Top-Raubtiere Fressen für die Umwelt
Mehrere Forscherteams schlagen unabhängig voneinander Alarm: Die ökologischen Systeme der Erde stehen vor ihrer größten Krise. Ein Modell komplexer Nahrungsnetze hat neue Hinweise dafür ergeben, wie sehr Ökosysteme destabilisiert werden, wenn die Artenvielfalt sinkt.
Top-Räuber, also die Tiere, die in den miteinander verflochtenen Nahrungsketten ganz oben stehen, halten die vielfältigen, komplexen Ökosysteme intakt. Allerdings steht den neuen Erkenntnissen zufolge vielerorts das Gleichgewicht schon auf der Kippe, nämlich da, wo Top-Räuber wie Tiger und Großbären bedroht sind.
Gibt es über die eine Nahrungskette mal mehr Beute zu fassen als über eine andere, so fressen die Top-Räuber lieber von dem reichhaltigeren Angebot. Deswegen sei es gerade das wechselnde Räuberverhalten, das Ungleichgewichte zwischen einzelnen Beutetier-Populationen ausbalanciere, schreiben Neil Rooney von der amerikanischen University of Guelph und seine Kollegen in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals "Nature" . Ein Beispiel: Geht in einem Ökosystem die Zahl der Erdhörnchen dramatisch zurück, frisst der Bär vermehrt Murmeltiere - und gleicht so die Unterschiede zwischen den Populationen aus.
Menschen untergraben stabilisierende Strukturen
Allerdings geraten Ökosysteme leicht aus dieser Balance, egal ob an Land oder im Wasser. Wenn die Top-Räuber nicht mehr existieren oder ihnen die Nahrungsgrundlage genommen wird, zerstöre das zum einen die Vielfalt im Nahrungsnetz und somit im gesamten Ökosystem. Zum anderen werde so die natürliche Stabilisierung verhindert, schreiben Rooney und seine Kollegen.
Es sei der Mensch, der diese kritischen, weil anfälligen Strukturen im Ökosystem untergrabe, betonen die Biologen und zählen als Gründe auf: Menschen zerstören Regenwälder, Küsten und andere Lebensräume; sie brauchen zum Beispiel durch Überfischung biologische Ressourcen auf, verschmutzen die Umwelt und schleppen in Ökosysteme fremde Arten ein.
"Der Verlust der Biodiversität wird sich deswegen beschleunigen", kommentieren die Biologen Michel Loreau und Alfred Oteng-Yeboah ebenfalls in "Nature" . Ihnen zufolge sind zurzeit etwa zwölf Prozent der Vogelarten, fast ein Viertel aller Säugetier- und Nadelbaumspezies sowie fast jede dritte Amphibienart vom Aussterben bedroht. Der Klimawandel werde sein Übriges tun: Durch ihn würden 15 bis 37 Prozent der restlichen Arten innerhalb der nächsten 50 Jahre ausgelöscht.
Statt Top-Räubern sind Parasiten die Kontrolleure
"Wenn die Kontrolle durch die Top-Räuber fehlt, übernehmen Parasiten die Kontrolle", sagte Juliane Filser von der Universität Bremen zu SPIEGEL ONLINE. Sie ist eine der Sprecherinnen der Gesellschaft für Ökologie und nennt als Beispiel die Löwen in der afrikanischen Savanne. Die seien auch Top-Räuber, allerdings oft von Parasiten befallen. Die Parasiten hätten immer leichteres Spiel, weil die Raubtiere mangels Nahrung geschwächt und damit anfälliger seien. Auf diese Weise übernehmen die Parasiten laut Filser zunehmend die Kontrolle in den Nahrungsnetzen. "Parasiten haben die gleiche Funktion wie Top-Räuber, wenn auch nicht auf so dramatische und blutige Weise."
Trotzdem wird die Biodiversität sinken, die die Vielfalt an Genen, Arten und Lebensräumen umfasst. Deswegen fordern die Wissenschaftler Loreau und Oteng-Yeboah ein internationales Forum zum Schutz der Lebensvielfalt. Dieses Forum soll dem Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) ähnlich sein, das im Auftrag der Uno die Klimaentwicklung und ihre Folgen beobachtet.
Ökologen wollen Internationales Forum aufbauen
"Die Biodiversität auf der Erde ist ein unersetzbares natürliches Erbe, das entscheidend für das menschliche Wohlergehen und eine zukunftsfähige Entwicklung ist", begründen die Wissenschaftler ihren Plan. Zumal die immer zahlreicheren Schutzgebiete nicht viel ausrichten könnten und in den Ozeanen die Situation sogar schlimmer werde.
Die Idee für ein derartiges Biodiversitätsschutz-Forum finden die deutschen Ökosystem-Forscher hervorragend, sagte Filser. "Unter Ökologen gibt es keinen Dissens. Nicht umsonst ist die Biodiversität ein Hauptgegenstand der ökologischen Forschung."