefahr - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Karibik Paradies in Gefahr

Azurblaues Meer, weiße Strände, fischumschwärmte Riffe - die Karibik ist ein Paradies, das vom Tourismus bedroht ist. Ozean-Naturreservate sollen das Schlimmste verhindern. Doch wer die Natur schützen will, der muss den Menschen, die bislang davon lebten, auch eine neue Chance bieten.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Casuarina McKinney nahm ihr erstes Bad im Ozean, als sie fünf Tage alt war. "Meine Mutter hat mich damals ins Meer getaucht", sagt die 30-Jährige. Fast täglich ging sie fortan Speerfischen am Riff, schnorchelte und sammelte Riesenflügelschnecken fürs Abendbrot.

Unterwasser-Idyll: Umweltschützer Peter Douglas bei einem Tauchgang am Andros Barrier Riff bei den Bahamas

Unterwasser-Idyll: Umweltschützer Peter Douglas bei einem Tauchgang am Andros Barrier Riff bei den Bahamas

Foto: Tim Laman

Jetzt kämpft McKinney um ihre Erinnerung. "Ich will einfach nicht hinnehmen, dass sich das Meer so verändert", sagt die Naturschützerin, die für die Bahamas Reef Environment Educational Foundation arbeitet. Die Organisation versucht, die Bahamianer wieder für ihre Umwelt zu gewinnen: "Fischen, das Riff und der Ozean sind essentieller Bestandteil unserer Kultur – ich will, dass das auch noch für kommende Generationen gilt."

McKinney ist besorgt um ihre Heimat. Und sie ist nicht allein. In der Karibik formt sich derzeit eine Initiative, deren Ziel es ist, bis 2020 repräsentative 20 Prozent aller Ökosysteme des Karibischen Meeres unter Schutz zu stellen. Caribbean Challenge Marine Initiative nennt sich das Programm. Details sollen in Bonn auf der Uno-Naturschutzkonferenz vorgestellt werden. Unterstützt wird die Initiative bislang von den Regierungen der Bahamas, Grenadas, der Dominikanischen Republik sowie von St. Vincent und den Grenadinen.

Auch Organisationen wie die US-amerikanische The Nature Conservancy (TNC) machen mit. Es geht um fünf Millionen Hektar Gewässer mit schillernden Korallenriffen, dichten Mangrovenwäldern und spektakulären Blue Holes, oftmals kreisrunden Einbrüchen der Küstensaumriffe, die bis zu 200 Meter tief sein können. 1400 Fischarten leben in der Region. Allein der Bahama-Archipel umfasst rund 700 Inseln mit 2400 Cays, den Riffen der Inselgruppe.

Das alles wirkt wie gemalt – und doch ist das Paradies in Gefahr.

"Die Küstengewässer sind überfischt, verschmutzt und von Bauvorhaben bedroht", sagt die TNC-Mitarbeiterin Eleanore Phillips, die in Nassau, der Hauptstadt der Bahamas, die Fäden des Projekts in der Hand hält. Die größte Bedrohung sei der Tourismus. Projekte im Wert von 10 Milliarden Dollar seien in Vorbereitung, sagt Phillips Kollege Robert Weary: "Sie können sich vorstellen, was das für Auswirkungen haben wird."

In Nassau verdichten sich die Naturschutzprobleme auf wenigen Quadratkilometern. Touristen - vor allem aus den USA - überrennen den Ort auf der Insel New Providence. Sie hausen in betonierten Bettenburgen oder in umzäunten Wohnvierteln. Für die Häuser der Reichen werden ganze Mangrovenwälder gerodet. Die Ökosysteme sind die Kinderstube vieler Karibikfische. Im Hafen landen Fischerboote zudem täglich Tonnen von Zackenbarschen und Riesenflügelschnecken an, die jede Imbissbude als Spezialität verramscht.

