Spaltenvulkan auf Reykjanes-Halbinsel Steht Island vor einer neuen Ära von großen Eruptionen, Frau Shevchenko?
Feuer und Eis: Wissenschaftler untersuchen den Ausbruch nahe Grindavík
Foto: Marco Di Marco / APSPIEGEL: Geht es um die spektakulären Eruptionen auf Island, ist stets die Rede von einem Vulkanausbruch. Auf Bildern ist aber keine typische Kegelform in der Landschaft zu sehen. Was hat es mit dem Ausbruch auf sich?
Shevchenko: Wir haben es hier mit einem Spaltenvulkan zu tun. Diese Art von Vulkanen ist verbreitet auf Island, da die Insel genau auf dem Mittelatlantischen Rücken liegt. Er trennt die eurasische und die nordamerikanische Erdplatte, die mit der Zeit auseinanderdriften. Die Erde reißt auf.
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Alina Shevchenko forscht am Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam zu Morphologien aktiver und ruhender Vulkangebilde. Sie hat Ausbrüche in Kamtschatka, auf Island und den Kanarischen Inseln untersucht. Im März 2021 war sie beim ersten Ausbruch auf der Reykjanes-Halbinsel seit rund 800 Jahren vor Ort.
SPIEGEL: Was unterscheidet solche Ausbrüche von Eruptionen bei Kegelvulkanen?
Shevchenko: Zu Beginn spucken zwar auch Spaltenvulkane mitunter Lavafontänen, anschließend fließt die vergleichsweise flüssigere Lava aber recht gleichmäßig aus einer Spalte in der Erde und verteilt sich über weite Strecken. Das macht diese Vulkane weniger gefährlich als die Ausbrüche der Kegelvulkane.
SPIEGEL: Es wurde bereits viele Wochen vor dem Ausbruch gewarnt, die nahe gelegene Ortschaft Grindavík schon im November evakuiert. Und doch schien der Moment der Eruption viele Experten überrascht zu haben. Wie konnte das passieren?
Shevchenko: Bei dieser Art von Ausbrüchen gibt es weit vorher erste Anzeichen. Seismologische Messungen und Satellitendaten weisen teils schon einen Monat, ja ein Jahr vorher auf einen Ausbruch hin. So war es zum Beispiel auch vor dem Ausbruch des Fagradalsfjall im März 2021, der ebenfalls nahe der jetzt betroffenen Region in der Nähe des Orts Grindavík liegt. Den genauen Zeitpunkt einer Eruption können wir anhand solcher Daten aber schlicht nicht voraussagen.
SPIEGEL: Sie sind Expertin für die Vulkanregion Island und haben die Eruption des Fagradalsfjall vor Ort untersucht. Der Ausbruch war der erste seit mehreren Hundert Jahren auf der Reykjanes-Halbinsel, wo auch die aktuelle Spalte liegt. Wie geht es in der Region nun weiter?
Shevchenko: Erfahrungsgemäß wird die Aktivität weiter abnehmen, der Ausbruch sich weiter verlangsamen und auf einzelne Schlote entlang der vier Kilometer langen Spalte konzentrieren. Allerdings ist dieser Ausbruch jetzt schon sehr viel stärker als der von 2021. Es wurden zehnmal mehr Kubikmeter Lava pro Sekunde ausgestoßen als damals. Im März 2021 haben wir eine Rate von zwölf Kubikmetern pro Sekunde gemessen. Diesmal sollen es bis zu 200 Kubikmeter pro Sekunde gewesen sein.
Der Ort Grindavík – und die in nicht allzu weiter Ferne liegende Bedrohung
Foto: Viken Kantarci / AFPSPIEGEL: Wie lange wird die Spalte noch speien? Können die Bewohnerinnen und Bewohner von Grindavík Weihnachten zu Hause feiern?
Shevchenko: Ich fürchte nicht. Ja, irgendwann wird die Lava nicht mehr fließen, aber wann es so weit ist, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Und selbst wenn diese Eruption vorbei ist: Die nächste kann kommen.
SPIEGEL: Was macht Sie da so sicher?
Shevchenko: Wir können nicht hundertprozentig sicher sein. Aber es gab in diesem Jahr schon zwei Ausbrüche auf der Reykjanes-Halbinsel: Diesen und einen weitere am Litli-Hrútur im Juli. Wenn es sich bei diesen Eruptionen sowie den Ausbrüchen 2021 und 2022 um die gleichen Aktivitäten handelt, wie sie zuletzt vor rund tausend Jahren auftraten, könnte es über mehrere Hundert Jahre so weitergehen. Dann heißt es: Spalten spucken, Lava fließt, der eine Ausbruch hört auf – und taucht dann an einer etwas andere Stelle wieder auf.
SPIEGEL: Steht Island vor einer neuen Ära von Vulkanausbrüchen?
Shevchenko: Es sieht so aus. Diese Aktivitäten wiederholen sich vulkanologischen Erkenntnissen zufolge ungefähr alle tausend Jahre. Wenn wir heute auf die Reykjanes-Halbinsel schauen, dann sehen wir überall Lavaflüsse und Vulkankegel, die rund 800 bis 1000 Jahre alt sind. Die neuen Eruptionen könnten also der Anfang einer neuen Ausbruchsserie sein.
SPIEGEL: Was bedeutet das für die Bevölkerung?
Shevchenko: Ich war schon oft auf Island und sprach dort mit vielen Leuten. Die Menschen dort wissen genau, was sie zu tun haben. Ihnen ist bewusst, dass sie in einer sehr aktiven Vulkanregion leben – und wie das gehen kann. Jeder Einwohner ist bereits ein Experte. Die Leute sind immer gut vorbereitet.
SPIEGEL: Was fasziniert Sie als Wissenschaftlerin an der neuen Situation?
Shevchenko: Ich sehe natürlich, was die Lava anrichtet, dass Menschen ihr Zuhause verlassen mussten und das macht mich traurig. Als Vulkanologin empfinde ich das Geschehen aber natürlich auch als sehr aufregend. Zu sehen, wie unsere Erde funktioniert, wie sie sich selbst generiert. Manchmal sind Vulkanausbrüche in erster Linie destruktiv. Bei der Art von Eruption, die wir gerade erleben, entsteht aber etwas Neues. Wie damals auf La Palma, als die riesigen Lavamengen gen Meer geflossen sind und dort neues Land erschaffen haben . Ich will auf jeden Fall, sobald ich kann, wieder nach Island reisen, um diesen spektakulären Ausbruch zu studieren.
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