Vogel füttern im Winter - ja oder nein? - DER SPIEGEL
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Vögel im Winter Füttern - ja oder nein?

Schadet es den Vögeln im Garten, wenn man sie durch den Winter füttert? Noch immer gehen die Meinungen in Sachen Vogelhäuschen auseinander, es gibt aber eine Tendenz.
Kohlmeise an einem Meisenknödel (Archivbild)
Kohlmeise an einem Meisenknödel (Archivbild)

Kohlmeise an einem Meisenknödel (Archivbild)

Foto: Boris Roessler/ picture alliance / dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was fressen Vögel eigentlich im Winter, fragt sich der ein oder andere Gartenbesitzer und hängt vorsichtshalber ein paar Meisenknödel auf oder schüttet eine Körnermischung ins Vogelhäuschen. Rund 15 bis 20 Millionen Euro geben die Deutschen nach Angaben des Naturschutzbundes Nabu jährlich für Vogelfutter aus.

Ist das gut für die Tiere?

Unter Vogelexperten herrscht seit Langem erbitterter Streit über Sinn oder Unsinn winterlicher Vogelfütterungen. Während die einen das Füttern als Beitrag zum Artenschutz preisen, sehen andere Gefahren.

Zuletzt untersuchten Forscher um Jennifer Malpass von der Ohio State University, inwiefern die Futterstellen neben kleineren Singvögeln, die das Futter bekommen sollen, auch deren Feinde anlocken - etwa Eichhörnchen oder größere Vögel wie Krähen.

Das Ergebnis: In Gegenden, in denen intensiv gefüttert wurde, tummelten sich demnach auch mehr Nesträuber, heißt es im Fachblatt "The Condor: Ornithological Applications" . Allerdings sank nicht überall auch die Überlebenschance der Brutvögel. Bei manchen Arten waren die Überlebensraten geringer, anderen konnte die Anwesenheit der Räuber nichts anhaben.

Füttern als moralische Pflicht

Für Deutschlands wohl bekanntesten Ornithologen, Peter Berthold, hat das Ergebnis keine große Relevanz. Für ihn ist Füttern eine "moralische Pflicht". Der 77-Jährige mit dem weißen Rauschebart verfüttert nach eigenen Angaben sieben Tonnen pro Jahr an vier Großfutterstellen.

14 Jahre lang leitete er die Vogelwarte Radolfzell in Baden-Württemberg, eine Zweigstelle des Max-Planck-Instituts für Ornithologie. Er ist überzeugt: "In unserer weit heruntergewirtschafteten Natur ist jede Art von Fütterung Artenschutz." Wer den Vögeln wirklich helfen wolle, müsse das ganze Jahr über Nahrung hinausstellen - nicht nur im Winter.

Laut Roter Liste sind rund 30 Vogelarten in Deutschland vom Aussterben bedroht. Drei Viertel der Arten, die sich in offenen Landschaften heimisch fühlen, gelten als gefährdet.

Auswirkungen des Fütterns auf die Vogelwelt weitgehend unklar

Die Biologin Silke Voigt-Heucke von der Freien Universität Berlin kann dagegen nicht nachvollziehen, warum eindeutige Fütterungsempfehlungen ausgesprochen werden. "Es gibt nur sehr wenige Studien darüber, welche Effekte vom Menschen angebotene Nahrung hat", betont sie. Bisherige Studien wiesen eher darauf hin, dass Zusatzfutter sich leicht negativ auf die Fortpflanzung auswirke.

In einer dieser Untersuchungen fanden britische Forscher heraus , dass Junge von im Winter gefütterten Blaumeisen beim Schlüpfen im Schnitt kleiner sind, weniger wiegen und seltener flügge werden. Dass es einen ursächlichen, negativen Zusammenhang mit dem Futter gibt, ist dabei jedoch ebenfalls unklar.

Kohlmeise an einem Futterhäuschen (Archiv)

Kohlmeise an einem Futterhäuschen (Archiv)

Foto: Holger Hollemann/ picture alliance / dpa

"Ein Grund könnte auch sein, dass Füttern im Winter relativ schwachen Vögeln dabei hilft zu überleben und zu brüten", sagt Studienautorin Kate Plummer, Biologin an der Universität Exeter und Mitarbeiterin am British Trust for Ornithology. Diese Tiere brächten dann weniger Jungtiere durch - hätten sonst aber wohl gar keine Eier gelegt. Ob der Meisenbestand sich durch Extrafutter verändere, müsse aber weiter erforscht werden.

Parasiten, Viren und Bakterien

Problematisch sehen einige auch die Ausbreitung von Krankheiten in Vogelhäuschen. So lehnt der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) beispielsweise offene Futterhäuschen ab. "Die kann man gar nicht so häufig putzen, wie es notwendig wäre", sagt Lars Lachmann, Vogelschutzexperte beim Nabu.

Unter anderem könnten darin das ganze Jahr über Salmonellen übertragen werden. Und bei sommerlichen Temperaturen vermehrten sich im Wasser von Vogeltränken Trichomonaden. Diese Einzeller werden immer wieder vor allem Grünfinken zum Verhängnis. Am besten seien Siloeinrichtungen. Denn bei ihnen falle das Futter aus einem Loch und könne nicht mit Kot verschmutzt werden.

Trägt füttern zum Artenschutz bei?

Komplett gegen das Zufüttern im Winter ist inzwischen kaum ein Vogelkundler mehr. Der Nabu empfiehlt aber, ein Grundmaß an Hygiene im Häuschen einzuhalten und mit dem Füttern aufzuhören, sobald man tote Vögel in der Umgebung findet.

Zum Artenschützer werde man mit einem Vogelhäuschen aber auch nicht. Man könne zwar einzelnen Individuen mit Zusatzfutter durch den Winter helfen, sagt Lachmann. "Aber mit Artenschutz hat das nichts zu tun", betont er. "Man hilft nur sehr wenigen Vogelarten, die alle nicht bedroht sind." Maximal zehn der insgesamt rund 200 Arten, die es in Deutschland gibt, kämen überhaupt zum Fressen an Futterhäuschen.

Und selbst bei denen, die das Angebot annähmen, wachse nicht unbedingt die Population: "Wenn man massenweise Meisen durch den Winter füttert, gibt es im Frühjahr und Sommer trotzdem nicht mehr Brutpaare", sagt er. Geeignete Nistplätze und das Insektenfutter für die Jungvögel blieben schließlich begrenzt.

Berthold sieht das anders: Gerade weil es nur noch so wenige Insekten gebe, müsse man füttern. Wenn tatsächlich nur wenige Arten zum Futterhäuschen kämen, sei das in der Regel der Fehler der Vogelfreunde selbst. Wer über Jahre durchgehend füttere - so wie er -, der könne bald mehr als 50 Arten am Häuschen begrüßen.


Zusammengefasst: Ob es den Vögeln im Garten hilft oder schadet, wenn man sie durch den Winter füttert, lässt sich nicht eindeutig sagen. Aussagekräftige Studien fehlen. Ein striktes Futterverbot vertritt inzwischen aber kaum jemand mehr, solange das Vogelhäuschen nicht komplett verdreckt. Zum Artenschützer wird man durch das Zufüttern aber nicht unbedingt.

jme/dpa

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