Schottland: Warum schon wieder Wale gestrandet sind - DER SPIEGEL
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Fast 100 tote Tiere Warum sind schon wieder Wale in Schottland gestrandet?

Etliche Grindwale wurden vergangene Woche an der Küste von Schottland angespült. Fast genau ein Jahr zuvor sind dort schon mal Dutzende Tiere verendet. Tierschützer rätseln, wieso.
Grindwale vor Schottland am 11. Juli: Tierschützer haben versucht, die noch lebenden Tiere zu retten
Grindwale vor Schottland am 11. Juli: Tierschützer haben versucht, die noch lebenden Tiere zu retten

Grindwale vor Schottland am 11. Juli: Tierschützer haben versucht, die noch lebenden Tiere zu retten

Foto: Emma Neave-Webb / British Divers Marine Life Rescue / dpa

Schwarze rundliche Erhebungen am Strand mit Spitzen, die in den Himmel zeigen: Fast 100 Grindwale sind auf der schottischen Orkneyinsel Sanday gestrandet, die Bilder von vergangener Woche sind bedrückend.

An einem Vormittag erreichte die Organisation British Divers Marine Life Rescue (BDMLR) die Meldung. Sofort machten sich Tierschützer auf den Weg, heißt es in einer Mitteilung. 77 Tiere seien da schon tot gewesen, zwölf noch am Leben. Wahrscheinlich seien sie schon Stunden vorher gestrandet.

Die Tierschützer hätten versucht, die lebenden Tiere zu retten, heißt es weiter. Doch die hätten bereits zu lange am Strand gelegen und dabei Quetschungen erlitten von ihrem eigenen Gewicht, das sie plötzlich tragen mussten. Durch die Flut seien die Tiere noch tiefer in den Sand gerutscht, was es ihnen nur noch schwerer gemacht habe, sich wieder aufzurichten. Schließlich schläferten die Tierschützer die Grindwale ein.

Nun bleibt vor allem eine Frage: Warum sind die Wale überhaupt gestrandet?

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Zusammen mit Kollegen des Scottish Marine Animal Stranding Scheme (SMASS) suchen die Tierschützer von BDMLR nach Antworten. Sie sammeln Proben und untersuchen die Kadaver, heißt es in einem Post auf der Plattform X.

»Die Strandung auf den Orkneyinseln weist viele Parallelen zu den Ereignissen vor einem Jahr auf, was die Anzahl der betroffenen Tiere und ihr Verhalten angeht«, sagte Andrew Brownlow, Direktor des SMASS an der Universität Glasgow dem »Guardian«. Im Juli 2023 waren mehr als 50 Grindwale auf der schottischen Isle of Lewis verendet.

Massenstrandungen würden exponentiell zunehmen, die Anzahl der Ereignisse ebenso wie die Anzahl der betroffenen Tiere, so Brownlow weiter. Seit 1992 habe es etwa 13 Massenstrandungen von Grindwalen gegeben, zehn davon allein in den vergangenen zehn Jahren.

»Sehr gesunde Wale«

Grindwale, auch Pilotwale genannt, haben Experten zufolge extrem enge Bindungen untereinander. Zu bestimmten Jahreszeiten sind sie in großen Gruppen unterwegs, die Tiere würden sogar einem verletzten oder fliehendem Artgenossen blindlings folgen. Das erhöht die Gefahr von Massenstrandungen.

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Mariel ten Doeschate, Wissenschaftlerin bei SMASS, schließt eine Krankheit als Grund für die Strandung derzeit aus. Es handle sich um »sehr gesunde Wale«, sagte sie dem »Guardian«. Unter den Tieren hätten sie zwei Kälber im Alter von zwei oder drei Wochen gefunden, mindestens ein Weibchen sei trächtig gewesen.

Die Tiere hätten sich »um die wichtigsten Tiere der Gruppe« versammelt, sagte Doeschate weiter. Das deute darauf hin, dass sie aufgeschreckt worden seien – und womöglich so an Land kamen. Möglich sei, dass sie vor Raubtieren geflohen seien, in der Gegend seien etwa Orcas gesichtet worden.

Blutungen in den Gehörgängen

Das Ausmaß der Strandung könnte aber auch einen lange gehegten Verdacht bestätigen: dass extremer Lärm die Wale an die Küste treibt. Oftmals wird er vom Menschen ausgelöst, etwa durch die Motoren von Schiffen. »Laute Geräusche können Wale aus ihren angestammten Gewässern vertreiben und sie zwingen, die Lärmquelle großräumig zu umschwimmen«, heißt es in einem Beitrag von Greenpeace. Ein Wal, der sich nicht orientieren könne, finde nichts zu fressen und laufe große Gefahr zu stranden. Die Umweltschutzorganisation verweist auch darauf, dass solche Tiere ihre Gruppe verlieren könnten – das war bei der aktuellen Strandung aber offenbar nicht der Fall.

Wenn die Wale tatsächlich durch Schall aufgeschreckt worden sein sollten, dann könne das an den Verletzungen in den Gehörgängen festgestellt werden, sagt Judith Denkinger, Kuratorin für Meeressäuger bei der Stiftung Deutsches Meeresmuseum, auf SPIEGEL-Anfrage. »Wale haben kein externes Ohr, sondern nehmen Laute, also Schwingungen im Wasser, über den Unterkiefer wahr. Lärm klingt für sie so ähnlich, wie wenn der Zahnarzt in den Unterkiefer bohrt.« Darauf reagierten die Tiere unterschiedlich, mitunter tauchten sie auch schnell auf.

In durch den Klimawandel wärmer werdenden Gewässern sieht Denkinger dagegen keine Ursache. Die höheren Wassertemperaturen sorgten eher dafür, dass Wale in andere Gebiete abwanderten, weil sich auch ihre Beutetiere anders verbreiteten – sie selbst hat das an Buckelwalen vor Ecuador untersucht. Zum Stranden bringe das die Wale nicht.