Naturreservat Kronozkij Draußen bleiben!
Tal der Geysire im Kronozkij-Naturreservat: Großartige, sehr verletzliche Landschaft
Foto: ? Stringer Russia / Reuters/ REUTERSEinige Flecken dieser Erde sind so wunderbar und zugleich so verletzlich, dass wir sie lieber nie betreten sollten. Es wäre besser, wir würden sie einfach aus der Ferne bewundern, allenfalls einen Beobachter entsenden, der leichten Fußes geht und uns davon berichtet - so ungefähr wie Neil Armstrong vom Mond.
Eine Landschaft, auf die das sicher zutrifft, ist Kronozkij Sapowednik, ein abgeschiedenes Naturreservat im Osten der russischen Halbinsel Kamtschatka. Mehr als 1500 Kilometer erstreckt es sich die Pazifikküste entlang. Es ist ein prachtvolles Terrain, dynamisch und üppig, wild und filigran, eine Fläche, fast so groß wie Schleswig-Holstein, voller Vulkane und Wald, Tundra und Flussauen. Mehr als 700 Braunbären teilen sich dieses Revier, an der Küste tummelt sich eine Kolonie Stellerscher Seelöwen. Die Flüsse und Seen wimmeln von mehreren Lachsarten und Forellen, aus der Luft spähen Adler und Gerfalken, am Boden hungrige Vielfraße nach Beute. Dieses Land ist alles in allem schlichtweg zu schön, um nur ein weiteres Reiseziel zu sein.
Doch so viel, wie das Naturreservat Kronozkij zu bieten hat, so viel kann hier zerstört werden. Und was einmal geschädigt wurde, gesundet nur stockend - wegen der Höhenlage, des langsamen Wachstums der Pflanzen, des Einflusses von Vulkanen und Geysiren und wegen des rauen Klimas. Was also hat der Mensch hier zu suchen, wenn auch nur als Besucher? Ich bin mir bewusst, wie merkwürdig diese Frage klingt, da ich doch gerade selber meine Stiefelabdrücke hinterlasse.
"Tourismus beschränkt oder verboten"
Russlands Regierung hat die Verletzlichkeit des Ökosystems anerkannt und Zugangsregeln erlassen, die kurz gefasst etwa so lauten: "Sperrzone zur Erforschung und zum Schutz von Flora, Fauna und Geologie; Tourismus beschränkt oder verboten; danke für Ihr Interesse, aber bleiben Sie draußen."
Dies ist eine weitsichtige gesetzliche Vorschrift, mutig und mit Bedacht diktatorisch in einem Land, in dem die Diktatur eine lange, grausame Tradition hat. Wissenschaftler dürfen solche Schutzgebiete (Sapowedniki) betreten, jedoch nur zum Zwecke der Forschung und unter strengen Auflagen.
Unter den derzeit 101 Naturschutzgebieten Russlands wurde Kronozkij 1934 als eines der ersten eingerichtet. Möglicherweise deswegen, weil Kamtschatka von Moskau so weit entfernt ist: rund 6800 Kilometer. Würde man von der russischen Hauptstadt aus die gleiche Strecke nicht östlich, sondern nach Westen fliegen, würde man jenseits des Atlantiks in Boston landen. Für die Regierung Stalins bedeutete es in den dreißiger Jahren wohl kein großes wirtschaftliches Opfer, diese Wildnis unter Schutz zu stellen. 1996 wurde sie zum Weltnaturerbe erklärt. Ein zweites Argument dafür hatte die Hydrologin Tatjana I. Ustinowa bereits 1941 ausgemacht: die Geysire.
Das Tal der Geysire - weltweit eines der größten Areale heißer Quellen
Im kalten Frühling jenes Jahres erkundeten Ustinowa und ihr Führer per Hundeschlitten das Quellgebiet des Flusses Schumnaja. Einmal bemerkten sie in einiger Entfernung eine riesige Dampffontäne, doch andere Aufgaben hinderten sie zunächst daran, dem Phänomen auf den Grund zu gehen. Monate später war Ustinowa wieder dort, um die Gegend zu kartieren. Am Ende hatte sie rund 40 Geysire verzeichnet.