"Wir sind sehr besorgt"

Früher war die Anzahl der beiden Meeresbewohner gewaltig. In riesigen Mengen versammelte sich der Nassau-Zackenbarsch einst in den Wintermonaten zur Paarung. Das Wasser färbte sich milchig-weiß vom Laich der Tiere. Hunderte der bis zu 25 Kilo schweren Kaventsmänner holten sie in wenigen Stunden aus dem Meer. Die Riesenflügelschnecken wiederum, vor Ort "Conch" genannt, waren so zahlreich, dass die Insulaner nur ein paar Minuten im azurblauen Ozean schnorcheln mussten – und schon hatten sie ein ganzes Abendmahl beisammen.

Im Hafen von Nassau sitzt Fischer Eudie Rolle am Kai, vor sich einen Tisch mit den schmackhaften Meeresschnecken, deren rosafarbene Schalenöffnungen wie riesenhafte Orchideenblüten aussehen. 57 Jahre fährt Rolle schon zur See: "Früher konnten wir die Conch im hüfthohen Wasser einfach aufsammeln", sagt der sonnengegerbte Seemann: "Inzwischen müssen meine Söhne 150 Meilen hinausfahren, um noch welche zu finden."

"Wir sind sehr besorgt", bestätigt Michael Braynen vom Department of Marine Resources den fatalen Trend. Den Niedergang des Zackenbarschs hat die Regierung zwar durch eine Schonzeit von Mitte Dezember bis Ende Februar abbremsen können. Langfristig jedoch bräuchten die Bahamas schlicht weniger Fischer, sagt Braynen, "aber dann müssen wir ihnen Alternativen bieten."

Das ist das Grundproblem: Wer Natur effektiv schützen will, wer Meeresgebiete sperren und Wälder ruhen lassen will, der muss dafür sorgen, dass die Menschen, die bislang von dieser Natur lebten, eine neue Chance bekommen. Ökotourismus ist eine der Lösungen, die auf den Bahamas zum Erfolg führen könnten.

Kaum 15 Flugminuten von Nassau entfernt liegt Andros, die größte Insel der Bahamas. Der Kontrast könnte nicht größer sein: Nur rund 8000 Menschen leben auf dem etwa 170 Kilometer langen Eiland. Vor seiner Ostküste liegt das drittgrößte Barriereriff der Welt. Die Häuser sind niedrig. Die Strände weiß. Die einzige Straße eine schier endlose Piste.

Am Flughafen wartet Peter Douglas, der zornige Geist der örtlichen Naturschutzorganisation Andros National Trust. Kein gutes Haar lässt er an der Regierung und am "imperialistischen Ansatz" der "großen Naturschutzorganisationen". Nur Naturschutz von unten könne der Insel nützen, die Menschen vor Ort müssten darin unterstützt werden, ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.

Als Beispiel präsentiert der Naturschützer die Tauchbasis der nahen Small Hope Bay - ein Pirat soll hier einst einen Schatz vergraben und nie wiedergefunden haben. Mit dem Boot und einer internationalen Touristenschar an Bord geht es hinaus zum Riff. Nur mit Shorts und T-Shirt bekleidet wirft sich Douglas effektvoll zum Speerfischen in das azurblaue Wasser. Symbolisch jagt der bärtige Naturschützer unten am Riff einigen der aus dem Pazifik eingeschleppten Feuerfische seine Harpune durch den Körper.

Im Buschland hinter der Küste wiederum haben clevere Insulaner Öko-Lodges aufgebaut. Bei Prescott Smith etwa können betuchte Manager das Fliegenfischen lernen. Nur acht Betten hat Smiths Stafford Creek-Lodge. 1600 Dollar pro Tag zahlt, wer in den Mangrovensümpfen mit elegantem Schwung Grätenfisch oder Atlantischem Tarpun nachstellen will.

An diesem Abend gleicht der Stafford Creek einem glänzenden Spiegel.

Dem schnellen Geld zu widerstehen ist schwer

ie Sonne sinkt dem Horizont entgegen. In den Mangroven der Uferzone tummeln sich die Jungfische. Auf dem kleinen Steg vor der Lodge demonstriert Prescott seinen neuen Gästen die inseleigene Technik des Fliegenfischens. "Catch and let go" heißt Smiths Devise: Nach erfolgreicher Jagd werden die Fische einfach wieder ins Wasser entlassen.

