Steigende Emissionen Die Welt hat ein Erdgas-Problem
Der weltweite Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) hat auch 2019 wieder zugenommen, aber langsamer als in den Jahren zuvor. Dies zeigen Berechnungen des Forschungsverbunds "Global Carbon Project". Die Wissenschaftler rechnen für dieses Jahr mit einem Anstieg der Emissionen von 0,6 Prozent. Das wäre deutlich weniger als im Vorjahr: 2018 gab es ein Plus von 2,1 Prozent. Vom Erreichen der Klimaziele ist die Weltgemeinschaft damit allerdings weit entfernt, vor allem die Verbrennung von Erdgas wird zum Problem.
Die Daten wurden zeitgleich in den Fachzeitschriften "Nature Climate Change", "Environmental Research Letters" und "Earth System Science Data" veröffentlicht.
EU und USA sparen CO2
Demnach verfeuerten die Europäische Union und die USA in diesem Jahr weniger Kohle, in Indien und China verlangsamte sich immerhin die Zunahme des Kohleverbrauchs. China könnte seinen CO2-Peak noch vor 2030 erreichen - die Trendwende beim weltweit größten Emittenten von Treibhausgasen gilt als wichtige Marke. Das insgesamt schwächere Wirtschaftswachstum wirkte sich günstig auf die CO2-Bilanzen aus.
Dass die Emissionen trotzdem zunahmen, lag den Wissenschaftlern zufolge daran, dass mehr Erdgas und mehr Erdöl gefördert wurden. Auch Emissionen aus der Landnutzung trieben den CO2-Ausstoß nach oben, etwa vermehrte Brandrodungen im Amazonas.
Insgesamt blies die Menschheit in diesem Jahr etwa 36,7 Gigatonnen CO2 in die Luft, so viel wie noch nie. In den Jahren 2015 und 2016 schien es noch, als könnte das Maximum der Emissionen erreicht sein - ein Irrtum.
Die Konzentration von Kohlendioxid in der Erdatmosphäre steigt laut den Berechnungen weiter an. Sie wird im Jahresmittel voraussichtlich einen Wert von 410 Teilchen pro Million Teilchen Luft (ppm) erreichen. Die Weltwetterorganisation hatte vor Kurzem eine ähnliche Schätzung abgegeben.
Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre liegt damit 47 Prozent über dem vorindustriellen Wert von vor 1900. Zuletzt war sie vor etwa 15 Millionen Jahren so hoch.
Klimaforscher sagen, dass die Trendwende beim CO2-Ausstoß schnell erreicht werden müsse, wenn die Erderwärmung noch einigermaßen kontrollierbar bleiben soll. 2015 hat sich die Weltgemeinschaft im Pariser Klimaabkommen auf eine Begrenzung deutlich unter zwei Grad geeinigt - seitdem sind die CO2-Emissionen jedoch kräftig angestiegen.
Dabei müssten die Treibhausgas-Emissionen um 7,6 Prozent pro Jahr sinken, wenn das Ziel eingehalten werden soll. Geht es weiter wie bisher, dürfte die Welt im Mittel bis 2100 zwischen drei und vier Grad wärmer werden.
"Erdgas ist nicht die Lösung"
Laut Experten ist besonders der steigende Einsatz von Erdgas problematisch, das oft als Brückentechnologie ins Zeitalter der erneuerbaren Energien betrachtet wird. "Es ist ein Irrglaube, Erdgas wäre die Lösung", sagt Niklas Höhne vom Kölner New Climate Institute. Die globalen CO2-Emissionen - also auch die aus der Verbrennung von Erdgas - müssten bis 2050 auf null sinken. Aber es passiere das genaue Gegenteil: Immer neue Gasfelder würden erschlossen, Häfen und Pipelines würden massiv ausgebaut. "Wenn wir Klimaschutz ernst nehmen, müssen all diese Investitionen überdacht werden", sagt Höhne, der nicht an der aktuellen Untersuchung beteiligt war.
Auch die Europäische Umweltagentur (EEA) drängt auf weitere Maßnahmen zum Klimaschutz. Die Fortschritte in Europa reichten längst nicht aus und gefährdeten den Wohlstand, schreibt die Behörde in ihrem Fünfjahresbericht. Europa müsse etwa tun. Nicht irgendwann, sondern jetzt. Es handle sich um die "entscheidende Herausforderung dieses Jahrhunderts."
Vor allem mit Blick auf das Erreichen der EU-Ziele bis 2030 ist die EEA kritisch. "Wir sollten besser darin werden, die von uns festgelegten politischen Ziele einzuhalten", sagte EEA-Exekutivdirektor Hans Bruyninckx.
Der neue Fünfjahresbericht der EEA kommt zu einem passenden Zeitpunkt: Zum einen läuft in diesen Tagen die Uno-Klimakonferenz in Madrid an, zum anderen hat in Brüssel gerade eine neue EU-Kommission ihre Arbeit aufgenommen, die sich verstärkt für Klima und Umwelt einsetzen will. Zudem halten viele Forscher und Aktivisten 2020 für das entscheidende Jahr, in dem die Emissionskurven endlich deutlich sinken müssen.