Madagaskar: Ein Wunderland wird geplündert - DER SPIEGEL
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Alles auf Rot: Das Madagaskar-Dilemma

Foto: NG / Maitre Pascal

Madagaskar Ein Wunderland wird geplündert

Madagaskar ist ein Naturparadies voller Artenreichtum. Doch die Bevölkerung der Insel wächst rasant - und die Menschen plündern die Umwelt, um zu überleben. Andere setzen auf schnellen Gewinn. Die Nachfrage nach kostbarem Rosenholz beschleunigt den Raubbau am Wald.
Von Robert Draper
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Remon heisst der junge Mann, der sein Einbaumkanu mit einer langen Bambusstange flussaufwärts stakt. Der Onive ist seicht, die Strömung aber heftig. Über Remons Kopf entlädt sich ein Regenschwall, dann scheint wieder die Sonne. Bis zum nächsten Schauer. Das Wetter macht dem Jungen ebensowenig aus wie den Krokodilen, die ausgestreckt am Ufer liegen.

Etwa alle drei Minuten kommen ihm Männer in flussabwärtsfahrenden Pirogen entgegen. Remon ruft ihnen einen Gruß zu, sie grüßen zurück. Es sind seine Flusskameraden. Jeder transportiert einen schweren dunklen, illegal gefällten Rosenholzstamm hinab zu den Holzlagern der Stadt Antalaha im Nordosten Madagaskars. Dort holen sie ihren Lohn ab. Sobald uns Remon am Waldrand abgesetzt hat, wird auch er einen Stamm den Onive hinabflößen.

Gefallen tut ihm die Arbeit nicht. Der Holzhändler, der Remon bezahlt - dessen Namen kennt er nicht -, habe ihm gesagt, er müsse den ganzen Tag ohne Pause paddeln. Die Forstaufseher seien nur für einen bestimmten Zeitraum bestochen worden, in dem sie wegsehen würden. Danach würde neues Schmiergeld fällig. Immerhin ist es besser, die Stämme zu flößen als sie zu fällen. Das hat Remon aufgegeben. Zu gefährlich. Zwar wird seit Jahren illegal Holz geschlagen, doch neuerdings hat sich das Tempo verschärft. Es gibt kaum noch Polizei, der Wald wird von organisierten Gangs kontrolliert. Der Sturz der madagassischen Regierung im März 2009 und der unersättliche Appetit chinesischer Holzmakler haben die Entwaldung noch einmal beschleunigt. Innerhalb weniger Monate haben sie Rosenholz im Wert von 200 Millionen Dollar aus den Wäldern des Landes importiert.

Das Geschäft wird immer härter

Der Name "Rosenholz" steht nicht für einen bestimmten Baum, sondern für mehrere Arten der Gattung Dalbergia. Das harte Kernholz der Stämme ist Rotviolett und duftet nach Rosen. Es lässt sich gut polieren, die Hersteller von Luxusmöbeln und Musikinstrumenten schätzen es deswegen sehr. Doch für jene, die es beschaffen, wird das Geschäft immer härter.

Remon kennt einen Holzfäller, den Waldgangster um seine Ernte gebracht haben. "Wir sind 30 gegen einen", drohten sie ihm. Und erst wenige Tage zuvor sollen zwei Männer beim Streit um einen wertvollen Stamm mit einer Machete enthauptet worden sein.

Jetzt lässt die Strömung nach und Remon zündet sich einen Joint an. Er erzählt von den fady, von den Tabus, die den Wald jahrhundertelang geschützt haben. Selbst unter den Holzdieben gibt es heute noch ängstliches Geraune, wenn ein fallender Stamm einen Schädel zertrümmert hat oder sich jemand in einer Stromschnelle ein Bein gebrochen hat: "Das ist der Zorn unserer Ahnen. Sie strafen uns."

Einige Stammesältere haben auch Remon schon Vorhaltungen gemacht, weil er heiligen Boden plündere. "Und?", entgegnet er dann. "Versucht doch mal, euren Familien Bäume zu essen zu geben." Mit der Arbeit auf den Vanillefeldern am Rand der Küstenstadt Antalaha bekommt er Frau und Kinder nicht mehr satt.

