Meeresforscher: Die Ozeane versauern - DER SPIEGEL
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Meeresforscher Die Ozeane versauern

Die Ozeane werden saurer, und zwar in einem stetig zunehmenden Tempo. Das, so ein Forschungsbericht der britischen Royal Society, könnte verheerende Auswirkungen auf marine Ökosysteme haben.
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Das Treibhausgas CO2 liegt nicht nur in der Luft. Etwa die Hälfte des zusätzlichen Kohlendioxids, das seit Beginn der industriellen Revolution durch den Verbrauch fossiler Brennstoffe und andere menschengemachte Prozesse freigesetzt wurde, haben die Weltmeere geschluckt, so die Mitglieder einer Arbeitsgruppe der britischen Royal Society. Die Aufnahmebereitschaft bringt für die Ozeane ein wachsendes Problem mit sich: Durch das überschüssige CO2 steigt ihr Säuregehalt - und das bedroht die Tier- und Pflanzenwelt unter Wasser, warnt der Bericht der Arbeitsgruppe .

"Es gibt für uns keine Möglichkeit, dieses CO2 wieder aus dem Ozean zu entfernen. Es wird viele Tausend Jahre dauern, bis natürliche Vorgänge es wieder entfernt haben", sagte John Raven von der University of Dundee, einer der Autoren der Studie, bei deren Vorstellung in London. So lange wir weiterhin CO2 in die Atmosphäre blasen, warnte er, so lange wird das Gas auch seinen Weg ins Meer finden.

Dort ist es eigentlich gar nicht unerwünscht: Viele Bewohner der Weltmeere mögen das Treibhausgas ganz gern. Unterwasserpflanzen brauchen Kohlendioxid zum Atmen, andere Organismen nutzen es zum Aufbau von Knochengerüsten und Schalen. Gleichzeitig ist das Überangebot gerade für den letztgenannten Prozess eine Bedrohung. Denn CO2 verwandelt sich im Ozean in Kohlensäure - und die greift alles an, was Kalk enthält. Besonders Muscheln und Korallen sind deshalb davon bedroht, vom sauren Meerwasser aufgelöst zu werden.

So sauer wie seit 420.000 Jahren nicht mehr

Gemessen wird der Säuregehalt der Weltmeere über den pH-Wert, der auf einer Skala von 1 bis 14 angegeben wird. Je höher der Wert, desto alkalischer, je niedriger, desto saurer ist eine Substanz.

Im Augenblick beträgt der pH-Wert der Oberflächenbereiche der Weltmeere etwa 8,2. In den vergangenen 200 Jahren, schätzen die Forscher, ist er um etwa 0,1 zurückgegangen. Wenn die CO2-Emissionen so zunehmen, wie das Intergovernmental Panel on Climate Change vorhergesagt hat, dann wird der Wert bis zum Jahr 2100 um weitere 0,5 Einheiten sinken - ein dramatischer Wandel. Seit mindestens 420.000 Jahren waren die Meere nicht mehr so sauer, so der Bericht. Schon der Rückgang des pH-Wertes um 0,1 bedeute, dass die Meere heute 30 Prozent mehr Wasserstoffionen enthielten als vor 200 Jahren. Je mehr davon eine Substanz enhält, desto saurer ist sie.

Muschen und Korallen werden die Auswirkungen als erste zu spüren bekommen. "Mitte des Jahrhunderts werden wir wahrscheinlich die ersten merklichen Lücken in Korallenriffen sehen", sagte Raven der "New York Times". Diese Schwächung ihrer Skelette werde die Riffe anfällig für Schäden durch Stürme machen. In den südlichen Ozeanen und rund um die Antarktis werden die Effekte wohl am stärksten ausfallen, so der Bericht.

Die Basis der Nahrungskette ist in Gefahr

Gerade in den Gewässern rund um den Südpol bilden sich aber winzige Schalentiere, die zum Plankton gehören und die Basis der Nahrungskette im Meer darstellen. Deren kalkhaltige Anteile werden am stärksten unter der Säureattacke zu leiden haben - die Folgen sind kaum abzuschätzen. Auch das Phytoplankton, also winzige pflanzliche Organismen, die im Wasser treiben, wird durch den erhöhten Kohlensäuregehalt des Wassers beeinträchtigt.

"Diese Effekte werden sich zwar nicht unmittelbar wirtschaftlich niederschlagen, aber es gibt potentiell wichtige Auswirkungen auf die Art, wie das System Erde funktioniert und darauf, ob es über viele Jahrtausende hinweg die Menschheit weiterhin so stützen wird, wie wir das gewohnt sind", sagte Raven der BBC.

Die Ozeane tragen also dazu bei, den Treibhauseffekt in der Atmosphäre zu verlangsamen, indem sie CO2 schlucken - und gefährden damit ihre eigenen Ökosysteme. Carol Turley vom Plymout Marine Laboratory sagte der BBC, die Übersäuerung der Meere sei ein "Schwesterproblem" des globalen Klimawandels: "Die Ozeane haben die Wirkung der Klimaveränderung reduziert, aber auf ihre eigenen Kosten."

Der Bericht der Forschergruppe wird wohl nicht zufällig gerade jetzt veröffentlicht. In der kommenden Woche werden sich die Führer der größten Industrienationen der Welt beim G8-Gipfel im schottischen Gleneagles treffen. Großbritanniens Premier Tony Blair will dort auf stärkere Maßnahmen zum Klimaschutz drängen - selbst auf die Gefahr hin, US-Präsident Bush zu brüskieren. Der Forschungsbericht der Royal Society dürfte ihm dabei als Argumentationshilfe wie gerufen kommen.

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