Buchtipp Pterosaurs: Blick in die Flugsaurier-Bibel
Paläo-Buchtipp Das neue Bild vom Flugsaurier
Selbst Paläontologie-Begeisterte haben, wenn sie den Begriff Pterosaurier hören, noch immer ziemlich alte Bilder im Kopf. Dabei haben sich unsere Vorstellungen von Perm, Trias, Jura und Kreide in den vergangenen Jahren doch radikal gewandelt. Aus den frühen Visionen einer von Echsen bevölkerten, düsteren Urzeit, die immer ein wenig nach Sumpf und Schwefel muffte, ist das bunte Bild einer Zeit geworden, in der exotische, vermutlich nicht weniger farbenfrohe Wesen lebten, als dies heute der Fall ist.
Längst haben wir begonnen, die Vorstellung behaarter, oft gefiederter Saurier zu akzeptieren. Wir wissen, dass sie keine tumben, steifen Echsen waren, die brüllend durch die Gegend wankten, sondern agile, wahrscheinlich oft intelligente Tiere. Ihre neue Gestalt macht sie für uns lebendiger und zugleich noch bizarrer als früher, als sich unser Bild von ihnen an heute lebenden Echsen orientierte.
Auch an Pterosauriern - ein echtes Randgebiet der paläontologischen Forschung - sind diese Veränderungen zwar nicht vorbeigegangen. Wirklich erreicht haben sie die Öffentlichkeit aber noch nicht.
Pteradactylus im Kampf mit King Kong: Prototypischer Flugsaurier, wie man ihn sich lange vorstellte
Foto: APWas uns einfällt, wenn wir Pterosaurier hören, sieht oft noch immer so aus:
Eine riesige Echsen-Fledermaus. Das Bild geht zurück auf Georges Cuvier, der 1809 den Pterodactylus genaus so beschrieb. Selbst die Flugsaurier in den Kino-Blockbustern "Jurassic Park" 2 und 3 sahen 1997 und 2001 noch aus wie Aushilfsflughunde mit ulkigen Zapfen auf dem Schädel.
Das neue Bild: Alles war anders
Wenn man Mark P. Witton folgt, könnte das nicht weiter von der Wirklichkeit entfernt sein. Seine Flugsaurier sind farbenprächtige, oft mit feinen, haarähnlichen Filamenten befellte Tiere, die wohl mit Abstand das fremdartigste sind, was je am Himmel seine Kreise zog.
Bizarr ihre vielfältigen, wahrscheinlich einst knallbunten Kämme, Segel und Fortsätze, die sie auf den Köpfen trugen. Fast noch seltsamer ihr Körperbau, der ganze Generationen von Anatomen vor Rätsel stellte. Wie sollten Wesen mit stummeligen Hinterbeinen und schrankartigen Schultern, die in schier endlosen Armen und überlangen Fingerknochen endeten, sich überhaupt in die Luft erheben? Lange glaubte man, das könne nur gelingen, wenn sie sich von Klippen oder Bäumen stürzten.
Ein versehentlich im Flachland gelandeter Pterosaurier wäre demnach zum Tode verurteilt gewesen. Undenkbar, dass Tiere, die diesen Planeten fast 170 Millionen Jahre erfolgreich besiedelten und in dieser Zeit wohl Hunderte von Arten ausprägten - bis zu 150 kennt man bisher - so unvollkommen gewesen sein sollen.
Flieger, Renner, Taucher
Witton, Paläontologe an der Universität Portsmouth und ausgewiesener Pterosaurier-Experte, revidiert diese Bilder von Grund auf. Er kann erklären, wie und warum ein Pterosaurier sich aus jeder Lage in die Luft katapultieren konnte - ein schwer nachvollziehbarer Mechanismus, der in der Natur fast beispiellos ist. Manche von ihnen mögen sogar am Boden so agil gewesen sein, ihre Beute auf kurzen Strecken rennend zu erlegen. Andere, führt Witton aus, waren möglicherweise in der Lage, ihre Beute tauchend zu fangen - und sogar vom Wasser aus wieder zu starten.
Wittons Buch ist die umfassendste Veröffentlichung zum Thema seit Peter Wellnhofers "Illustrated Encyclopedia of Pterosaurs". Wie Wittons kombinierte auch Wellnhofers Buch wissenschaftlich detaillierte Analyse mit zahlreichen, die Phantasie beflügelnden Bildern - nur war das 1991, und das Bild vom Pterosaurier hat sich seitdem komplett gewandelt.
Witton ist nicht der Erste, der sie in ihrer neuen Gestalt zeigt. Aber es ist das erste Mal, dass dies so umfassend, systematisch und konsequent getan wird: Er bringt damit unser Bild vom Flugsaurier wissenschaftlich up to date.
Deshalb sind uns die Tiere, die uns bei Witton begegnen, wohl meist wirklich sehr fremd. Es dürfte für viele Leser eine Erstbegegnung sein und für die meisten von uns das erste Mal, dass wir uns so massiv mit der erkannten Andersartigkeit der Pterosaurier konfrontiert sehen. Für das Gros der Leser ist es mit Sicherheit die bisher größte Vertiefung des Themas.
Darum ist Wittons Buch für Laien absolut keine leichte Kost. Es kommt mit seinen von ihm selbst gemalten zahlreichen Bildern daher wie ein Kaffeetischbuch, ein zum Blättern gedachter Bildband. Textlich aber liefert er trotz des enzyklopädischen Ansatzes Wissenschaft bis hinein in die Analyse anatomischer Details. "Pterosaurs" ist ein Fachbuch, das man auch wegen seiner saloppen Einschübe und gelegentlicher Anekdoten mit Populärwissenschaft verwechseln könnte - Angelsachsen schreiben so. Fünf Zeilen weiter liest es sich dann wieder wie ein Aufsatz im Fachmagazin "Science".
Für den Laien liefert es also mehr, als er vielleicht verdauen kann. Wer sich aber in konziser Form fachlich auf Stand bringen will, kommt an "Pterosaurs" kaum vorbei.