In Antalaha wusste jeder, woher der plötzliche Reichtum kam

Bis vor 20 Jahren durfte sich Antalaha die Vanillehauptstadt der Welt nennen, doch seither haben mehrere Zyklone an der Küste zu großen Einbußen bei der Ernte geführt, gleichzeitig sanken weltweit die Preise für Vanille. Antalaha ist arm, zwischen Fußgängern, Hühnern und Ziegen fuhren auf den Straßen höchstens ein paar klapprige Taxis und rostige Fahrräder. Jedenfalls bis zum Frühjahr 2009.

Dann knatterten plötzlich Motorräder durch die Straßen. Im einzigen Geschäft, das diese Fahrzeuge führte, waren sie schnell ausverkauft. Die Nachfrage hielt an, und ein zweiter Laden öffnete. Die Käufer waren schlaksige junge Männer, und in Antalaha wusste jeder, woher ihr plötzlicher Reichtum kam. Von den Vanillefeldern jedenfalls nicht. Man sah die Männer, wie sie auf Ladeflächen von Kleinlastern breitbeinig auf illegal geschlagenem Holz saßen. Sie fällten die kostbaren madagassischen Rosenholzbäume.

Madagaskar

ist eine Insel - mit einer Fläche von 585.000 Quadratkilometern die viertgrößte der Welt, aber doch eine Insel. Und unter allen Inseln mit ihrer jeweils einzigartigen Biosphäre ist Madagaskar wiederum ein spezieller Fall. Vor etwa 165 Millionen Jahren riss sie sich vom afrikanischen Kontinent los. Seitdem ging die Evolution hier eigene Wege, und 90 Prozent aller heimischen Tier- und Pflanzenarten - von den außerirdisch anmutenden Affenbrotbäumen bis hin zu den geisterhaften Lemuren - kommen nirgendwo sonst auf der Erde vor.

Den Alltag der Menschen bestimmt aber nicht die Schönheit ihrer Insel, sondern Verzweiflung. Die Malagasy, die größte Volksgruppe hier, haben ein Sprichwort, das den Fatalismus in schöne Worte kleidet. Sie sagen: "Aleo maty rahampitso toy izay maty androany", zu Deutsch: "Es ist besser, morgen zu sterben als heute." Der durchschnittliche Madagasse lebt von knapp einem Euro am Tag.

Der Rest der Welt ist nicht ganz unschuldig

Die Menschen sind arm, obwohl ihre Insel reich ist - an Natur- und Bodenschätzen. 20 Millionen Menschen zählt die Bevölkerung, und sie wächst jährlich um drei Prozent. Immer mehr Wälder werden durch Brandrodung in Reisfelder umgewandelt. Besorgte Ökologen jubelten deshalb, als im Jahr 2002 Marc Ravalomanana seine Präsidentschaft mit einem "grünen" Programm antrat. Doch im März 2009 drängte ihn das Militär aus dem Amt und erklärte Andry Rajoelina, einen ehemaligen Diskjockey, zum Präsidenten. Sofort danach begann die Plünderung der Natur.

Bis zum September 2009 wurde Rosenholz im Wert von mehr als 350.000 Euro illegal geschlagen - täglich! Die neue Regierung hob ein Exportverbot für Rosenholz auf und erlaubte den legalen Verkauf gelagerter Stämme. Auf Druck der internationalen Gemeinschaft ist das Exportverbot zwar seit April wieder in Kraft. Doch die Abholzung geht weiter. Genauso wie die Zerstörung der Landschaft durch den Abbau wertvoller Erze und Edelsteine.

Daran ist der Rest der Welt nicht ganz unschuldig. Internationale Gesellschaften besitzen den Großteil der Schürf- und Abbaulizenzen für Gold, Nickel, Kobalt, Titaneisen und Saphire. Vor vier Jahren begann ExxonMobil vor der Küste von Madagaskar mit Probebohrungen nach Erdöl. Amerikanische Gitarrenbauer verwenden für hochklassige Instrumente Griffbretter aus madagassischem Ebenholz. Die neue Regierung hat zuletzt versucht, Ackerland an Südkorea zu verpachten und Wasser an Saudi-Arabien zu verkaufen. Es kommt viel Geld ins Land, doch der normale Malagasy hat davon wenig. Wen sollte es daher wundern, dass Bergarbeiter Edelsteine stehlen, um sie nach Asien zu verscherbeln. Oder dass Kleinhändler Tiere wie den Plattschwanzgecko oder die Madagassische Schnabelbrustschildkröte von der Insel schmuggeln und an Sammler verhökern. Oder dass die schlaksigen jungen Männer von Antalaha zustimmen, dass es besser ist, morgen zu sterben und heute lieber das Geld der chinesischen Rosenholzkäufer einzustreichen.

