Tutanchamun Der unterschätzte Herrscher
Seit der Entdeckung seines nahezu unversehrten Grabes im Tal der Könige 1922 ziehen die Schätze des jungen Pharaos, der mit 18 Jahren starb, die Menschen in ihren Bann. Dabei war die Grabstätte des Herrschers eigentlich überhaupt nicht standesgemäß, denn normalerweise wurden die ägyptischen Gottkönige in eigens errichteten Königskatakomben beigesetzt, deren Bau meist viele Jahre dauerte. So viel Zeit stand jedoch nach Tutanchamuns unerwartetem Tod vor 3200 Jahren nicht zur Verfügung. Der Pharao lebte in einer Phase des Umbruchs, in der Ägypten zwischen Revolution und Restauration schwankte, berichtet das Wissenschaftsmagazin "Bild der Wissenschaft" in seiner Novemberausgabe.
Begonnen hatten die politischen Unsicherheiten etwa 18 Jahre bevor Tutanchamun als kleiner Junge zum Pharao erhoben wurde. Sein Vorgänger Echnaton setzte anstelle des herrschenden Polytheismus, in dem jeder Ägypter einen persönlichen Ansprechpartner im Himmel hatte, den Sonnengott Aton als alleinigen Gott ein - und verschärfte die Situation weiter, indem er sich selbst zum einzigen Menschen mit Zugang zu dieser Gottheit erklärte.
Außerdem schaffte er das Leben im Jenseits, das erklärte Ziel jedes Ägypters, schlicht und einfach ab, um seine Landsleute dazu zu bringen, mehr Augenmerk auf die Gegenwart zu richten. Als äußeres Zeichen seines radikalen Bruchs mit der Tradition verlegte Echnaton seine Hauptstadt von Theben nach el Amarna. Nach 17 Jahren Herrschaft starb er, ohne einen legitimen Erben zu hinterlassen.
Was danach genau passierte, ist heute nur noch schwer nachvollziehbar, denn Echnatons zahlreiche Gegner strichen ihn und seine direkten Nachfolger kurzerhand von allen Königslisten. Nach dem so genannten Ketzerpharao bestieg ein Herrscher namens Semenchkare den Thron. Wer dieser König war, ist vollkommen unklar: Es gibt sowohl Hinweise darauf, dass Echnatons Gemahlin Nofretete unter diesem Namen den Thron bestieg, als auch, dass Semenchkare ein ehemaliger Co-Regent Echnatons war.
Dieser Schattengestalt folgte Tutanchamun, der bei seiner Inthronisation erst etwa acht Jahre alt war. Später versuchte der junge Herrscher, die revolutionären Ideen Echnatons und die konservativen Strömungen in der Priesterschaft und der Verwaltung zu verbinden. Er wählte dazu einen Mittelweg und machte die extremsten Ideen seines Vorgängers wie die Abschaffung des Jenseits und die Negierung des Polytheismus rückgängig, integrierte jedoch Teile der neuen Weltordnung in die Traditionen. Ein Beispiel ist die Wahl seiner Hauptstadt: Statt zurück zum Althergebrachten und damit nach Theben zu gehen, entschied er sich für das nordägyptische Memphis.
Nach Ansicht vieler Ägyptologen hätte diese Strategie, eine Brücke zwischen dem Alten und dem Neuen zu bauen, sehr erfolgreich sein können - wären da nicht die mächtigen Gegner gewesen, für die diese Lösung lange nicht weit genug ging, und wäre Tutanchamun nicht nach nur zehn Jahren Regentschaft plötzlich gestorben. Diese Umstände und eine Verletzung am Schädel der Mumie veranlassen den britischen Archäologen Nicholas Reeves, an einen klassischen Meuchelmord aus politischen Gründen zu glauben.
Dem widerspricht seine Kollegin Sylvia Schoske, Leiterin des Staatlichen Museums Ägyptischer Kunst in München, jedoch ganz entschieden: "Die Zeit nach Echnaton war eine kritische Phase, und da wird man den Teufel tun und den König ermorden", sagt sie.
Auch nach Tutanchamuns Tod kam das Reich noch mehrere Jahre nicht zur Ruhe. Erst Haremhab, ein Pharao nicht-königlicher Abstammung, brachte wieder Ordnung nach Ägypten: Er adoptierte Ramses I und begründete damit die neue Herrscherdynastie der Ramessiden, unter denen das Land zu Höchstform auflief.
Doch obwohl Echnaton und Tutanchamun verfemt waren und von der ägyptischen Geschichtsschreibung vollständig ignoriert wurden, prägten ihre Ideen die folgenden Generationen. So findet sich beispielsweise 60 Jahre später in der Politik Ramses II die Idee von dem einen Gott für alle Welt wieder: Unter diesem Herrscher wurden so viele Eigenschaften anderer Götter auf den Hauptgott Amun projiziert, dass er de facto alle anderen Götter in sich vereinte und ersetzte. Ägypten begann, sich für Neues zu öffnen und auch feindliche Völker als gleichberechtigt zu betrachten - eine Haltung, die Experten ebenfalls auf Echnatons Ideen und Tutanchamuns Bemühungen zurückführen.
Ilka Lehnen-Beyel, ddp