Neue Theorie Methangas brachte den Massentod
Das Erdmittelalter wurde vom Tod eingeläutet: An der Zeitenwende vom Perm zum Trias, vor etwa 250 Millionen Jahren, verschwanden bis zu 95 Prozent der Meeresbewohner und 70 Prozent aller Landlebewesen, Pflanzen und Insekten inklusive. "Es ist das wahrscheinlich wichtigste Ereignis in der Geschichte der Biologie, aber es gibt keine Einigkeit über die Gründe", sagte Andrew Knoll, Paläontologe an der Harvard University in Cambridge, dem Online-Wissenschaftsdienst "Nature Science Update".
Sein Kollege Gregory Ryskin von der Northwestern University in Evanston (Illinois) hat jetzt eine gewagte Erklärung angeboten: Eine gewaltige Methan-Explosion habe die Schichten des Ozeans durcheinander gewirbelt und die Atmosphäre mit Kohlendioxid vergiftet.
Kleine Ursache, großer Knall
Nach Ryskins Theorie bildeten sich am Meeresboden große Vorräte an Methan aus pflanzlichen Verfallsprozessen und gefrorenen Methanhydraten. Unter dem enormen Druck in großer Tiefe habe sich das Gas im Wasser gelöst, sei aber am Meeresgrund gefangen geblieben und habe sich mit der Zeit in immer größeren Konzentrationen angereichert.
Ein geringfügiger Auslöser - etwa ein kleinerer Meteoritentreffer oder gar ein schnell schwimmendes Tier - habe vor 250 Millionen Jahren möglicherweise die Katastrophe ausgelöst: Das mit Gas gesättigte Wasser sei an die Oberfläche geschossen und habe unter fallendem Druck gewaltige Methanmengen freigegeben.
Die Ozeane könnten laut Ryskin mit Leichtigkeit genug Gas für eine Explosion enthalten haben, die der zehntausendfachen Sprengkraft des weltweiten nuklearen Waffenarsenals entspricht. "Das hätte ein Sterben gewaltigen Ausmaßes zur Folge gehabt."
Andere Forscher reagierten mit Skepsis, aber nicht mit Unglauben auf Ryskins These. "Es ist eine exzentrische Idee", sagte Paul Wignall, Geologe an der University of Leeds, gegenüber "Nature Science Update". "Aber sie ist nicht so schräg, dass man sie nicht ernst nehmen sollte."
Hinweise auf Folgen einer Methan-Explosion
So gebe es durchaus Beweise, dass die Ozeane gegen Ende des Perms zum Stillstand gekommen seien. Die chemische Signatur der Fossilien aus der fraglichen Zeit zeige zudem einen extremen Anstieg des Kohlendioxid-Anteils in der Erdatmosphäre - genau das Gas, das bei einer größeren Methan-Explosion entstanden wäre. Außerdem sind große Methanblasen, die aus Ozeanen und Seen aufsteigen, laut Wignall eine zwar seltene, aber weithin bekannte Gefahr.
Wissenschaftler brachten die Methangas-Blasen vor einigen Jahren auch als Erklärung für das mysteriöse Verschwinden von Schiffen im Bermuda-Dreieck ins Spiel. Aufsteigendes Gas würde demnach die Dichte des Wassers derart verringern, dass selbst große Schiffe urplötzlich versinken.
Ryskin glaubt unterdessen, mit seiner Theorie auch Katastrophen der jüngeren Vergangenheit erklären zu können - wie etwa die biblische Sintflut. In der Tat gibt es archäologische Hinweise auf ein große Flut vor 7000 bis 8000 Jahren. Eine Methanexplosion im Schwarzen Meer, glaubt der Forscher, könnte sie verursacht haben. Zugleich warnte er vor künftigen Katastrophen: "Auch wenn es nur eine kleine Möglichkeit gibt, dass ich Recht habe", sagte Ryskin, "sollten wir im Meer nach Stellen mit hohen Methan-Konzentrationen suchen."
Markus Becker