"Die sind alle in den Wald gegangen."

Doch der kleine Aufschwung in Antalaha hat sich als Illusion erwiesen. Man muss nicht einmal an die verheerenden langfristigen Folgen eines geplünderten Waldes denken: an das Verschwinden von Edelhölzern, das Aussterben von Lemuren und anderen endemischen Arten, die Bodenerosion, die verschlickten Flüsse, das Ausbleiben der zahlungskräftigen Touristen. Die üblen Nebeneffekte des illegalen Rosenholzhandels sind unmittelbarer zu spüren. Die Bewohner von Antalaha, die plötzlich rasenden Motorrädern ausweichen müssen, werden gewahr, dass auch die Preise für Fisch, Reis und andere Produkte des täglichen Bedarfs steigen. Der Grund ist einfach: Es gibt weniger Männer auf dem Meer oder auf den Feldern.

"Die sind im Wald", erzählt mir der Vanilleexporteur Michel Lomone. "Die sind alle in den Wald gegangen."

Die Tour in den Wald - gemeint ist Masoala, der größte Nationalpark auf Madagaskar - unternimmt nur, wer unbedingt muss. Sie beginnt mit einer dreistündigen Fahrt von der Stadt Richtung Südwesten auf unbefestigten Straßen, die vom Gewicht der Holzlaster so zerfurcht sind, dass unsere Autos in schlammigen Gräben versinken und Dorfbewohner angeheuert werden müssen, um sie wieder flottzumachen. Es folgen eine vierstündige Pirogenfahrt den Onive aufwärts, dann vier Stunden Fußmarsch durch matschige Reisfelder und zwei weitere Stunden auf einem glitschigen Pfad, hinauf und hinab über den Granitrücken des dichten Tropenwalds. Immer wieder regnet es. Schließlich erreichen wir den Rand des Nationalparks Masoala. Doch um Rosenholzbäume zu entdecken, die noch stehen, müssen wir einige Stunden weiter in den Wald vordringen.

Mit Äxten gehen die Männer an die Arbeit

Im Südwesten grenzt der Nationalpark an die Antongil-Bucht. Dort kalben zwischen Juli und September die Buckelwale. Im wilden grünen Schoß des Dschungels wird die Geduld eines Besuchers unter Umständen mit der Sichtung von Orchideen, fleischfressenden Pflanzen, Schlangenhabichten, Chamäleons oder gar eines Roten-Vari-Lemuren belohnt. Masoala bietet den Dorfbewohnern schier endlose Mengen an Heilpflanzen, wilden Beeren und Brennholz. Barfuß gehen sie in den Wald, singend und plaudernd. Im Gegensatz zu ihnen wirken die Männer aus der Stadt in diesem feuchten Dickicht verloren.

Wochenlang kampieren sie neben ausgewählten Bäumen. Sie ernähren sich von Reis und Kaffee, bis der Boss auftaucht. Er inspiziert das Rosenholz und gibt die Befehle. Mit Äxten gehen die Männer an die Arbeit. Nach wenigen Stunden liegt ein Baum am Boden, der seit vielleicht 500 Jahren hier gewurzelt hat. Die Holzfäller hacken das weiße Splintholz weg, bis der violette Kern freiliegt. Das Rosenholz wird in etwa zwei Meter lange Stücke zerteilt. Ein Team aus zwei Mann knotet Seile um jedes Stück und zieht es aus dem Wald zum Flussufer. Das kann zwei Tage dauern. Die Mühe ist unglaublich. Ich habe beobachtet, wie zwei Männer einen 180 Kilo schweren Baumstamm einen steilen Hang hochschleiften, einen Wasserfall hinabließen und durch treibsandartigen Sumpf zogen. Je nach Entfernung verdient so ein Team maximal 15 Euro pro Stück Rosenholzstamm.

