Menschheitsgeschichte Der Älteste der Alten
Mehr als 20 Jahre lang galt sie als Vorzeigeobjekt der Anthropologen: "Lucy", eine über drei Millionen Jahre alte Vertreterin der Vormenschen, wurde bislang als Prototyp der ältesten Hominiden angesehen - jenes Zweiges der Evolution, der zwar die heutigen Menschen umfasst, nicht aber die anderen Affen. Da "Lucys" Skelett fast vollständig erhalten ist, sind Forscher überzeugt, dass sie und andere Vertreter der Art Australopithecus afarensis bereits aufrecht gehen konnten, ein klares Merkmal, um Hominiden von Affen abzugrenzen.
Doch im Juli hat "Lucy" plötzlich Konkurrenz bekommen: In Westafrika war ein Anthropologen-Team aus Frankreich und dem Tschad auf einen Schädel gestoßen, der seither als ältester vormenschlicher Fund durch die wissenschaftliche Literatur geistert - auch wenn seine genaue Herkunft nur ansatzweise geklärt ist.
Der zwischen sechs und sieben Millionen Jahre alte Schädel, von seinen Entdeckern "Toumai" genannt, fällt in eine historische Epoche - eine Epoche, aus der kaum Spuren bekannt sind. Er ist fast drei Millionen Jahre älter als alle anderen Vormenschenfunde und weist sowohl primitive als auch moderne Merkmale auf.
So ähnelt "Toumai" stark einem vorzeitlichen Affen: Sein Gehirn ist etwa so groß wie das eines Schimpansen. Die großen Schneidezähne und weit auseinender liegenden Augen könnten von einem Gorilla stammen. Die kleinen, stumpfen Eckzähne, der flache Mund und das zurückgesetzte Kinn erinnern dagegen an menschliche Vorfahren, die eigentlich erst viel später existierten.
Auch der Fundort gibt den Forschern Rätsel auf. Wurden bislang Spuren der Hominiden hauptsächlich in Ostafrika gefunden, lebte "Toumai" offensichtlich am Ufer des alten Tschad-Sees, und damit rund 2500 Kilometer von "Lucys" Fundort entfernt.
Ob die frühen Hominiden bereits über große Teile Afrikas verstreut waren oder ob die "Wiege der Menschheit" in Wahrheit in Westafrika stand, ist unter Forschern umstritten. Da von der jetzt entdeckten Art nur der Schädel, aber keine anderen Skelettteile gefunden wurden, bleibt die Frage nach ihrem aufrechten Gang offen, zumindest zunächst. Diese Frage allerdings entscheidet letztlich darüber, ob "Toumai" überhaupt zu den Hominiden gezählt werden darf.