Orchideen-Entstehung: Zeitreise im Bernstein - DER SPIEGEL
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Orchideen-Entstehung Zeitreise im Bernstein

Vor 15 bis 20 Millionen Jahren wurde eine Biene von einem Tropfen Harz umschlossen - und hat die Äonen überdauert. Auf ihrem Rücken kleben noch immer die Pollen einer Orchidee. Der Fund verrät einiges über die Entstehung der außergewöhnlichen Pflanzen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Orchideen sind Meister der Verführung. Viele Arten locken Bienen, Motten und Käfer mit bunten Farben und süßen Düften an, sie imitieren Blüten oder geben sich als paarungsbereite Insektenweibchen aus. Den Aufwand betreiben sie, um ihren Pollen zu verteilen und so ihren Fortbestand zu sichern. Doch wie lange sie diese Verführungskünste schon ausüben, war bisher unbekannt.

Jetzt haben Santiago Ramírez und seine Kollegen von der Harvard University eine in Bernstein eingeschlossene Biene gefunden, die auf ihrem Rücken Pollenreste einer längst ausgestorbenen Orchideenart trägt. Entdeckt wurde der Bernstein in der Dominikanischen Republik. Die Forscher glauben, dass die Biene schon seit 15 bis 20 Millionen Jahre darin gefangen ist. Die Pollen der Art Meliorchis caribea seien die ersten dokumentierten fossilen Orchideenfunde überhaupt. Die Entdeckung stütze die Vermutung, dass es Orchideen schon zu Zeiten der Dinosaurier gegeben haben könne, schreiben die Forscher jetzt im Wissenschaftsmagazin "Nature" (Bd. 448, S. 1042-1045).

Die Analysen des Fundes deuten darauf hin, dass Orchideen vor 76 bis 84 Millionen Jahren entstanden sind - viel früher als bisher angenommen. Die im Bernstein eingegossene Biene sei mit ihren Orchideenpollen auch ein direkter Beweis für die außergewöhnlichen Bestäubungsmethoden der Orchideen.

Bestäuber und Befruchter

"Schon seit Darwins Zeiten sind Evolutionsbiologen fasziniert von der spektakulären Anpassung der Orchideen an die Insektenbestäubung", sagte der Biologe Ramírez. Die hübschen Pflanzen können ihren Pollen nur mit Hilfe von Insekten verbreiten. "Orchideen sind die größte und am weitesten verbreitete Pflanzenfamilie auf der Erde, aber bisher gab es keine dokumentierten fossilen Funde." Denn Orchideen blühen unregelmäßig und kommen überwiegend in tropischen Regionen vor, wo Hitze und Feuchtigkeit die Versteinerung verhindern. Daher hatten die Forscher großes Glück, dass der Pollen gemeinsam mit der Biene konserviert wurde.

Die gefundene Art ist eine der wenigen bekannten Fossilien, die direkt die Beziehung zwischen Pflanzen und ihren Bestäubern illustrieren. Da die gefundene Biene Proplebeia dominicana keinen Rüssel hat, um den Pollen aus dem Kelch zu angeln, war die Orchidee so gebaut, dass der Pollen am Rücken der Biene hängenbliebt. Das gibt auch direkte Hinweise zum Typ und dem Aussehen der Orchidee.

Familienstammbaum

Bei Untersuchungen auf der molekularen Ebene konnten die Forscher jetzt auch das Alter der Hauptorchideenfamilien ermitteln. Zu ihrem Erstaunen stellten sie fest, dass viele moderne Orchideenarten - wie auch die teure Art Vanilla - sehr früh in der Entwicklung der Pflanzenfamilie entstanden sein müssen.

"Dieses Ergebnis ist rätselhaft und faszinierend zugleich", sagte Ramírez. Die modernen Arten der Vanilla wachsen in allen tropischen Regionen der Welt. Die Forscher schätzen, dass sie vor ungefähr 60 bis 70 Millionen Jahren entstanden sind. Da jedoch die tropischen Kontinente schon vor ungefähr 100 Millionen Jahren auseinanderdrifteten, weist das wiederum darauf hin, dass auch nach dem Auseinanderbrechen noch grundlegende biologische Veränderungen stattgefunden haben. So haben sich die verschiedenen Vanilla-Arten erst entwickelt, als die tropischen Kontinente längst auseinandergedriftet waren.

khü