"Unsere Umwelt ist unser wichtigstes Kapital"

Am Fluss wartet ein weiterer Mann. Er vertäut das Stück an einem handgefertigten Floß, mit dem das Holz die Stromschnellen besser überwindet (das bringt 20 Euro). Der Pirogenführer, der das Floß unterhalb der Stromschnellen in Empfang nimmt, erhält zehn Euro, der Waldhüter dafür, dass er sich nicht blicken lässt, 160 Euro für zwei Wochen. Die Polizisten an den Kontrollstellen auf dem Weg nach Antalaha kassieren 15 Euro pro Kopf.

Die Pirogen legen an einer Flussbiegung nahe Antalaha an. In einem Zelt hockt ein Mann mit Schnurrbart und raucht eine selbstgedrehte Zigarette. Er heißt Dieudonne und arbeitet für den lokalen Chef. Der ist für die Auswahl der zu schlagenden Bäume und deren Transport bis zu den Holzlastern zuständig. Heute Morgen waren es 18 Lkw. Etwa 30 Rosenholzstämme liegen noch rund um Dieudonnes Zelt. Sein Anteil: Zehn Euro pro Stück. Ich frage ihn, was er mit dem Geld machen wird. Er überlegt kurz. "Ich glaube, ich kaufe mir ein Motorrad", sagt er dann.

Der Mann, der die Welt vorübergehend mit der Zusicherung begeisterte, er werde auf Madagaskar eine neue, eine umweltbewusste Ära einführen, heißt Marc Ravalomanana. Zu Beginn dieses Jahrtausends stieg er zum Bürgermeister der Hauptstadt Antananarivo auf, stürzte den sozialistischen Präsidenten Ratsiraka und gründete 2002 die Partei Tiako I Madagasikara ("Ich liebe Madagaskar"). Ravalomanana ließ Straßen und Krankenhäuser bauen, Schuluniformen verteilen und beendete symbolisch die Verbindung mit den ehemaligen französischen Kolonialherren, indem er die Währung vom Franc auf den madagassischen Ariary umstellte. Er verschärfte das Verbot der Brandrodung und kündigte ein Programm zur Förderung der Artenvielfalt an. Er verpflichtete sich, die Fläche der Schutzgebiete auf Madagaskar zu verdreifachen. Äußerungen wie "Unsere Umwelt ist unser wichtigstes Kapital" hörten die Naturschützer gern: "Es war, als säßen wir selber am Regierungstisch", sagt einer zurückblickend.

Die Lage für Madagaskar besserte sich nicht

Unter dem Tisch wurden allerdings ganz andere Programme aufgelegt: Angeblich ließ Ravalomanana geschlagenes Rosenholz konfiszieren und verdiente persönlich an dessen Verkauf. Journalisten waren Zeugen, als er zehn Prozent des Geldes forderte, das eine Mineralölgesellschaft für Erkundungsbohrungen ausgab.

Doch während die Brieftasche des Präsidenten anschwoll, schwand die Kaufkraft seiner Landsleute. Am 7. Februar 2009 stürmten deshalb mehrere tausend Demonstranten den Präsidentenpalast. Schüsse fielen, mindestens 30 Menschen starben. Einen Monat später wendete sich das Militär gegen Ravalomanana. Er floh nach Swasiland. Im Exil wurde er verurteilt wegen der Beschlagnahme städtischer Grundstücke für ein Familienunternehmen und wegen der Verwendung von Steuergeld zum Kauf eines 60 Millionen Dollar teuren Flugzeugs.

Die Lage für Madagaskar besserte sich aber nicht. Die internationale Gemeinschaft verweigerte der neuen Regierung unter Andry Rajoelina die Anerkennung. Weltbank, Uno und andere Geldgeber stellten die Förderungen ein. Westliche Länder erließen Reisewarnungen. Der neuen Regierung fehlte es an Geld für die Durchsetzung der Schutzvorschriften in den Nationalparks. Ravalomananas "grüne Hand" wurde weggeschoben.

Eine Interessengruppe freute sich sehr über diese Wendung. An dem Tag, als Ravalomanana offiziell seinen Rücktritt unterzeichnete, drängten 20.000 Menschen in das Fußballstadion von Antalaha. Zwölf Zebus wurden gebraten, Bier floss in Strömen, die Einwohner tanzten den ganzen Abend zu Livemusik. Die Rechnung zahlten die 13 Holzbarone der Region. Der Wald war schutzlos. Jetzt gehörte er ihnen.

