Am Mittwochnachmittag kommt im englischen Billingshurst ein rund 150 Millionen Jahre alter, 17 Meter langer Diplodocus unter den Hammer. Solche Großsaurier-Auktionen kennt man sonst eher aus den USA, aber das könnte sich ändern: Fossiles, versichern die Veranstalter, liege im Trend - als Dekoration für Haus und Garten.
Bei der Versteigerung wird sich zeigen, ob die Veranstalter mit ihrer Einschätzung richtig liegen, und sich ein entsprechend betuchter Interessent für das Fossil findet. "Das", sagt James Rylands und lacht, "ist wirklich eine sehr, sehr gute Frage. Wir fragen uns das auch: Wer kauft so etwas?"
Rylands ist Mitbesitzer von Summers Place Auctions , laut Selbstdarstellung das "weltweit führende Auktionshaus für Skulpturen und Design für Haus und Garten". Und dazu zählen schon seit den Tagen, als das renommierte Auktionshaus Sotheby's die Firma Ende der achtziger Jahre als spezialisierte Abteilung und Dependance für Südengland aufbaute, ganz selbstverständlich auch Fossilien. Rylands kennt sich aus mit Ammoniten und Crinoiden, gern auch den dicksten Vertretern, die man davon finden kann. Was er als Auktionator am Mittwochabend versteigern wird, sprengt allerdings alle bisherigen Maßstäbe.
"Riesengroßes Puzzlespiel"
"Misty" war ein Diplodocus und wahrscheinlich eine Dame. 17 Meter lang und an der Schulter über vier Meter hoch steht das Skelett im hinteren Teil der Auktionshalle. Gefunden und ausgegraben wurde das trotzdem anmutig und fast filigran wirkende Geschöpf von den damals elf und vierzehn Jahre jungen Söhnen des Paläontologen und Fossilhändlers Raimund Albersdörfer, die ihn im Jahre 2009 auf eine Ausgrabung nach Wyoming begleitet hatten.
Dino-Auktion: 17 Meter lange Gartendeko gefällig?
Was es aber letztlich zu einem Objekt mit echtem Seltenheitswert machte, war die Präparation. Der Niederländer Aart Walens ergänzte rund 40 Prozent echter Fossilknochen des gefunden Tieres durch Einzelknochen und Repliken anderer Diplodocus-Funde zu einem vollständigen Skelett, das er in ein hinreichend unauffälliges Stahl-Skelett stellte. "Das Ganze", sagt Rylands, "ist eine Art riesengroßes Puzzlespiel."
Vor diesem Puzzle müsse man als Käufer aber keine Angst haben. Angeliefert wurde Misty in zwei großen Kisten - kein Job für den Briefträger, aber auch nichts, an dem eine Spedition bei der Auslieferung verzweifeln würde. Die nummerierten Knochen in das Stahlkorsett einzulegen und Misty vollständig zu montieren, habe laut Rylands "nur wenige Stunden" gedauert.
Gartenhaus, Museum oder Einkaufszentrum?
Bleibt die Frage zu klären, wo ein potentieller Käufer einen Diplodocus hinstellt. Misty ist nur eines von sechs Diplodocus-Skeletten weltweit, die diesen Grad an Vollständigkeit und Originalknochen erreichen. Fast genau so selten dürften aber Wohnzimmer sein, in denen man so etwas unterbringen könnte. "Vermutlich wird eher ein Museum darum bieten", sagt dann auch Rylands, der sich aber auch andere Möglichkeiten vorstellen kann: "Vielleicht hat aber auch ein Käufer eine Halle oder ein großes Gartenhaus? Oder Misty landet im Eingangsbereich eines großen Einkaufszentrums?"
Errol Fuller, der Kurator der Auktion, weiß, dass so etwas kontrovers diskutiert wird. Aber auf der einen Seite ginge der Forschung mit einem Fossil wie Misty nicht wirklich viel verloren: "Der Diplodocus ist weitgehend ausgeforscht." Auf der anderen Seite landeten die meisten wirklich großen Fossile am Ende ja doch in Museen - entweder als Leihgaben, oder spätestens, wenn die Erben nicht wüssten, wohin mit dem schmucken Giganten.
Irgendwann am späten Mittwochnachmittag wird sich zeigen, ob Misty einen Käufer findet. Ganz billig wird dieses kapitale Stück Raumdekoration allerdings nicht: Als Mindestpreis sind 400.000 Pfund (ca. 528.000 Euro) gesetzt. Anbieter und Auktionatoren hoffen, dass der Zuschlag deutlich näher an der Millionen-Euro-Grenze erfolgt. Für Auktionskurator Fuller wäre das nur logisch: Fossile zeigten, dass auch die Natur selbst höchst dekorative Kunst produziere. Und im Vergleich zu manchem Kunstwerk, dass "an einem Nachmittag" entstand, sei die 150 Millionen Jahre alte Misty doch geradezu ein Schnäppchen.