Der Nebenarm des Flusses, den sie damals befuhr, heißt heute Geisernaja. Über einer seiner Biegungen erhebt sich ein Hang namens Witrasch, was man mit "buntes Glas" übersetzen kann. Vielfarbige Ablagerungen aus etwa 20 großen und kleinen Schlotöffnungen verhalfen ihm zu dieser Bezeichnung. Das Tal der Geysire (Dolina Geiserow) ist weltweit eines der größten Areale heißer Quellen, vergleichbar mit dem Gebiet des Yellowstone-Nationalparks in den USA, dem Vulkan El Tatio in Chile und den Geysirfeldern auf Island.
Wo die Erde Dampf speit, gibt es auch Vulkane. Kamtschatka ist voll davon. Etwa zwei Dutzend liegen im Schutzgebiet oder entlang seiner Grenzen. Der größte ist der Kronozkij-Vulkan, sein perfekter Kegel ragt 3521 Meter in die Höhe. Sein kleinerer Zwilling, der Krascheninnikow-Vulkan (benannt nach Stepan Petrowitsch Krascheninnikow, einem Naturkundler, der Kamtschatka zu Anfang des 18. Jahrhunderts erforschte), erhebt sich gleich auf der anderen Seite des Flusses Kronozkaja.
Noch weiter südwestlich ragte vor langer Zeit der dritte Gipfel einer gewaltigen Dreierkette empor. Doch anstelle eines hohen Kegels liegt dort heute eine weite, flache Schüssel. Sie ist 13 Kilometer breit, und an ihrem Grund brodeln heiße Quellen und Schwefelseen. Den Boden bedecken Blaubeeren und Heidekraut, Birken und Zwergkiefern, gesäumt von einem kreisrunden Kamm. Der blieb übrig, als der Vulkan vor etwa 40.000 Jahren ausbrach. Die Schüssel wird Uson-Caldera genannt. Ihren Namen hat sie von dem freundlichen Geist Uson, einer mächtigen Gestalt in den Legenden der einheimischen Korjaken. Die Caldera sowie Ustinowas Entdeckung des Tals der Geysire sind die Gründe dafür, die geologischen Wunder ebenso zu schützen wie die biologischen.
Dramatisch und aufregend
In der Geschichte, die die Korjaken über Uson erzählen, steckt eine Botschaft, die bis heute gilt. Der Geist war ein Freund der Menschen, er beruhigte Erdbeben, erstickte Vulkanausbrüche mit seinen Händen und sorgte dafür, dass niemand zu Schaden kam. Doch er selber lebte einsam und auf einem Berg verborgen. Böse Geister, die ihm und dem Land übelwollten, sollten ihn nicht finden können. Doch dann verliebte sich Uson in das Menschenmädchen Najun. Sie hatte Augen wie Sterne, Lippen wie Moosbeeren, Augenbrauen so dunkel und glänzend wie zwei Zobelpelze.
Sie erwiederte Usons Liebe, und so nahm er sie mit auf seinen Berg. Lange Zeit lebten sie zufrieden, aber nach einigen Jahren begann Najun, sich nach ihren menschlichen Verwandten zu sehnen. Sollte es ihnen nicht erlaubt sein, sie einmal zu besuchen? Uson wollte ihr diese Freude bereiten: Mit seinen mächtigen Armen teilte er die Berge und schuf eine Straße. Und die Menschen kamen. Sie waren neugierig und stifteten Unruhe. Jetzt kannte jeder Usons geheimes Versteck, auch die bösen Geister. Sofort begannen sie ihr zerstörerisches Werk: "Die Erde tat sich auf und verschlang einen riesigen Berg", heißt es in den alten Geschichten, "und der mächtige Uson wurde für immer zu Stein." Dort, auf dem nordwestlichen Kamm der Caldera, sieht man ihn bis heute, den versteinerten Kopf gebeugt. Seine ausgebreiteten Arme bilden den Rand der Felsschüssel.
Viele sind es allerdings nicht, die ihn da oben betrachten. Zwar wurde das absolute Tourismusverbot im Naturreservat Kronozkij etwas gelockert, doch pro Jahr kommen höchstens etwa 3000 nicht wissenschaftliche Besucher, und von denen steigen nur die Hälfte zur Uson-Caldera empor. Der Zugang ist schwierig, es gibt keine Straße ins Naturreservat.