"Chinesen sind verrückt nach Rosenholz"

Einer dieser Holzbarone empfängt mich. Sein Büro ist mit Palisanderholz getäfelt, er sitzt auf einem Palisanderstuhl an einem Ebenholzschreibtisch, der auf einem Palisanderfußboden steht. Er wurde in der Nähe von Antalaha geboren und hat eine Schwäche für die rötlich braune Farbe des Palisanders. Außerdem duftet es nach Vanille - nebenan steht ein Lagerhaus mit Bündeln von Vanilleschoten für den Export. Im Hof lagert Rosenholz in Stapeln, das Kreischen von Sägen dringt ins Zimmer.

Der Holzbaron heißt Roger Thunam und ist ein stämmiger Mann mit Brille und deutlich asiatischen Gesichtszügen. Seine Eltern wanderten in den dreißiger Jahren aus China ein. "Chinesen sind verrückt nach Rosenholz", erklärt er. Thunam gehört zu den erfolgreichsten Rosenholzhändlern auf Madagaskar. Er strahlt die für mächtige Personen typische Ruhe und Selbstsicherheit aus. Die Menschen in Antalaha schätzen ihn. Er gibt sich human und hilft Bauern, etwa wenn sie Geld für eine Beerdigung brauchen. Und er ist nicht zuletzt die richtige Adresse, wenn jemand Arbeit sucht. Doch wenn er auch viel Geld zahlt für die Holzhandelskette - für die Holzfäller, die Baumstammschlepper, die Flößer, Pirogenlenker, Mittelsmänner, Lastwagenfahrer und Polizisten: Es ist wenig im Vergleich zu seinem eigenen Profit.

In den Behörden hört man durchaus Kritik: "Thunam ist kein Geschäftsmann, er ist ein Schwarzhändler", meint ein örtlicher Beamter. "Er fällt Bäume, die ihm nicht gehören. Er stiehlt im Nationalpark. Und deswegen glauben nun auch andere, dass sie sich nehmen können, was ihnen nicht zusteht."

Die Regierung hob das Exportverbot vorübergehend auf

Thunam sieht das naturgemäß anders. Er ist seit 30 Jahren im Holzgeschäft. Er sagt, die Regierung habe ihm in all der Zeit immer wieder verschiedene Genehmigungen erteilt.

Sie hob zum Beispiel das Exportverbot für Rosenholz vorübergehend auf, nachdem Zyklone den Wald an der Ostküste verwüstet hatten. Sie erlaubte, beschädigte Bäume zu fällen und zu verkaufen. Das ermöglicht es den Holzbaronen, illegale Stämme zu lagern, solange das Verbot in Kraft ist, und sie als Holz aus Sturmschäden zu verkaufen, wenn das Verbot mal wieder zeitweise nicht gilt.

Thunam beharrt darauf: Seine Leute fällen nur freigegebene Bäume. Er gibt allerdings zu, dass sein Holzlager zurzeit voller Rosenholzstämme ist. Er erklärt das so: "Sie glauben ja gar nicht, wieviele Männer da draußen Bäume fällen. Es sind dieselben, die früher Brandrodung betrieben haben. Sie haben keine Schulbildung, und die Zukunft ist ihnen egal. Sie sind es, die unsere Natur kaputt machen." Pause. Dann: "Aber das Holz ist ja bereits geschlagen. Wenn wir es ihnen nicht abkaufen, tut es ein anderer."

Die wichtigsten Kunden sind Chinesen. Für eine Esszimmergarnitur mit Tisch und Stühlen aus Rosenholz zahlt man in China 4000 Euro und mehr. Im Sommer 2009 ließ die neue Regierung Madagaskars eine befristete Aufhebung des Exportverbots mal wieder auslaufen, doch die Chinesen bestellten weiterhin Holz bei Thunam. "Soll ich das Geschäft denn der Konkurrenz überlassen?", fragt er unschuldig.

Die Verwüstungen müssen ein Ende haben

Mittlerweile ist die Frau des Holzbarons ins Büro gekommen und hat beim letzten Teil unserer Unterhaltung zugehört. Als ihr Mann nach draußen gerufen wird, sagt sie: "Ich mag es nicht, dass der Wald zerstört wird. Ich würde das Holzfällen lieber beenden und nur noch exportieren, was schon geschlagen ist. Vor ein paar Wochen bin ich mit dem Flugzeug über den Dschungel geflogen. Ich sah die Verwüstungen. Das muss ein Ende haben."

