Umsichtige Primaten Affen planen
Leipzig - Orang-Utans und Bonobos bewahren nützliche Werkzeuge für einen späteren Einsatz auf. Das haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig beobachtet: Zuerst brachten die Forscher einigen Affen bei, mit einem Werkzeug Trauben aus einem Versuchsgerät zu angeln. Danach konnten die Tiere aus geeigneten und ungeeigneten Werkzeugen eines auswählen und mit in einen Warteraum nehmen. Nach einer Stunde durften sie wieder zurück und konnten sich, falls sie das passende Werkzeug mitgebracht hatten, ihre Belohnung holen. In mehr als der Hälfte der Versuche brachten die Tiere das richtige Werkzeug zurück.
"Es ist das erste Mal, dass ein nicht-menschliches Tier eine solche Fähigkeit gezeigt hat", sagte Max-Planck-Forscher Josep Call zu SPIEGEL ONLINE. Die Fähigkeit, um die es geht, ist Vorausplanung: Bedürfnisse in der Zukunft vorherzusehen. Gegenstände für künftige Situation auswählen zu können - wie etwa bei einem Urlauber, der Strandutensilien in seinen Koffer packt - und mitzuführen, hatten einige Wissenschaftler bisher nur Menschen zugetraut.
In zwei weiteren Experimenten erhärteten die Forscher ihren Befund: Auch wenn die Wartezeit verlängert wurde oder die Affen das Versuchsgerät bei der Werkzeugauswahl nicht sehen konnten, lösten sie das Problem ähnlich gut. Die Affen wählten, transportierten und bewahrten also ein Werkzeug auf, das für sie erst in der Zukunft wichtig werden würde. Sie seien daher durchaus in der Lage, vorauszuplanen, berichtet das Team um Nicholas Mulcahy und Josep Call im Wissenschaftsmagazin "Science" (Bd. 312, S. 1038).
"Eine denkbare Kritik an unserem Versuchsaufbau könnte natürlich sein, dass die Tiere einfach gerne mit Werkzeugen herumlaufen, ohne jede weitere Absicht, nur weil es ihnen Spaß macht", sagte Call. "Wenn sie dann belohnt werden, machen sie natürlich damit weiter."
Um diesen Fall auszuschließen, haben die Forscher vier Affen, die das Experiment nicht kannten, morgens in den Raum mit den vier Werkzeugen gelassen. Nach fünf Minuten mussten die Tiere weiter in den Warteraum, nach einer Stunde durften sie zurück. Eine Aufgabe mussten sie nicht lösen. Jeder bekam eine Belohnung, der ein Werkzeug trug - egal, ob das richtige oder ein falsches. Bei diesem Versuchsaufbau, erklärt Call, hätten die Affen deutlich seltener ein Werkzeug getragen.
Vorausplanung auch über Nacht nicht vergessen
"Wir konnten beobachten, dass sich dieses Verhalten wenigstens bis zum nächsten Tag fortsetzte", sagt Call. Auch wenn die Affen im Verlauf des Experiments eine Nacht geschlafen hätten, seien sie am nächsten Morgen wieder mit dem Werkzeug in der Hand aufgetaucht. Für Call ein deutlicher Hinweis auf Vorausplanung: "Denn ich vermute mal, dass Orang-Utans nicht von ihren Werkzeugen träumen."
Nun müsse in weiteren Tests herausgefunden werden, wie weit diese Fähigkeiten der Affen reichten, merkt Thomas Suddendorf von der University of Queensland im australischen Brisbane in einem "Science"-Begleitartikel an. "Das wäre eine quantitative Differenzierung, die qualitative haben wir erbracht", sagt Call.
Die Autoren folgern aus ihren Ergebnissen, dass sich die Fähigkeit zur Vorausplanung vor mindestens 14 Millionen Jahren entwickelt hat, als der letzte gemeinsame Vorfahr von Bonobo, Orang-Utan und Mensch lebte.
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