Für den Transport werden hauptsächlich Hubschrauber vom Typ Mi-8 eingesetzt. Die haben früher die Soldaten der Sowjetarmee befördert. Angeschnallt in einem wackligen Sitz, fühlt man sich darin wie in einem überfüllten Schulbus, auf dessen Dach eine ziemlich große Sägemühle kreischt. Doch irgendwann hebt das Ding tatsächlich ab.
Tagesausflug zum Tal der Geysire für 550 Euro
Flüge mit Touristen starten 34 Kilometer von Kamtschatkas Hauptstadt Petropawlowsk entfernt. Die Landung ist nur auf zwei ausgewiesenen Plätzen in der Caldera und im Tal der Geysire erlaubt. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es nicht, das heißt, ein Besuch im Reservat ist ein Tagesausflug der gehobenen Preisklasse: umgerechnet 550 Euro, Mittagessen inklusive.
Überwiegend reiche Russen leisten sich das exklusive Vergnügen, einige Europäer auf Abenteuerurlaub und hin und wieder auch ein Amerikaner. Es ist schon ein Naturerlebnis ganz spezieller Art: Wir fliegen mit dem Hubschrauber ein, um Geysire und Vulkane zu fotografieren und um vielleicht das Glück zu haben, ein paar Braunbären zu sehen (die der Pilot, um sie besser beobachten zu können, im Tiefflug über die Tundra scheucht). Es ist dramatisch und aufregend. Privilegiert und irgendwie unanständig. Es bereitet mir Magenschmerzen, dass ich ein Teilnehmer dieser Tour bin. Andererseits: Wie könnte ich darüber berichten, wenn ich nicht selber dort gewesen wäre?
Die Mitarbeiter der Behörden, die Kronozkij verwalten und beaufsichtigen, und die Wissenschaftler, die das Reservat erforschen, beobachten die Folgen des Tourismus sehr kritisch. Jeder Besucher hinterlässt irgendeinen Fußabdruck, die Frage ist nur, wie tief er ist und wie viele es sind. Zu Beginn und am Ende jeder Sommersaison schauen sich Prüfer die Auswirkungen auf die Caldera und die Geysire an. Ihre Berichte entscheiden mit darüber, wie viele Besucher im folgenden Jahr kommen und wohin sie gehen dürfen. Doch auf eine Frage haben auch die Prüfer bisher keine endgültige Antwort gefunden: Welche Rolle spielen die von unachtsamen Menschen möglicherweise am Ökosystem angerichteten Schäden im Vergleich zu denen, die die Naturgewalten selber verursachen?
Worum es geht, wurde zuletzt am 3. Juni 2007 deutlich: Eine gewaltige Wand aus Fels, Schlamm, Ton und Sand löste sich von einem hohen Kamm und donnerte ein kleines Flusstal hinunter. Ein 30 Meter hoher Wasserfall wurde trockengelegt, der Fluss Geisernaja aufgestaut. Der neu entstehende See überflutete einen großen Teil des Tals der Geysire. Von heute auf morgen waren einige berühmte heiße Quellen samt Dampffontänen nur noch Erinnerungen in den Tagebüchern der Geologin Ustinova. Immerhin: Witrasch, die Wand mit den bunten, glasig-mineralischen Ablagerungen, hat den Erdrutsch überstanden.
Schulterzucken der Erde
Sogar die internationale Presse berichtete über dieses geologische Ereignis im fernen Osten Russlands. Die Meinungen der Menschen darüber gingen weit auseinander. War der Bergrutsch nun eine Tragödie, weil er einige spektakuläre Naturphänomene veränderte oder auslöschte? Oder ist das wieder nur die typisch menschliche Sicht auf ein Schulterzucken der Erde? Für den Geologen Alexander Petrowitsch Nikanorow ist die Antwort klar: "Wir Wissenschaftler hatten ein Riesenglück, den Vorgang beobachten zu können. Unser Forscherleben ist kurz, aber wir waren dabei."
Und hat er nicht recht? Das Leben von Geologen ist kurz - gemessen an den Phänomenen, die sie untersuchen. Steine haben sehr viel Zeit. Doch man kann auch anders argumentieren: Weil unser Leben so kurz ist und die Welt so schön, sollten wir versuchen, so viel wie möglich davon zu sehen. Ob das nun aber bedeutet, dass jeder einen Hubschrauberflug in Kamtschatka buchen soll, kann ich nicht beantworten.