Uno-Warnung: Die Wüste wächst - DER SPIEGEL
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Uno-Warnung Die Wüste wächst

Ein Uno-Bericht warnt vor einer katastrophalen Ausbreitung der Wüsten dieser Welt. In den kommenden zehn Jahren könnten dadurch bis zu 50 Millionen Menschen ihre Heimat verlieren. Schuld ist an der Ökokatastrophe nicht zuletzt die Globalisierung - und der Klimawandel.
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Der Bericht einer Uno-Forschungskommission lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die Ausbreitung der Wüsten auf unserem Planeten sei "die größte ökologische Herausforderung unserer Zeit". Der Bericht warnt vor massenhaften Wanderungsbewegungen und unabsehbaren ökologischen Folgen. 200 Experten aus 25 Ländern haben daran mitgearbeitet.

Einer der Wissenschaftler, Janos Bogardi von der United Nations University in Bonn sagte der "New York Times", die durch das Wüstenwachstum ausgelöste Völkerwanderung sei ein gewaltiges Problem. Und zwar eines, das auch die nicht betroffenen Länder der ersten Welt direkt angehe: "Diejenigen, die am Ende in Boote Richtung Europa steigen, sind nur die Spitze des Eisbergs." Denn bislang vollziehe sich die verzweifelte Flucht vor den wachsenden Wüsten vor allem weit entfernt - und außer Sicht - der reichen Länder der Erde.

Schuld am Wüstenwachstum, vor allem im Subsahara-Gebiet und in Zentralasien, ist der Mensch. Zu viel Vieh grast auf vielen Flächen, mit Bewässerung und extensiver Landwirtschaft zerstört die lokale Bevölkerung in Trockengebieten die eigene Umwelt. Es sei unabdingbar, dass "effektive politische Maßnahmen ergriffen und nachhaltige landwirtschaftliche Praktiken eingeführt werden, um den Niedergang der Trockengebiete zu stoppen", sagte Hans van Ginkel von der United Nations University. Verschärft wird das Problem durch den Klimawandel, der Dürreperioden verstärkt und häufiger macht.

50 Millionen auf der Flucht vor den Wüsten?

Über vierzig Prozent der Landfläche der Erde sind Trockengebiete - und Teile davon sind in Gefahr, sich in Wüstengebiete zu verwandeln. Zwei Milliarden Menschen leben in diesen Regionen. Wenn nicht bald gravierende Maßnahmen ergriffen werden, sei mit einer wahren Völkerwanderung zu rechnen, mahnt der Bericht: 50 Millionen Menschen würden vermutlich in den kommenden zehn Jahren ihre Heimat verlassen, einfach, weil der Boden sie nicht mehr ernähren kann.

Schon heute flüchten viele Menschen aus ihren ursprünglichen Wohnorten. Viele verlassen auch ihr Heimatland aufgrund der Zerstörung der Böden. Fallstudien zeigen etwa, dass 20 Prozent der Bevölkerung Malis in Dürrejahren ins Nachbarland Elfenbeinküste ziehen. Schnell könnten solche gewaltigen Zuströme auch zum Zusammenbruch der Gastländer führen, warnen die Forscher.

Bogardi sagte der "New York Times": "Die Zahlen, die uns heute alarmierend erscheinen, können auf unkontrollierbare Weise explodieren. Wenn man sich Landnutzung und Trockengebiete heute ansieht, erkennt man, dass Situation bald kippen könnte." Außerdem drohen weitere Folgen: Wüstenboden kann plötzliche Regenfälle nicht gut aufnehmen, was zu überraschend anschwellenden Flüssen oder gar Überschwemmungen in weit entfernten Gebieten führen kann - ganz abgesehen von den katastrophalen Folgen für die lokale Flora und Fauna.

Das Problem wächst, die Mittel zur Bekämpfung schrumpfen

Die Politik hat das Problem noch nicht im Blick: Bei der letzten Uno-Konferenz zum Thema im Jahr 2005 wurden die Mittel für die Bekämpfung des Wüstenwachstums um 29 Prozent gekürzt. "Politikern ist nicht klar, wie schwerwiegend die Situation ist", sagte der Erstautor des Berichtes, Zafar Adeel von der United Nation University, "sie stellen keine ausreichenden Ressourcen zur Verfügung, um diese Herausforderung anzugehen." Das Problem, so Adeel, werde größer, die bereitgestellten Mittel dagegen schrumpften. Der enge Zusammenhang zwischen dem Kampf gegen die Armut in der Welt, der Entwicklung er Bodennutzung und der Bekämpfung des Wüstenwachstums werde offenbar nicht verstanden.

Dabei weiß man nicht erst seit gestern von der schleichenden Katastrophe. Ein Bericht des Forscherkonsortiums Millennium Ecosystem Assessment enthielt schon im Jahr 2005 deutliche Worte: "Wenn man die Bevölkerungszahlen in Trockengebieten zurgrundelegt, ist die Anzahl der Menschen, die vom Wüstenwachstum betroffen sind, vermutlich größer als bei jedem anderen Umweltproblem." Schon damals forderten die Wissenschaftler zu sofortigem Handeln auf - und benannten deutlicher als der neue Bericht die Ursachen: "Studien haben gezeigt, dass Handelsliberalisierungen, makroökonomische Reformen und die Konzentration auf Produktionssteigerungen für den Export zu Wüstenbildung führen können."

Ursache Globalisierung

Solche "Verzerrungen der internationalen Nahrungsmittelmärkte" drückten die Preise auf lokalen Märkten und unterminierten so die Lebensgrundlage von örtlichen Landwirten. Das Ergebnis einer derartig globalisierten Lebensmittelwirtschaft sei "eine Abwärtsspirale aus immer schlimmer werdender Schädigung des Bodens und Armut", sagte einer der Autoren damals.

Ein Ausweg aus der Krise könnte gleichzeitig auch ein zweites, mit diesem verwobenes Problem lindern: Wiederaufforstung. Ökotourismus und sinnvolle, nicht-landwirschaftliche Wiederanpflanzung könnten Hand in Hand die Wüstenbildung stoppen - und gleichzeitig den Klimawandel bremsen helfen. Denn wachsende Pflanzen binden Kohlendioxid.

Adeel spricht von "innovativen Lebensgrundlagen für die Menschen", die keinen weiteren Druck auf die regionalen Ökosysteme ausüben. Einfach Bäume zu pflanzen, hilft allerdings nicht notwendigerweise: Am Rande chinesischer Wüsten hat man genau das versucht - aber die dadurch notwendige Bewässerung hat das Problem des lokalen Wassermangels eher verschärft.

cis/AP