Aber wie sollte man das bewerkstelligen, frage ich später Risy Aimé, den Bürgermeister von Antalaha. "Oh, das wäre einfach", antwortet er. "Sie müssen nur 13 Leute verhaften." Gemeint sind Thunam und die anderen Holzbarone.

Hin und wieder geschieht das sogar. Dann erhebt die Regierung Anklage gegen die Holzbarone wegen illegalen Handels. Doch die verstehen es in schöner Regelmäßigkeit, die verwirrende Rechtslage für sich zu nutzen - auch mit Beziehungen und Geld. Thunam ist sogar schon einmal verurteilt worden, doch 2008 wurde er nach einer außergerichtlichen Einigung rasch wieder aus der Haft entlassen. Bei einer neuerlichen Anklage ein Jahr später lautete das Urteil: "Nicht schuldig." Unbeeindruckt sitzt der Holzbaron längst wieder an seinem Ebenholzschreibtisch und beobachtet, wie das Geschäft draußen auf dem Hof seiner Firma brummt.

"Die Lemuren sind verschwunden."

Mein Führer im Nationalpark Masoala ist ein ehemaliger Parkmitarbeiter namens Rabe. Er geht barfuß und gibt ein rasches Tempo vor. Er kennt den Wald wie seine Westentasche. Doch seit seinem vorigen Besuch vor einigen Monaten hat sich etwas verändert. "Die Lemuren ", sagt er. "Sie sind verschwunden."

Genauer gesagt: Die Holzfäller haben sie verspeist. Die Männer hatten den Reis satt und stellten Fallen auf. Ein Team soll an einem einzigen Tag 16 Lemuren gefangen haben. Nicht alle für den Eigenbedarf. In der Stadt Sambava, nördlich von Antalaha, stehen die Tiere in drei Restaurants auf der Speisekarte. Obwohl sie gesetzlich streng geschützt sind. Rote Varis, Gabelstreifenmakis, Braune Fettschwanzmakis und Fingertiere - alles Arten, die in keinem anderen Land der Erde leben - landen hier als bush meat in Topf und Pfanne.

"Wir wollen aber keinen leeren Wald, in dem es nur Bäume zu sehen gibt", klagt der Primatenforscher Jonah Ratsimbazafy. Er arbeitet für die Umweltschutzstiftung Durrell Wildlife Conservation. Immerhin stehen die Lemuren im Mittelpunkt des wirtschaftlich wichtigen Fremdenverkehrs. Bei aller Artenvielfalt: Die Touristen, die das Naturreservat Perinet-Analamazaotra besuchen, wollen vor allem diese Baumbewohner mit den großen Augen vor die Kamera kriegen.

50 verschiedene Arten kennt man bisher, und immer noch entdecken Forscher auf der Insel neue Spezies. Gleichzeitig gibt es von jeder Art nur wenige Exemplare. Zu den 25 weltweit am meisten vom Aussterben bedrohten Primaten zählen fünf Lemurenarten.

Tabus bestimmen seit Jahrhunderten das Verhalten der Malagasy

Die Einheimischen scheint das weitgehend kaltzulassen. "Die Malagasy sollten stolz auf die Lemuren sein, denn Madagaskar ist der einzige Ort, an dem es sie gibt", meint Ratsimbazafy. "Aber das wissen viele nicht. Die Leute hier, die nicht vom Tourismus leben, glauben, die Lemuren seien nur für die vazaha - die Weißen - da. Für sie selbst haben die Tiere keinen Nutzen." Im Gegenteil: Obwohl manchen Stämmen bestimmte Lemuren heilig sind, gilt das Fingertier mit seinen übergroßen Augen und Ohren im Norden als böses Omen. Sieht man eines, wird es auf der Stelle getötet. Ein fady, ein Tabu, fordert es so.

Solche Tabus bestimmen das Verhalten der Malagasy seit Jahrhunderten. Im Volksglauben sind die fady Mahnungen und Warnungen der Ahnen, die als Mittler zum Jenseits auf der Erde verweilen und deshalb respektiert und besänftigt werden müssen. Zum Beispiel beim Knochenwendfest famadihana, bei dem die Gebeine der Vorfahren alle paar Jahre ausgegraben und in neue weiße Leichentücher gewickelt werden. Die lebenden Verwandten tanzen mit ihnen um das Grab herum, anschließend werden die Knochen erneut bestattet. Je nach Stamm kann es fady sein, ein Chamäleon zu berühren, über Krokodile zu sprechen, Schweinefleisch zu essen oder donnerstags zu arbeiten.