Die Insulaner verteidigen ihr kleines Paradies gegen die Investoren des Massentourismus. Sie haben Wege gefunden, von der Natur zu profitieren, ohne sie zu zerstören. Deshalb sind sie auch einverstanden, wenn nun große Teile der Westküste von Andros unter Schutz gestellt und Teil der Caribbean Challenge werden sollen.

25 Nationalparke gibt es bereits auf den Bahamas. Fünf zusätzliche Meeresschutzgebiete, unter ihnen das Andros-Reservat, hat Fischereiexperte Michael Braynen der Regierung vorgeschlagen. Das größte Problem ist noch ungelöst. Wie sollen die laufenden Kosten der bestehenden und neuen Reservate bezahlt werden?

"Die Finanzierung der Schutzgebiete muss langfristig gesichert sein – sonst scheitert die ganze Idee nach wenigen Jahren am Geld", sagt TNC- Mitarbeiterin Phillips. Als ersten Schritt erhofft sie sich 12 Millionen Dollar für einen Naturschutzfond. Aus den Erträgen könnten Ranger, Patrouillenboote, Forschung und Umweltbildung bezahlt werden.

Auch die rund 3,5 Millionen Touristen jährlich könnten zur Kasse gebeten werden: "Wenn jeder Besucher nur einen Dollar gäbe, wären wir einen großen Schritt weiter."

Am Hafen steht schon ein Vergnügungspark

Von der heilsamen Wirkung zusätzlicher Schutzgebiete ist Phillips überzeugt. Das beste Beispiel ist der Exuma Cays Land and Sea Park. Das über 50 Quadratkilometer große Reservat wurde bereits 1958 als erstes marines Schutzgebiet der Welt ausgewiesen. Heute gilt er als Paradebeispiel erfolgreichen Meeresschutzes.

"Die Zahl der Conch ist im Park 30 mal höher als außerhalb", sagt Casuarina McKinney, deren Großvater einst half, das Gebiet unter Schutz zu stellen. Auch dem Nassau-Zackenbarsch helfe die Region: "Drei Viertel der Zackenbarsche nördlich des Parks sind im Schutzgebiet groß geworden."

Die Naturschützerin glaubt, dass heile Umwelt dem Land am Ende mehr Geld einbringen könnte, als der Massentourismus. "Die Leute werden in Zukunft auf die Bahamas kommen, um ein unberührtes Paradies zu sehen", sagt McKinney, "Sie wollen nicht einen Ort besuchen, der aussieht wie Las Vegas."

In Nassau allerdings lässt sich erahnen, wie schwer es für die Einheimischen jetzt schon ist, den Verlockungen des schnellen Geldes zu widerstehen. Direkt am Hafen hat ein Investor eine ganze Insel in einen Vergnügungspark mit bombastischem Kasino verwandelt.

"Atlantis" heißt das Projekt, eine Art Märchenschloss aus Marmor, Glas und Licht, mit Türmchen und Kristalllüstern, Säulen und verzierten Fenstern, Spiegelwänden und Fresken. Hunderte einarmiger Banditen klappern in der Spielhölle, erregte Touristen sitzen an den Roulett- und Black-Jack-Tischen.

Der Höhepunkt des Spektakels ist ein gewaltiges Meeresaquarium mit rund 200.000 Fischen. Riesige Manta-Rochen ziehen darin ihre Kreise. Schwärme silbrig glänzender Makrelen tanzen durchs Wasser.

Natur ist hier hinter Glas verbannt, die Illusion der heilen Welt perfekt. Der Name der Insel, auf der Atlantis steht: "Paradise Island".


"Marktplatz der Natur": Wie viel ist uns die Schöpfung wert? Lesen Sie in der Titelgeschichte des aktuellen SPIEGEL, wie bei der Konferenz in Bonn eine Revolution im Naturschutz angezettelt werden soll und wie die Erhaltung von Wäldern, Kräutern und Riffen zum neuen Milliardengeschäft werden soll.