Lärm "verschmutzt" Naturschutzgebiete - DER SPIEGEL
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Lärm in Naturparks Über wenigen Gipfeln ist Ruh

Autolärm statt Vogelgezwitscher: In zwei Dritteln der Naturparks in den USA übertönen menschengemachte Geräusche die natürliche Kulisse. Das hat Folgen für Tiere und Menschen.
Messort beim Devils Tower National Monument, Wyoming
Messort beim Devils Tower National Monument, Wyoming

Messort beim Devils Tower National Monument, Wyoming

Foto: National Park Service/ DPA
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"Wenn Sie das nächste Mal in den Wald gehen, achten Sie auf die Geräusche - das Fließen eines Baches, der Wind in den Bäumen, die singenden Vögel", sagt Rachel Buxton von der Colorado State University in Fort Collins. "Diese akustischen Ressourcen sind ebenso großartig wie die visuellen. Sie verdienen unseren Schutz."

Die Warnung gründet auf einem traurigen Befund: Menschengemachter Lärm von Autos, Flugzeugen und Industrie übersteigt in vielen Naturschutzgebieten die natürliche Geräuschkulisse deutlich.

In fast zwei Dritteln der Schutzgebiete in den USA liegt die Lärmverschmutzung einer Studie zufolge mindestens ebenso hoch wie das natürliche Geräuschniveau, in einem Fünftel sogar um mindestens das Zehnfache höher.

492 Messorte

Das Wohl von Tieren, Pflanzen und erholungsuchenden Menschen erfordere vielerorts ein Lärmmanagement, betont das Team um Rachel Buxton von der Colorado State University in Fort Collins im Wissenschaftsblatt "Science" .

"Lärmverschmutzung wird oft als städtisches Problem angesehen, aber die sich ausbreitende Erschließung durch den Menschen und Aktivitäten im ländlichen Raum vergrößern die Reichweite", schreibt das Team. "Menschengemachter Lärm verringert die Fähigkeit, natürliche Geräusche wahrzunehmen. Diese aber ist grundlegend für das Überleben und die Vermehrung der Tierwelt und bringt dem Menschen gesundheitlichen Nutzen."

Um das Ausmaß der Beeinträchtigung zu erfassen, maß das Team die Geräuschkulisse an 492 Stellen in den USA und verglich die Ergebnisse mit den zu erwartenden natürlichen Werten.

Nur noch fünf Meter weit hörbar

Zwar lag die Lärmkulisse in Schutzgebieten etwa um ein Drittel niedriger als in direkt angrenzenden, ungeschützten Arealen. Aber in 63 Prozent der Gebiete überstieg der Lärm das natürliche "Hintergrundrauschen" um das Doppelte, in 21 Prozent sogar mindestens um das Zehnfache.

Damit sinke die Reichweite natürlicher Laute um 50 bis 90 Prozent. Das heißt, dass Geräusche wie etwa Grillenzirpen, die beispielsweise zehn Meter weit hörbar wären, dann nur noch ein bis fünf Meter weit reichen.

Lärmmessung im Naturpark

Lärmmessung im Naturpark

Foto: National Park Service/ DPA

Solcher Lärm betraf auch viele Areale, in denen bedrohte Tiere und Pflanzen leben. Dies könne indirekt ganze ökologische Gemeinschaften verändern. "Pflanzen können zwar nicht hören, aber viele Tiere, die Samen verbreiten oder Blüten bestäuben, und von denen man weiß, dass sie durch Lärm beeinflusst werden. Das hat dann Folgen für Pflanzen", erläutert Buxton.

Ruhezonen gefordert

Die Lärmbelastung habe aber auch Konsequenzen für den Menschen: Viele Besucher von Schutzgebieten erhofften sich dort nicht nur intakte Natur, sondern auch Erholung und Entspannung.

Die Forscher schlagen vor, die Resultate für ein aktives Lärmmanagement zu nutzen, etwa die Planung von Ruhezonen. So könnten in sensiblen und stark lärmbelasteten Gegenden etwa Shuttle-Systeme mit Bussen die Lärmlast durch Autos reduzieren, oder Besucher könnten explizit um Ruhe gebeten werden.

Umgekehrt könne man Lärmkorridore einrichten, etwa indem man über den Arealen Flugrouten parallel zu Straßen einrichte.

Vielleicht stellt sich dann wieder häufiger die Stimmung aus Goethes "Wanderers Nachtlied ein": "Über allen Gipfeln ist Ruh / In allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch / Die Vögelein schweigen im Walde / Warte nur, balde ruhest du auch."

boj/dpa