Zahlreiche fady untersagen auch die Entweihung eines bestimmten Bergs, eines Hains oder sogar eines ganzen Waldes. Solche Verhaltensvorschriften belegen zwar oft eine tiefe Bindung an das Land, eine spirituelle Investition in seine Erhaltung. Doch es fällt auf, dass die fady, die am sorgfältigsten befolgt werden, nie im Widerspruch zum Motto der Malagasy stehen, dass es besser ist, erst morgen zu sterben als heute.

Man muss den Dorfbewohnern die Vorteile klarmachen

"Sehen sie diesen Kahlschlag?", fragt Olivier Behra und deutet auf einen Streifen im Wald. "Da fällt jemand Bäume. Ich möchte ihn dazu bringen, dass er damit aufhört." "Wie wollen Sie das schaffen?", frage ich. "Indem ich ihn einstelle", antwortet Behra lächelnd.

Seine Methode bietet eine aufgeklärte, wenn auch örtlich begrenzte Lösung für das madagassische Rohstoffproblem: Man muss den Dorfbewohnern die Vorteile eines lebendigen Waldes klarmachen. Behra, ein Franzose, kam 1987 mit einem Uno-Projekt zur Rettung des stark dezimierten Krokodilbestands nach Madagaskar. Er erkannte rasch, dass "die Leute aufmerksam werden, wenn die Krokodile einen Wert haben". Also bezahlte er die Einheimischen für das Sammeln von Krokodileiern.

Seit zehn Jahren praktiziert Behra diese Formel nun in der Arbeit für seine private Naturschutzorganisation Man and the Environment. 160 Kilometer östlich der Hauptstadt stieß er auf ein Waldgebiet, das in den vergangenen vier Jahrzehnten zur Hälfte zerstört worden war. Mithilfe der Einheimischen katalogisierte er 90 dort wachsende Heilpflanzen und entwickelte Pläne, wie man die Pflanzen vermarkten könnte. Der Parfümhersteller Chanel interessierte sich für Auszüge aus Marungi-Blättern. 2007 war die Entwaldung jener Region gestoppt. Anstatt durch Brandrodung dürftige Ackerflächen zu schaffen, sammeln die Bewohner der Dörfer nun Blätter, deren wirtschaftlichen Wert sie vorher nicht gekannt hatten.

"Das muss man respektieren"

"Die Leute vertrauen mir", sagt Behra. "Ich habe mir hier ein Haus gebaut, als Zeichen dafür, dass ich nicht morgen wieder verschwinden werde." Er hat immer neue Ideen, drängt sich aber nicht auf. "Man kann nicht einfach jemanden für die Landwirtschaft umschulen, der sein Leben lang Bäume gefällt hat", sagt er. Mit dieser Erkenntnis überzeugte er die madagassische Regierung, den Einheimischen einen Teil des Waldes weiterhin für die Herstellung von Holzkohle für den Eigenbedarf zu überlassen.

Als er erfuhr, dass im Dorf ein Lemurenjäger wohnt, heuerte er den Mann als Touristenführer an. Ein anderer, der seltene Orchideen sammelte und verkaufte, leitet heute Behras Orchideenzucht. Der Franzose plante auch, die wilden Schweine aus dem Wald zu Nutztieren zu machen, weil sie seine Maniokplantage verwüsteten. Da erklärten ihm die Männer vom Stamm der Betsimisaraka jedoch, die Schweine seien fady - und "das muss man respektieren". Dafür hat er Chanel dazu gebracht, medizinisches Personal und Schulspeisungen zu finanzieren.

"Was Behra im kleinen leistet, ist effektiver als irgendwelche Träume von der Rettung ganzer Wälder", sagt Jean-Aimé Rakotoarisoa, seit 30 Jahren Direktor des Museums für Kunst und Archäologie an der Universität Antananarivo. "Die meisten Umweltschutzprogramme fordern: 'Brennt den Wald nicht ab; er ist eure Zukunft.' Aber die Menschen können nicht auf die Zukunft warten. Sie haben heute Hunger. Gefragt sind Methoden, die ihnen sofort nutzen."

