Ölkatastrophe: Friedhof am Meeresboden - DER SPIEGEL
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Ölkatastrophe Friedhof am Meeresboden

Barack Obama nannte es die größte Umweltkatastrophe in der US-Geschichte: Vor rund einem Jahr explodierte die "Deepwater Horizon", gigantische Ölmengen strömten in den Golf von Mexiko. Aber wie verheerend sind die Folgen wirklich?
Ölkatastrophe: Friedhof am Meeresboden
Ölkatastrophe: Friedhof am Meeresboden

Ölkatastrophe: Friedhof am Meeresboden

Foto: REUTERS/ U.S. Coast Guard
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Genau 88 Tage spuckte das Ungeheuer in der Tiefe: Rund 780 Millionen Liter Öl strömten in den Golf von Mexiko, nachdem die Ölbohrplattform "Deepwater Horizon" am 20. April 2010 explodiert und untergegangen war. Auf mehr als 1000 Kilometern Küste mussten Helfer gegen die Folgen der Katastrophe kämpfen. Unzählige Tiere starben - Fische, Pelikane, Schildkröten. Fischer durften ihrer Arbeit monatelang nicht nachgehen.

Nun rückt der Jahrestag der Katastrophe näher, und noch immer streiten Experten über das wahre Ausmaß der Umweltfolgen. Bereits am 15. Juni 2010 - also lange vor dem Versiegeln der Ölquelle in der Tiefsee - sprach US-Präsident Barack Obama von der "schlimmsten ökologischen Katastrophe", mit der es Amerika je zu tun gehabt habe. Doch war sie das wirklich?

Tatsache ist, dass die Fernsehbilder der Katastrophe für BP recht gnädig ausfielen. Zwar gab es Aufnahmen von verschmierten Tieren, von verschmutzen Marschgebieten, von braun statt weiß schimmernden Stränden. Doch angesichts der Menge des ausgetretenen Öls fielen die sichtbaren Schäden eher klein aus.

"Wir bei BP haben unser Bestes getan"

Elf Menschen sind beim Untergang der "Deepwater Horizon" gestorben. Die weitere Bilanz lautete zum Stichtag 1. November wie folgt: 8183 tot am Strand aufgefundene Seevögel, dazu 1144 Seeschildkröten und 109 Meeressäuger. Außerdem eine unbekannte Zahl von tierischen Opfern irgendwo im Meer.

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Golf von Mexiko: Die Mega-Ölpest der USA

Foto: REUTERS/ U.S. Coast Guard

Sind die vergleichsweise niedrigen Zahlen ein Verdienst des effektiven Kampfes gegen das Öl, weit draußen auf dem Ozean? Nicht zuletzt wurden direkt an der leckenden Quelle - 80 Kilometer vor der Küste und in anderthalb Kilometern Wassertiefe - Ölzersetzungsmittel in nie gekanntem Umfang eingesetzt. Auch an der Wasseroberfläche wurden die Chemikalien in großen Mengen versprüht. Außerdem schöpften bis zu 9700 Schiffe das Öl ab. Großflächig wurden dunkle Flecken auf dem Meer auch angezündet und abgefackelt.

"Wir bei BP glauben, dass wir wirklich unser Bestes getan haben, um die Strände und den Golf zu schützen", sagt BP-Mitarbeiter Arden Ahnell, verantwortlich für die wissenschaftliche Aufarbeitung des Geschehens am Golf. Doch beweisen lässt sich der Erfolg nur in Grenzen - auch wenn Ahnell eine ganze Batterie von Powerpoint-Folien auffährt, um seine Argumentation zu stützen.

Oft fehlen Forschern die Vergleichsdaten

Fragt man Wissenschaftler nach einer Gesamtbilanz des Unfalls, gibt es vor allem eines: Schulterzucken. Studien zum Einfluss der Chemikalien auf Menschen starteten erst Monate nach den riesigen Anti-Öl-Aktionen im Golf. Im "New England Journal of Medicine"  beklagten Forscher kürzlich, dass die gesundheitlichen Auswirkungen deswegen nur schwer zu erfassen sein werden. Umweltdaten wurden zwar schon während der Katastrophe gesammelt, zu Tausenden sogar. Doch auch hier gibt es ein Problem: Für eine valide Analyse fehlt oft die Vergleichsgrundlage. Denn aus der Zeit vor dem Untergang der "Deepwater Horizon" gibt es aus der Region verhältnismäßig wenige Messungen.

Der Bericht  der "National Commission on the BP Deepwater Horizon Oil Spill and Offshore Drilling", veröffentlicht im Januar dieses Jahres, liefert zumindest einige Anhaltspunkte zu den Umweltfolgen der Katastrophe. Wer in dem Papier liest, erkennt schnell, dass BP einfach auch Glück hatte - zum Beispiel, weil Winde und Ozeanströmungen das meiste Öl von den Stränden fernhielten. Und der Konzern hatte noch mehr Dusel: Die braune Masse gelangte nicht, wie zwischenzeitlich befürchtet, mit dem sogenannten Loop Current Richtung Kuba und Florida. Stattdessen fand ein Teil des Öls wohl im Ozean ein schnelles Ende.