"Gegen soziale Proteste lassen sich hier keine Geschäfte machen."

Bei einigen großen Konzernen ist die Botschaft angekommen. Rakotoarisoa berät unter anderem das Ambatovy-Projekt. Das vier Milliarden Euro teure Nickel- und Kobaltbergwerk wird von einem ausländischen Konsortium geleitet und liegt in der Nähe von Olivier Behras Wald. Es gibt zwar noch Kontroversen, weil der Konzern bisher nicht alle Versprechen eingelöst hat. Immerhin wurde darauf geachtet, fady- Stätten zu schonen, betroffene Dorfbewohner zu entschädigen - wenn nötig umzusiedeln - sowie ständig mit der Bevölkerung im Gespräch zu bleiben. Das alles sei natürlich nicht uneigennützig, räumt Rakotoarisoa ein. "Das Unternehmen muss sich um ökologische und soziale Anliegen kümmern, wenn es akzeptiert und geachtet sein will. Gegen soziale Proteste lassen sich hier keine Geschäfte machen."

Ein anderes Beispiel gibt die angloaustralische Bergwerksgesellschaft Rio Tinto in der Nähe von Tôlanaro an der Südostspitze Madagaskars. 750 Millionen Euro hat sie an der Küste des Indischen Ozeans in den Abbau von Ilmenit investiert. Dieses Mineral ist reich an Titan und wird häufig zur Herstellung von Farben (Titanweiß), Papier und Plastik verwendet. Durch den Abbau wurden einzigartige Küstenwälder mit zahlreichen endemischen Arten, Heilpflanzen und Schilfbeständen für die Korbflechterei zu einem großen Teil abrasiert.

Doch im Gegensatz zu den Holzbaronen weiter oben an der Küste bemüht sich Rio Tinto ernsthaft, jede einzelne Art zu erhalten. Das Unternehmen hat Waldareale von sich aus unter Schutz gestellt, ein landwirtschaftliches Ausbildungsprogramm gestartet sowie einen öffentlichen Hafen gebaut. Im nächsten Jahr will man mit der Sanierung und Renaturierung einiger Flächen beginnen.

"Um akzeptiert zu werden, sollten sie mit den einfachen Leuten reden."

"Wir legen bei uns selbst strenge Maßstäbe an und möchten andere Bergbauunternehmen dazu bringen, unserem Beispiel zu folgen", bekräftig Manon Vincelette die Politik des Konzerns. Rio Tinto beschäftigt die Forstingenieurin seit 1996 als Leiterin des unternehmenseigenen Programms für den Erhalt der Artenvielfalt. Die Bewohner von Tôlanaro fahren nun auf einer neuen Straße, ihre Kinder besuchen renovierte Schulen - und auch eine ganz neue -, einige Väter haben Arbeit im Bergwerk gefunden. Dennoch wird die Firma im Ort weiterhin skeptisch beobachtet. "Rio Tinto leistet gute Arbeit", sagt der Ethnologe Jean-Aimé Rakotoarisoa. "Aber es gibt Unzufriedenheit und Gerüchte über die 'wahren Absichten' des Konzerns. Und oft wiegen Gerüchte schwerer als Fakten. Die Leute von Rio Tinto sollten sich nicht nur mit Ingenieuren und Experten unterhalten. Um akzeptiert zu werden, sollten sie noch mehr mit den einfachen Leuten reden."

Wie das geht, könnten sie von Roger Thunam, dem Holzbaron, lernen. Am Flugplatz von Antalaha warten wir auf den Flug aus der Hauptstadt Antananarivo. Mit einem Assistenten im Schlepp kommt Thunam herein. Leutselig schlendert der Boss der Holzfäller durch das Gebäude. Er gibt jedem die Hand, umarmt die Frauen, hat viele freundliche Worte.

Dann lehnt er an einem Obststand und trinkt mit den Dorfbewohnern gemeinsam aus einer Kokosnuss. Er zeigt sich als einer von ihnen; einer, der weiß, was sie wollen, einer, der für sie da ist. Dass unter den Äxten seiner Leute die Rosenholzbäume fallen, dass in ihren Töpfen die Lemuren brutzeln - nun ja. Es ist doch besser, erst morgen zu sterben als heute.

Gefunden in National Geographic Deutschland, Ausgabe 9/2010