Um die Rolle von natürlich vorkommenden Bakterien wurde nach der Katastrophe lange und erbittert gestritten. Klar ist: Im Golf von Mexiko gibt es zahlreiche natürliche Öllecks. Von den freiwerdenden Kohlenwasserstoffen im teils badewarmen Wasser leben seit Hunderttausenden von Jahren hochspezialisierte Bakterien. Sie haben wohl eine stattliche Portion des ausgetretenen Öls und Methans verspeist. Doch wie viel genau, weiß niemand. Schnelle Erfolgsmeldungen der US-Regierung nach dem Verstopfen des Bohrlochs wurden von anderen Forschern jedenfalls angezweifelt.

"Wie ein Friedhof"

Zuletzt sorgte die Meeresforscherin Samantha Joye von der University of Georgia mit einem pessimistischen Bericht für Schlagzeilen. Danach haben die Bakterien zwischen Sommer 2010 und Jahresende nur zehn Prozent der von ihr beobachteten Ölverschmutzungen bereinigt. Wie ein Friedhof habe der Meeresboden ausgesehen, klagte Joye in der "New York Times".

Welchen Einfluss der massive Einsatz von ölzersetzenden Chemikalien in der Tiefsee und direkt an der Wasseroberfläche hatte, ist ebenfalls umstritten. Nach Angaben von BP wurden drei Millionen Liter der Substanzen, die wie Geschirrspülmittel wirken, unter Wasser eingesetzt. Dazu kamen vier Millionen Liter an der Wasseroberfläche. Elizabeth Kujawinski von der Woods Hole Oceanographic Institution hatte zuletzt behauptet, die Chemikalien lösten sich in der Tiefsee auch nach Monaten kaum auf.

BP-Mann Ahnell nennt die Chemikalien dagegen "einen wichtigen Pfeil im Köcher" und erklärt, alle Messwerte lägen unter den toxikologischen Grenzwerten. Doch die wurden nicht für die Tiefsee entwickelt. "Die Frage ist, ob wir kurzfristig etwas gewonnen haben und dafür das Problem auf lange Sicht verstärken", sagt Larry McKinney von der Texas A&M University in Corpus Christi. "Wir haben einfach nicht genügend Informationen, um das eine oder das andere zu sagen."

"Wir finden heraus, wie groß dieses Ding ist"

Dissens unter Forschern gibt es auch bei der Frage, wie viel Öl noch auf dem Ozeangrund liegt. In den Monaten nach dem Untergang der "Deepwater Horizon" waren bei mehreren Studien gefährliche Rückstände gefunden worden. Doch glaubt man Ahnells Powerpoint-Offensive, dann traten nur bei wenigen Messungen überhaupt Werte über der durchschnittlichen natürlichen Hintergrundbelastung des Golfs auf, die durch natürliche Öllecks bestimmt wird.

Der BP-Mann behauptet, dass es nur in einem Radius von drei Kilometern um die Ölquelle größere Mengen Öl auf dem Ozeanboden gegeben habe. Und die rührten zum Teil auch von den gescheiterten Versuchen her, das Bohrloch mit der "Top Kill"-Methode zu verschließen. Dabei kamen Spezialschlamm, Gummireste und Faserabfälle zum Einsatz.

Forscherin Joye sagt dagegen, sie habe mit ihrem Team rund 250 Bodenproben in einem Gebiet von rund 6700 Quadratkilometern entnommen. Und weil sie auch schon vor dem Ölunfall in dem Areal unterwegs gewesen sei, könne sie belegen, dass die von ihr entdeckten Schäden vom Untergang der "Deepwater Horizon" herrührten.

Jahrelanger Kampf gegen die Umweltfolgen

Forscher wie Robert Haddad von der US-Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA kartieren noch immer die Schäden durch die Ölpest. Auf Basis dieser Ergebnisse sollen die Pläne für die Wiederherstellung der Natur vorangetrieben werden. Gemeinsam mit anderen Bundesbehörden und den betroffen Staaten sei man gerade mittendrin, sagt Haddad: "Es ist ein langfristiger Prozess."

"Der Stand ist: Wir finden heraus, wie groß dieses Ding ist", so der Wissenschaftler. "Wir hoffen, dass wir in den kommenden zwei Jahren ein gutes Verständnis vom Ausmaß der Schäden haben." Zu klären ist auch die Frage, ob das mysteriöse Sterben von jungen Delfinen im Golf mit der Ölkatastrophe zu tun hat.

Noch immer arbeiten nach Angaben von BP 2200 Menschen und 220 Schiffe an der Beseitigung der Umweltschäden. Rund 380 Kilometer Strand werden aktuell noch gesäubert, weitere 480 Kilometer sind nach dem Ende von Vogelbrut- und Tourismussaison dran. Dass der Kampf gegen die Folgen der "Deepwater Horizon"-Katastrophe ein langwieriges Unterfangen ist, weiß auch NOAA-Forscher Haddad. Auf die Frage, wann man mit einem Plan zur Beseitigung der Umweltschäden starte, antwortet er: "Ich glaube, es werden weniger als zehn Jahre ins Land gehen, bis die Wiederherstellung der Natur anfängt."

Mit Material von dpa und AFP